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Die Wahrheit · 1901-11-29 · Heft 46 (29.11.1901) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 46 (29.11.1901)
Date
1901-11-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Nr. 46. Die IVahrherl. erschienen nach laugen Jahren zum ersten male wieder kleinere und größere Schriften, die uneingeschränkt auf jüdischem Boden standen. In ihrer Qualität sind sie freilich sehr verschieden; von einem besonderen litterarischeu Werth ist aber zweifellos ein Buch, das jeden jüdischen Leser, auch wenn er, wie der Versasser dieser Zeilen, dem Zionismus fernsteht, fesseln muß. Es ist dies ein dem heutigen Zionismus weit vorausgeeiltes Werkchen, das den Titel: „Rom und Jerusalem" trägt, Moses Heß zum Verfasser hat und 1862 zum erstenmal erschien. Bei einer Kritik dieses Buches wollen wir uns hier nicht aufhalten, ohne Nutzen wird es kein Leser aus der Hand legen, das mag genügen. Wir haben soeben erwähnt, dass thatsachlich nach Jahrzehnte langem Todesschlaf sich das jüdische Geistesleben wieder regt. Wir fügen hinzu, dass es vorerst noch in den jüdischen Litteraturvercinen seine Centren hat und voraussichtlich, ebenbürtig den geistigen und sittlichen Bestrebungen unserer christlichen Mitbürger, das Judenthum des ztvanzigsten Jahrhunderts aus seiner jetzigen Versumpfung emporheben und auf eine seiner würdigeren Stufe bringen wird.- Wenn den Litteraturvercinen diese keineswegs leichte Aufgabe zugewiesen werden soll, dann müssen sie freilich selber auf eine ganz andere Basis gestellt werden, wie in ihrer gegenwärtigen Verfassung. Sie sind noch zu jungen Datums, um bereits vollkommen zu sein, sie dürfen mit ihrem inneren Ausbau jedoch nicht lauge zuwarten, wenn sie nicht an Zugkraft verlieren, an geistig sittlichem Einfluss aber gewinnen sollen. Sonst wird ihre Lebensdauer keine lange, ihr Einfluss kein nachhaltiger werden, sie selbst nur eine Episode nicht aber Merk- und Meilensteine im jüdischen Leben bedeuten. Es ist nicht beabsichtigt, in diesem Artikel auf die gegenwärtigen Mängel und die künftigefWeitergestaltnng der Litteraturvereine einzugehen. Was alle gemeinsam zu fördern hätten, wäre das jüdische S ch r i ft th u m. Vorträge mögen ja durch die Macht der vox viva, der tönenden Stimme, für einen Abend oder auch etwas länger im Zuhörer haften bleiben, lebhafte Discussionen mögen zum Denken und Urtheilen anregen, das geschriebene Wort mit seinem nachhaltigen Werth vermögen sie nicht zu ersetzen, und eine eigentliche Litteralur schafft man nicht durch Vorträge, und mögen sie noch so glänzend und gediegen sein, sondern nur durch Schriften. Schriftstellerische Produktionen in die weiten Schichten des jüdischen Publicums einzuführen, wäre Aufgabe der Litteraturvereine, sogar eine unabweisbare. Ebenso wichtig wäre, der jüdischen Presse entgegenzukommen. Gerade in Litteraturvercinen sollten a l l.e jüdischen Zeitschriften ohne Ansehen der Tendenz anfliegen, damit die einseitigen Auffassungen über dieselben einem gerechten Urtheile weichen, das Interesse für jüdische Journalistik die Befähigteren zur Mitarbeiterschaft anrege und die fast schon zerrissenen Bande zwischen den jüdischen Gemeinden wieder von neuem geknüpft würden. Bereits weht ein neuer, frischer Zug durch die jüdischen Zeitungen, muthig weisen sie auf die Schäden unseres Gemeinde- und Familienlebens hin, der gute Wille, unsere geistige und sittliche Wiedergeburt beschleunigen zu helfen, wohnt ihnen mehr als früher inne, sie bedürfen nur der ernstlichen materiellen und moralischen Unterstützung, um in den Zeiten der Noth, die ja nicht ausbleiben werden, in ihnen ein wirksameres Kampf- und Abwehrmittel zu besitzen. Als Secte, als Partei, als Nasse, überhaupt als etwas Abgesondertes und als etwas Abzusonderndes werden so gut wie wir auch unsere Kinder noch lange angesehen werden. Da müssen wir denn doch unsere eigenen Organe besitzen und diese müssen von unseren Gegnern beachtet oder doch als beachtenswerth anerkannt werden. Solche Organe müssen spezifisch jüdisch sein, denn Vertheidigungsmittel bei Anderen suchen müssen, ist ein Zeichen der Schwäche. Es liegt an uns Juden selbst, solche Mittel an den jüdischen Zeitungen zu besitzen. Dann kann auch die jüdische Presse das jüdische