Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 46 (29.11.1901)
- Date
- 1901-11-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 46. Die Wahrheit. Seite S. Vorstand, sowie Dbercantor Bauer und Chordirigent Löwit vom Botschafter in seinem Palais empfangen, wobei Se. Exeellenz Gelegenheit nahm, seine vollste Anerkennung über den großartigen und würdevollen Verlauf der gottesdienstlichen Feier-auszusprechen. Wien. In der Filiale des „Jüd. Volksvereins" im 9. Bezirk, Seegafse, Restauration Wendlinger, wo jeden Donnerstag Discuffioneu stattstnden, Dr. sprach Leo,Sofer am vorigen Samstag vor einem zahlreichen! aus Damen und Herren bestehenden Auditorium von Mitgliedern und , Gästen über das Thema „Juden von einst und jetzt". Der Vortragende I schilderte in lebhaften Farben die Vorzüge der guten, alten Zeit mit ihrer conjervativn Richtung, vermöge welcher durch minutiöse und rigorose Beobachtung des Ceremonienwesens indirect auch das nationale Moment gestärkt und gekrästigt wurde. Unter den Einwirkungen dieser altehrwürdigen Epoche wuchs eine zweite Generation heran, die meyr dein Rationalismus und der Reform huldigte, aber noch gut jüdisch fühlte, aus Pietät und Gewohnheit dem väterlichen Glauben anhing und der Assimilation nur die allernöthigsten Conceffionen machte. Schließlich folgt heute das dritte, oder das moderne Geschlecht, das — wenige Ausnahmen abgerechnet — vom Judenthum, iei es in religiöser oder nationaler Beziehung, nahezu nichts wissen will und fast schämt man sich seines Volkes und Glaubens. Hier Wandel zu schaffen, sei die hohe und löbliche Aufgabe der Volksvereine. Die Juden in nationaler,! politischer und ökonomischer Hinsicht zu organisiere», durch belehrende, - den jüdischen Gemeinsinn belebende Vorträge die Zerstreuten und Zer- \ splitterten zu sammeln und durch Darlehensvereine die Existenz der Be- | drängten zu erleichtern. Nach kurzer Pause eröffnete Prediger Grün die > D'scussion. Vom religiösen Standpunkte stimmte er dem Vortragenden! im Großen und Ganzen vollste«» zu, jedoch betonte er die Nothwendig-! keit einer idealen ethischen Lebensanschauung, di» sich mit gewissen Par-! tien der hebräischen Liturgie nicht vertrage, namentlich was die Auffassung eines persönlichen Messias und die Gebote um Restituirnng des Opsercultus betrifft. Monolheimsus, geläuterte Moral und umsaffende Menschenliebe müssen als leitende Grundprincipien auch für das Judenthum der Zukunft festgehalten werden — alles andere sei mehr nationaler Natur und unterliege einer Aenderung mit der Zeit. Dr. Paul Weisengrün plaidirte für weitgehendste Toleranz in religiösen Dingen und betrachtet die materielle Aufrichtung des Volkes derzeit dringendst geboten. Im gleichen Sinne sprachen Herr Kraus und Schriftsteller Singer. Dr. Fisch l vindicierte dem Zionismus die erste Stelle unter den verschiedenen Richtungen der Gegenwart, wurde aber von seinem Collegen Dr.Jacob Kohn in scharf satyrischer Weise eines Besseren überführt. Gegen Mitternacht schloß die Versammlung. Wien. Donnerstag, den 26. November um halb 7 Uhr abends findet in den Saallocalitäten des „Weilandhofes" XX, Klosterneuburgerstraße 33 eine General-Versammlung der Mitglieder des Bethausvereines Brigittenau mit folgender Tagesordnung statt: I. Berichterstattung des Obmannes; 2. Wahl von 5 Vorstandsmitgliedern; 3. Statutenänderung; ■ 4. Anträge. { Wien. (Verein z u r Hebung derGewerbe.) Sonntag, j den 1. Deccmber, 7 Uhr Abends findet im großen Festsaale des Riederösterr. Gewerbe-Vereines,^ 1., Eschenbachgasse U, eine Plenar- Versammlung mit folgender Tages-Ordnung statt: I. Bericht des Vorstandes; 2. Vortrag des Herrn Bürgerschuldirector Simon über: „Wie erziehen wir unsere Töchter zur Erwerbsfähigkeit"; 3. Discussion (unter Beiziehung mehrerer Frauenvereine) jener