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Die Wahrheit · 1901-11-29 · Heft 46 (29.11.1901) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 46 (29.11.1901)
Date
1901-11-29
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Allgemeine Canloren-Zeilnng. Mr. 46. Aeilägc zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 21. Iahrg. Kie geehrten Kerren ßantoren des Zn- und Anstandes werden ersucht, die Rückstände und den Köonnementsvetrag für das taufende HnarLat umgehend emsenden zu wollen. Aachklange des Canlorentages. Von P. Minkvwsky, Obercantor in Odessa. (Fortsetzung.) Jedes Haus hatte eine ganz besondere Bestimmung im Volke, und jeder Leiter eine ganz besondere Mission in Israel zu vollführeiM. Talmudische, halachische und dogmatische Fehden, wie auch agadische Erörterungen haben nie in der Synagoge stattgefunden, ihr Platz war im abgeschlossenen „Forscherhaus"; wie man damals gewöhnlich zu fragen pflegte: ^)? ttmen n'22 ovn n*n vnn no*. So war im Anfänge der Charakter der beiden Häuser, das Reden oder Lehren im Bethamidrasch und das Beten in der Synagoge. Die Epoche des Christi nthums brachte theologische Reden in die Synagogen. Diese christlichen „Reden" blühten auf den Ruinen der alten jüdischen „Thaten". Währtnd das Judenthum blos durch Gesetze, Gebote und Verbote seine Realisirung beweisen musste, wobei das Reden blos als Mittel zum Zwecke betrachtet wurde, machte das Christenthum, welches gegen die alten Gesetze auftrat, das Reden zur einzigen Waffe, zu Fleisch und Blut des neuen Gottesdieilstes. Im alten Testamente werden Handlungen als Seele der Religion angegeben, das mt>yj geht immer vor dem ycttw, in dem neuen Testamente sind die Reden Hauptsache, „und man siiht fast überall, dass die Handlung nur dazu da ist, der Rede zum Anlass und Ausgang zu bienen."1 * 3) Die Aufhebung des Gesetzes, die Umtauschung der Handlungen zu Gottes Ehre in bloßen Glauben, und die Jdealislrung der Menschenrechte in Menschengnade*) konnte ohne Propaganda der Rede unter dem Volke unmöglich zustande zu kommen. Und darum suchten die Evangelisten und Apostel, die aus dem Kreise der jüdischen Gelchltcn aus dem Belhamidrasch ansgestoßen wurdeu, die Doctrinen des nlnen Credo durch das göttliche Wort, welches gar als Logas3 * *) versinnbildlicht wurde, unter dem versammelten Volke in den Synagogell, und gerade während des Gottesdienstes zu verbreiten. Das christliche Wort fand feine erste Huldigung au einem Platze, wo die Gegenwart eines Pharisäers, Scphers und Rabbi am wenigsten zu verdächtigen war, nämlich in der Synagoge. Um dieser Propaganda des christlichen Wortes entgegenzutreten, lehrte ein Pharisäer der Paulinischen Periode, Simon der Sohn Gamliel's, (Gamliel's, der nach der Ueberlieferuug Lehrer des größten Apostel-Reformators Paulus gewesen wai^) die Thesis: at:n onn nanon ^>21 wyen kSn ipy tP*nen sS7) Der Protest seitens der Pharisäer führte aber zu nichts, die christliche Rede war schon in die Synagoge eingedrungen und forderte Gegenrede«! seitens der Rabbinen, die durch die christliche Bewegung aus ihrer Abgeschlossenheit heraustreten mussten, um dem Volke näher zu treten. Ihre Reden unterschieden sich von den christlichen dadurch, dass die der letzteren offensiv, die der erstereu defensiv, jene leidenschaftlich impulsirt, diese auf¬ 1) Siehe „Synagoge und Cantor vor und nach Sulzer" in der Wahrheit Ivüv—1901 von Schreiber dieser Zeilen. Aboth d'rabbi Natan Cap. 18 3) G. A. Wislicenus, „Die Bibel für denkende Leser", Bd. 2. S. 84. Matthias, Cap. 15. &) Johannes, Cap. 1, Vers 1. «) AP. Gesch. 22, 3. 23, 6. Auch Wislicenus, „Die Bibel für denkende Leser", Band 2. Seite 245, 252. Renan, „Das Leben Jesu". <) Pirke Aboth. Cap. 1., Vers 17. Auch Aboth d,rabbi Natan, Cap. 22. Traktat Pesachim S. 99. 8) Traktat Taanith S. 17. 