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Die Wahrheit · 1901-12-06 · Heft 47 (6.12.1901) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 47 (6.12.1901)
Date
1901-12-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaction u. Administration Vien. II/l, Novaragaffe 27. ji ft. k österr. Postsparcasja ' Lheck-Conto Nr. 846.251. .j 20 Heller ver Nonpareille-Zeile. AtonnementS- und JnsertionS-! betrüge sind in Wien zahlbar.! L«z«g^«ir: ( »an,jährig . . ft. 12— ' Halbjährig ... ft. 6.— i l Für Lnltnsbeanrte: San,jährig ... ft. 10.—! Erscheint jeden Kreiterg. Mott»: .Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" Far Ausland r I l San,jährig .... 8 Mark! 6 Rubel oder 16 Fre*. :! _u «r. 47. Wien, 5. December IM. Anhalt r Lucian Brunner und der Talmud. — Die jüdische Religion und ihre Sittenlehre. — Reisebriese aus Holland. — Die Künste, besonders Baukunst und Musik, und das Judenthum.. — Das Goldland Ophir. — Das Kaddischgebet. — Der jüdische Cuultusbeamte — Verschiedene Nachrichten. Wir ersuchen die Könner und Ireunde unseres Mattes, in assen öffentlichen Localen hier und in der Urovinz „Kie Wahrheit" zu verlangen. Die Redaction. Lucian Krunner und der Talmud. Die Schwächen großer Leute bekannt zu geben — und zu den großen Männern zählt man und zählt sich auch Herr Lucian Brunner — ist eine Art Gewissenssache; man richtet damit Hunderte auf, ohne Jenen zu schaden. Gibt es ja Unzählige, aus deren Thatkraft das Bewusstsein ihrer geistigen Minderwertigkeit säst lähmend wirkt, die jedoch in dem Momente der Erkenntnis der Schwächen und Widersprüche bei geistig hochragenden Menschen ihre Thatkraft in voller Intensität zurückerlangen. In den Dienst einer solch edlen, gemeinnützigen Sache gestellt, wird Herr Brunner eine an einem Theil seines Vortrages geübte Kritik zweifellos nur freudig begrüßen. Es wird Herrn Brunner wohl kaum an der Wiege gesungen worden sein, dass er und der Talmud aus der breiten Heerstraße des Lebens einander je begegnen würden, doch auch wir alle werden uns erst allmälig gewöhnen können, diese so grundverschiedenen Begriffe in einem Athem zu nennen; denn Herr Brunner, den man bis nun blos in Verbindung mit dem Verwaltungsgerichtshose oder dem Gemeinderathe zu hören bekam, hat es uns in seiner bisherigen Wirksamkeit auch nicht durch die leiseste Andeutung ahnen lassen, dass er sich noch dereinst dem für ihn gewiss ungemein schwierigen Gebiete des Talmud zuwenden werde. Begreiflicherweise darf dieser Umstand seine diesbezüglichen Verdienste keineswegs schmälern, er stellt ihn ganz im Gegentheil in ein umso günstigeres Licht, als er, der im Lause der zurückgelegten Jahre doch gewiss keinerlei Vorkenntniße als Basis erworben hat, auf welcher er jetzt Stein auf Stein weiterbauen könnte, es dennoch nicht scheut, sich auf den Talmud mit einem Eifer zu werfen, welcher an Herrn Brunner bislang blos in der Gemeinderathsstube bemerkbar war, wenn es galt, die.Beschimpfungen Bielohlawek's und Konsorten zu paralisiren. Trotz des vollständigen Mangels an Vorkenntniße» sammelte er also, wie erwähnt, Stein auf Stein, doch nicht um zu bauen, sondern um zu — bewerfen. Im «Jüdischen Volksverein" sollte Mittwoch, den 27. November Herr Lucian Brunner über den Cultusvorstand sprechen, nahm jedoch die Gelegenheit wahr, im Laufe des Vortrages nach Erstattung von Vorschlägen über Gemeindewesen und Cultusverwaltung sich auch über Glauben und Religion, Judenthum und Judenheit, Nationalismus und Zionismus, Socialdemokratie und last not least über den Talmud zu verbreiten. Brunner ist, wie man es längst weiß, entschieden ein Mann von Geist, der gesunde und scharfsinnige Logik mit klarem und durchdringendem Verstände verbindet; Eigenschaften, die bei richtiger Verwendung auf richtigem Platze ihren Besitzer ailszeichnen und erheben, die ihn jedoch in eine etwas schiefe Beleuchtung rücken, wenn er sie zu Taetlosigkeiten missbraucht. Was in aller Welt zwang ihn denn, den Talmud gewaltsam in die Controverse hineinzuzerren, und weffen Zustimmung glaubte er wohl sicher zu sein, wenn er den Talmud belächelte? Herr Brunner scheint vergessen zu haben, dass der „Jüdische Volksverein" nichts weniger als eine Stätte zur Fröhnung jüdisch-antisemitischer Passionen sei. Wie peinlich musste es die Zuhörer berühren, den Mann, auf den man stets mit Stolz hienwies, deffeu mannhaftes, unerschrockenes Eintreten für das Judenthum seinerzeit die Herzen gewann, nunmehr im eigenen Lager von einem der heiligsten Güter der Juden, von der mündlichen Ueberlieferung, so wegwerfend sprechen zu hören! Wenn man auch von Brunner nicht verwöhnt war, ihn für die Religion im engeren Sinne Lanzen brechen zu sehen, so war man doch auch anderseits auf eine Verhöhnung des Talmuds in einem jüdischen Vereine keineswegs gefasst. Seine Animosität gegen den Talmud gewinnt erst volle Bedeutung durch das Selbstbekenntnis, dass ihm der Talmud ein Buch mit sieben Siegeln sei. Sich über etwas abfällig aussprcchen, von dessen wahrem Wesen und innerem Gehalte man thatsächlich keine Ahnung hat, heißt nichts anderes, als sich selbst das Zeugnis der Oberflächlichkeit, der Seichtheit, um nicht zu sagen, der Frivolität ausstellen. Wenn Brunner, der von fast sämmtlichen Diskutirenden in gebührender Weise zerzaust wurde, nachher nichtsdestoweniger mit der stolzen Phrase herausrückte, dass er wohl viele Stiche erhalten habe, die jedoch nur wenig Blut gegeben hätten, so musste er es ja doch auch wissen, dass seine nichtssagenden Satyren auf den Talmudsganz gewiss von demselben wirkungslos abprallen würden. Die sprühenden Witzworte, in welchen Brunner sich im Schlussworte sehr gefiel, bewiesen, dass er eben ein wenig in sich selbst verliebt sei, wobei er entschieden den nicht genug hoch zu veranschlagenden Bortheil besitzt, nicht viele Nebenbuhler fürchten zu müssen. Brunner hat es scheinbar nicht bedacht

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