Vereinspräsidentinnen, die Institutionen für die gewerbliche uud arbeitende Bevölkerung geschaffen haben. Damen und Gäste willkommen. Wien. Mittwoch den 4. December a. c., 8 Uhr Abends findet im großen Festsaale des „Jüdischen Volksvereines" II, Leopoldsgasfe 49, ein Vortrag des Herrn Dr. Carl Lifczis, Hof- und Gerichts-Advokaten, über das Thema „Napoleon I. und die Juden", statt. Gäste, auch Damen willkommen. Wien. Der litterarische Geselligkeitsverein jüdischer Mädchen „Moria" wird Sonntag, den L December den zehnjährigen Bestand des Vereines im Prachtsaale des „Hotel Central" 2. Bez., Taborstraße in j festlicher Weise begehen. Ein reichhaltiges Programm wird den Festj abend einleiten und mit einem Tanzkränzchen beschließen. Die Tanzmusik - besorgt die Capelle des bosnischen Jnf.-Reg. Nr. 1.! Wien. (Richtigstellung.) Die Adresse des „jüdischen Schul- | Vereines" im 9. Bezirk ist nicht Seegasse 23, sondern Seegaffe 21, i woselbst die Kinder zur Aufnahme eingeschrieben werden. j Hemberg. Haben wir eine Toynbeehalle? Man behauptet es l wenigstens, wir aber in unserer Verstocktheit glauben nach den Zeichen > und Wundern, welche sich dort vollziehen, dies verneinen zu müssen, j Zunächst soll ein solches Institut den Dürftigen dienen, welchen man! einige Momente der Ruhe und Erholung gönnen will. Daher wird all-! gemein in denselben unentgeltlich Thee serviert und ebenso auch unenrl geltlich geistige Nahrung geboten. In Lemberg aber wird kein Thee j serviert, dazu noch 10 Heller per Person als Eintrittsgebühr verlangt. Kein Wunder, dass das Publicum sich nur aus jungen Mädchen und jungen Herren rekrutirt. Will man ernstlich eine derartige Anstalt, dann möge sie als Suppenanstalt ins Leben treten, wo die arme Bolksclaffe um einen ganz geringen Preis abends irgend eine Suppe genießt, worauf dann die geistigen Genüsse unentgeltlich geboten werden sollten. verschiedene Nachrichten. Wien. Sonntag, den 24. d. M. fand im Stadttempel die Trauung des Fräulein Olga Beck, Tochter des k. u k. Hoflieferanten und Vorstehers des Tempelvereines im 8. Bezirke. Herrn Hermann Beck, mit Herrn L. Geist statt. Bei der hervorragenden geschäftlichen Position des Brautvaters und der außerordemlichen Beliebtheit, deren sich die Brautmutter, die hochverdiente Präsidentin des Frauen-WohlthätigkeitsvereineS im 8. Bezirke, Frau Amalie Beck, in den Wiener Gesellschaftskreisen erfreut, war es natürlich, dass die beschränkten Räume des Tempels für die zahlreichen Hochzeitsgäste nicht ausreichten. Unter den Anwesenden bemerkten wir den Bicepräsidenten der Cultusgemeinde, Dr. Alfred Stern, mit den Cultusvorstehern Baurath Stiaßny, Architekt Fleischer, Salo Cohn, Bezirksfchulrath Dr. Spitzer und Hermann Ellbogen, den 1. Secretär kaiserl. Rath Dr. Lieben, den Präses des jüdischen Gewerbevereines S. Brod mit dem Vicepräses, den gesammten Vorstand und die Functionäre deS Bethanses im 8. Bezirk und viele Andere. Den Trauungsact vollzogen Oberrabbiner Dr. Güdemann und Obereantor Singer. Die Nebersüllung des Tempels gab einem Temp-wiener Anlass, seine übereifrige Geschäftigkeit und Wichtigthuerei in missliebig bemerkter Weise zu bethätigen. Ueberhaupt thäte es noth, manche dieser Herren, die sich bei verschiedenen Anlässen als die Herren in der Synagoge geberden, etwas besser zu erziehen und sie eindringlich darüber zu belehren, was ihnen zukommt und was nicht. Doch über dieses umfangreiche Capitel wollen wir uns bei einer anderer Gelegenheit ausführlicher verbreiten. Wien. Sonntag, den 24. d. M. wurde die Gattin des bekannten und allgemein geachteten Industriellen. W. Polaczek. Frau Charlotte Polaczek. geb. Löv-Beec, unter überaus großer Theilnahme zu Grabe getragen. Die cankorale Function versah Obeccantor Guttmann unter Assistenz der beiden ersten Cantoren Schiller und Blatt, und die