Schriftstellerthum fördern, jüdische Belletristik, schöngeistiges Leben mit jüdischem Kern in die Maffen bringen. Jüdische Autoren und deren Werke werden auch dann, wirksamer als durch einen Vortrag in den jüdischen Vereinen alleindem jüdischen Publicum näher gebracht werden. Vieles, vielleicht das meiste können hierzu die Litteraturvereine beitragen. Indem wir solcherart uns eine gesunde und einflussreiche Presse, sowie auch eine unserer glorreichen Vergangenheit würdige Litteratur schaffen, bereichern wir auch die deutsche Litteratur zugleich mit, entfernen uns keineswegs vom vaterländischen Geist und Boden, sondern festigen vielmehr alle gemeinsamen sittlichen Bande, die uns mit ihm verknüpfen. Denn das Gute und Beste aus unserer Eigenart heraus, die wir keinesfalls leugnen, sondern stolz zngeben, wird in deutscher Sprache geschaffen werden, wie seither und wird früher oder später auch in die weiteren Schichten des deutschen Volkes eindringen, als ein Theil deutscher Litteratur selbst. Wie es von diesen bewerthet wird, hängt nicht zum Wenigsten davon ab, wie wir unsere eigenen Schriftsteller selber schätzen. Erfüllt der Äugendgottesdimst feinen Zweck? Seit der Einführung dieses Surrogates einer religiösen Institution dürften etwa 25 Jahre verstrichen sein, und als das wichtigste Kriterium des Erfolges könnte die Thatsache bezeichnet werden, dass die herangewachsene Generation beim öffentlichen Gebete sich selbständig im Siddur oder Machsor zurechtzufiuden weiß. Allmälig daran gewöhnt und dazu gehörig angehalten, der Andacht mit ungetheilter Aufmerksamkeit und intensivem Interesse zu folgen, würde der religiöse Sinn im Allgemeinen gefördert und gefestigt werden, selbst in dem Falle, als das Elterlthaus diesbezüglich die von der heiligen Schrift in dem Schma-Gebete vorgeschriebeneue stricte Verpflichtung, die Kinder allein in der Lehre zu unterweisen, nicht so streng erfüllen möchte. So sollte es sein! Sehen wir uns aber einmal die traurige Wirklichkeit an! Was zeigt sich uns? Im Ganzen dürften, da in den großen Tempeln der Knabenmit dem Mädchen-Gottesdienste alternirt, da ferner die Ferienwochen, die großen und die kleinen, selbstredend zu abstrahiren wären, blos etwa 20 Sabbathe im Schuljahre zn rechnen sein, an denen die Kinder auf eine halbe Stunde in das Gotteshaus gehen. Zumeist kommen sie mit ihrer Bücherlast, geistig abgespannt und physisch abgehetzt, nehmen ohne genügende Anleitung das Betbuch in die Hand, geben sich oft ohne entsprechende Inspektion und stramme Disziplin .seitens gut geschulter pädagogischer Kräfte ihrer Laune und jeweiligen Stimmung hin, und manche thun nur zum Scheine so, als ob sie wirklich mitbeten oder mitsingen, bezw. die Exhorte ruhig anhören würden. Auf dem Lande, wo in den meisten Fällen der Religionslehrer Exhortator ist, kann sich derselbe durch Abforderung einer schriftlichen Skizze der Exhorte von dem Grade der angewandten Aufmerksamkeit wenigstens theilweise überzeugen, doch in der großen Stadt fehlt dieses bescheidene Hilfsmittel. Wie es mit der Beaufsichtigung dieser jugendlichen Tempelbesucher bestellt ist, hatte ich jüngst unerfreuliche Gelegenheit zu sehen, indem ein etwas lebhafter Junge seine Theilnahme für die drei Consirmanden dadurch an den Tag legte, dass er sich gerade während der Keduscha und Rezitation der Benedictionen VW nach den Bar-Mizwa-Geschenken u. dgl. genau erkundigte, bis ich ihn als stiller Beobachter durch eine scharfe Rüge zur Ruhe verwies. In der Provinz bildet überdies die zeitweilige Theilnahme der Eltern und sonstiger Familien-Angehöriger am Kinder- oder Studenten-Gottesdienft ein veredelndes und controlirendes Moment, welches durchaus nicht zn unterschätzen ist. Nimm doch, Deinen Sohn, den Du liebst, und führe ihn zum Berge Moriah, nicht ihn sollst Du opfern, sondern Deine freie Zeit gern und bereitwillig zum Opfer bringen und Deinem Kinde mit gutem Beispiele andächtigen Gebetes vorangehen! Aber nicht blos vor der Oeffentlichkeit, um den Schein zu wahren, sondern auch im Elternhause, das ja auch eines unserer traditionellen H e i l i g t h ü m e r darstellt, wie die Schule und das Lehrhaus, musst Du, Vater, die Gelegenheit wahrnehmen, im Bortrage des Tischgebetes, ferner beim

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