9) Zunz, Die synagvgale Poesie des Mittelalters. W) Jewish life in the middle ages. by Abraliame. London. gedrungen waren. Es schlichen sich Reden ein am Fasttage „L'1t>l2'2 '121" zuerst an der Straße neben der Synagoge3) Yy W N21N12 und nach und nach in die Synagoge, im Falle der Roth und Drangsal. Die Redner brachten immer in der Zeit der Verzweiflung dem Volke Trost und Hoffnung, niemals aber wurden die Reden als Bestandtheil des Gottesdienstes betrachtet, und daher zu einer anderen Zeit außerhalb des Gottesdienstes gehalten nS'ön *nrn min |öt".8 In der Epoche des Peitanim, als der Piut den Inhalt der Derascha abforbirt, ihn in poetische Form gebracht und vertont hatte, ist die Derascha im Gottesdienste gar zu einer Seltenheit geworden. Selbst der Piut hatte viele Kämpfe durchzumachen,. bis er sich den Weg in die Synagoge geebnet hat, u«ld blos den schönen Melodien der Chasanim, die ihn begleiteten, hat der Piut seine Einverleibung in die Tephila zu verdanken.3) Nach Abschluss der peitanischen Periode verzeichnet wohl die Geschichte hervorragende Rabbinen, die auch das Wort bemeifterten und zum Wohl der Gemeinde von ihrer Elequeuz Gebrauch machten, wie Leon Modena (1571—1648), Menasche ben Israel (1604—1657), Josef Salomon Delmedigo (1591 bis 1665), Josef Albo. Jonathan Eibenschütz rc., aber ihre Reden standen, obwohl sie sehr hoch gewürdigt wurden, außerhalb des Gottesdienstes. Auch herumreisende Redner gab es unter den Namen „tjö" oder „srr>in f?y2" die auch jetzt noch in Polen, Russland und America, wie die gastierenden Chasanim, sich großer Popularität erfreuen und reichlich belohnt werden, allein ihre Vorträge wurden nie als Theil des Gottesdienstes betrachtet. Nicht zu sprechen von dem mittelalterlichen „Badchan",^) der, obwohl er der populärste Mann in der jüdischen Gesellschaft und im häuslichen Leben fast unentbehrlich war, mit dem Gotteshaus und geschweige mit dem Gottesdienste nichts zu thun hatte. Erst seit Jakobson, dem Reformator nach protestantischem Muster gegen jüdische Sitten und Tradition, gelangte die Drascha der Rabbinen unter Mädchengesang und Glockenklang zu ihrer jetztigen religiösen Bedeutung im Gottesdienste. Seesen wurde zum Sinai des modernen Rabbinates, dort wurde das ,,Reden" statt des „Lehren" inaugurirt und dadurch dem Rabbinat ein neues Heim geschaffen, nämlich die „Kanzel" in der Synagoge, ein Heim, welches eher zur Schmälerung als zur Vergrößerung der Autorität des neuen Rabbinates beigetragen hat. Die Predigt des 19. Jahrhunderts wurde auf den Ruinen der alten Tephila gebaut; je weniger Tephila desto mehr Predigt. Die Tephilla wurde von den Schöpfern der Reformation verstümmelt und verkrüppelt, um dadurch für die Predigt mehr Raum zu machen. Je weiter die Rabbinen sich von ihrem Elemente, der „nun" entfernten, desto heftiger griffen sie in die „,Y!l2y" ein. Tephila und Predigt rivalisirteu das ganze Jahrhundert miteinander; Hagar wollte die Sarah mit aller Gewalt verdrängen und den Rang der Suprematie i«n Gotteshaufe für sich usurpiren. _ (Schluss folgt.) Gemeinde- und Vereinsbote. Wien. (S u l t a n f e i e r.) Anlässlich des Geburtstages Sr. Majestät des Sultan Abdul Hamid II. fand Mittwoch, den 27. d. M., im Tempel der türkischen Gemeinde halb 12 Uhr Vormittags ein Festgottesdienst statt, an welchem der kaiserlich türkische Botschafter, Mahmud Bey, sammt den Botschaftsräthen, der türkische Generalconsul Dirzstay, Polizeileiter Kende, Bezirksvorsteher Niebauer, der Präsident der österr. israel. Union Maximilian Paul Schiff, Cultusvorsteher Architekt Fleischer, Kais. Rath Dr. Lieben, Polizeiarzt Dr. Ehrmann und v. A. theilnahmen. Die Präsidenten Marcus Russo und Licco Adutt begrüßten den Botschafter und die anderen Würdenträger und geleiteten dieselben auf ihre Ehrenplätze in den Tempel. Mit Vortrag des. „Matowu" durch Obercantor Bauer unter Orgel- Harfen- und Chorbegleitung wurde der Gottesdienst eingeleitet. Rabbiner Papo hielt die Festrede und Obercanlor Bauer recitirte das Gebet für den Sultan. Mit AbsingUNg der türkischen Hymne durch den Chor, unter Leitung des Dirigenten Löwit, schloss die erhebende Feier. Nachmittags wurden der gesummte

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