Leichenrede hielt Rabbiner Dr. Schmiedl, die seltenen Tugenden der leider so früh dahingeschiedenen edlen Frau schildernd. n'a'S'a'n Wien. Sonntag, den 1. December a. c. findet um halb 2 Uhr Nachmittags im Bethause, 2. Bez., Große Schiffgaffe 8. die Trauung des F änlein Hermine Hofbauer. Tochter des Herrn Bernhard Hofbauer, mit Herrn Isidor Felsenburg statt. Wie». Sonntag, den 1. December, Vormittags 10 Uhr findet in Sohr's Restaurant 2. Bez., Circusgaffe, das Bekleidungsfest der „Tischgesellschaft" statt, bei welchem 34 alte, würdige, arme jüdische Männer mit vollständiger Winterkleidung beschenkt werden. Oomaun dieser Gesell« schüft ist der bekannte Wohlthäter Herr Isidor Schwarz. Ktoridsdorf. Am 24. d. M. starb hier der Gymnasialschüler Carl Wodicka, Sohn des in weiten Kreisen bekannten und geachteten Kaufmanns Herrn Ignaz Wodicka. Unter zahlreicher Betheilizunz d«r hiesigen Bevölkerung fand das Leichenbegängnis am 25. d. M. statt, an dem auch Herr Dr. Polaschek, Director des hiesigen k. k. Staats - gymnasiums, mit dem Lehrkörper der Anstalt und der ganzen Schulfugend theilnahm. Unser Obercantor, Herr Moriz Löwy, trug mit Chorbegleitung das übliche Hazurtomim in erhebender Weise vor, worauf Herr Rabbiner Dr. M. Rosenmann eine aus das Publicum mächtig wirkende Rede hielt, die;um Schluffe den betrübten Eltern reichen Trost spendete. Hroppau. Samstag den 23. d. M. fand im hiesigeit Tempel anlässlich des 70. Geburtstages unseres verehrten Rabbiners, Herrn Dr. Abr. Blüh, ein Fe st gottesdien st statt, dem der größte Theil der Gemeinde-Mitglieder beiwohnte. Als der Jubilar zur Thora gerufen wurde, stimmte der Damen- und Herrenchor mit Orgelbegleitung einen Psalm an. in dem Herr Obercanor Singermannj ein prächtiges Solo sang Nach der zweiten Brochoh sprach der Jubilar ein schönes hebräisches Gebet, worauf der Chor wieder den „Segen" ane stimmte. Nach dem Laienen hielt der Jubilar eine Ansprache an di» Gemeinde und dankte in tiefempfundenen Worten für die ihm zutheil gewordenen Ehren. Es war eine herzliche schöne Feier, die ans die Anwesenden großen Eindruck machte. Am Geburtstage selbst, am 21. d., überbrachte der Vorstand dem greisen Jubilar die herzlichen Wünsche der Gemeinde und überreichte ihm einen prachtvollen Pokal und ein sehr ansehnliches Ehren-Geschenk. Außerdem erschienen den ganzen Tag über unzählige Gratulanten, und Briefe und Telegramme von Nah und Fern liefen fortwährend ein. Herr Dr. Blüh ist feit 23 Jahren in unserer Gemeinde thätig, und sein reiches Wissen, wie sein bescheidenes, liebenswürdiges und friedliebendes Wesen erwarben ihm viele Freunde. Wir wünschen aus vollem Herzen, dass es dem ehrwürdigen Manne vergönnt sein möge, noch viele, viele Jahre in unserer Gemeinde segensreich wirken zu können: ad meoh schoniin. 8. —an. Krankfurl. (Ein preußischer Prinz im jüdischen KrankenhausinJerusale m.) Das Centralcomite zur Errichtung eines jüdischen Krankenhauses in Jerusalem, das seinen Hauptsitz in Frankfurt a. M. hat, erhielt von seinem Arzt Dr. Wallach eine Depesche, die besagt, dass Prinz Adalbert von Preußen im ausdrücklichen Auftrag Kaiser Wilhelms Bau und Einrichtung des neuen Hospitals besichtigt hat. Das Hospital, das allen Anforderungen der modernen Hygiene entspricht, wird demnächst seiner Bestimmung übergeben. Mannheim. Einen interessanten Vortrag hielt am Montag, im hiesigen „jüd. Discuffionsverein" Herr Simon über das Thema: „Der Jargon". Ein zahlreiches Publicum folgte den anziehenden Worten des Redners. An der bis gegen Mitternacht währenden Discuffion beteiligten sich u. a. außer dem Correfenten Wertheim die Herren: Dr. Unna, Klugmann, Obstler, Dr. Hamburger, Meißler sowie, zu Ehren der Damen ' sei's gesagt — Frau Dr. Unna. Der Verein wird im Laufe des Winternoch verschiedene Redner zu Borträgen einladen.