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Die Wahrheit · 1901-11-29 · Heft 46 (29.11.1901) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 46 (29.11.1901)
Date
1901-11-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 46. Die Wahrheit. Lene 5. Thätigkeit Bambergers und Laskers. Aber das Bethätigungsfeld dieser und noch zahlreicher anderer Juden lag außerhalb der jüdischen Sphäre und galt einestheils sozialen und kosmopolitischen, anderntheils rein nationalen Bestrebungen. Siewaren sammt und sonders von dem Jrrthum befangen, dass der Judenhass ein endgiltig überwundenes Volksgefühl, der Jude von jetzt ab unbestritten und uubezweifelt Vollbürger seines Geburts- und Heimatslandes geworden, seine geistige Eigenart und seine Religion kein Trennungsgrund mehr für seine christlichen Mitbürger sei, und keiner wie bisher so sorglicher Weiterpflege mehrbedürfe. Wie verderblich dieser Jrrthum dieser führenden Geister für die deutsche Judenheit geworden, wie schädigend und zersetzend auf unsere innerjüdischen Verhältniße und wie nachtheilig ihr Beispiel aus ihre Glaubensbrüder gewirkt hat, haben wir seit mehr als zwanzig Jahren un uns selber erfahren müssen, und einer von ihnen, Bamberger, hat es noch miterlebt. Eine eindringliche Lehre, uns durch Personencultus nicht zum blinden Autoritätsglauben verleiten zu lassen; denn von dem Seherblick unserer Propheten ist nichts auf unsere großen Zeitgenossen übergegangen. Von den eingangs erwähnten, aus Jahrzehnte langer Gährung heroorgegangenen Kämpfen wurde das Judeuthum nur wenig berührt, soweit es sich nicht um politische, mit der Emancipation zusammenhängende Fragen handelte. Abgesehen von den zwischen Reform und Orthodoxie herrschenden Kämpfen, welche naturgemäß meist von den Rabbinen ausgekämpst wurden, ruhte unser Geistes- und damit auch unser Litteraturleben. Wohl entstanden, wie auch schon zuvor, recht ansehnliche belletristische Werke, aber sie wurden wenig beachtet, selten gelesen und fast nie gekauft, und daher vom Buchhandel nicht ermuthigt. Letzterer selbst kam weit eher auf seine Rechnung, wenn er Gebetmäntel, Gebetriemen, Mesusos und Esrogim verkaufte, als wenn er literarische Erzeugniße zum-Vertrieb übernahm. Natürlich fehlte dem Judenthum auch damals wie heute noch, was die nichtjüdische Litteratur aller gebildeten Nationen besaß, nämlich: die schriftstellernde Frau. Weder eine jüdische Mühlbach, noch eine Polko, Elise v. Gompert, odergar eine Beecher Stowe wirkten auf jüdische Frauen und Mädchen ein. Aber dennoch, das muß der Vollständigkeit halber erwähnt werden, gab es ein Buch, das einen buchhändlerischen Erfolg und eine Reihe von Auflagen erlebte, wie ihn voraussichtlich kein jüdischer Schriftsteller sobald erzielen wird. Dieses Buch ist von einer jüdischen Frau verfasst und heißt: „Kochbuch für israelitische Frauen von Rebekka Wolf, geborene Heinemann." Gleichzeitig bildeten die einzige ansehnliche Litteraturbeigabe der jüdischen Blätter die Spendenliste für Palästina. Wenn wirklich einmal einige zusammengefasste Schnurrpfeifereien einige Auflagen erlebten, so thun wir besser, Solches durch Stillschweigen zu übergehen, man käme zu einem vernichtenden Urtheil über den Bildungsgrad der deutschen Juden. Trotzdem dieselben einen ungewöhnlich großen Procentfatz zu den Gelehrtenberufen stellten und die Hochschulen verhältnismäßig am stärksten frequentirten, gedieh nichts zum allgemeinen Fortschritt Ersprießliches. Man glaubte, dem jüdischen Geist eine ganz besondere Werthschätzung zu verschaffen, wenn man recht viele Gelehrte schuf und schaffen half. Die Juden sollten sich an der Förderung aller wissenschaftlichen Fortschritte betheiligen, und jüdische Ueberschwenglichkeit leitete, wie überall, wo die Juden für ihre Eigeninteressen an die Qeffentlichkeit treten, das gute jüdische Herz aus Irrwege. Man wollte mit Gewalt ein jüdisches Gelehrtenthum — nicht ein gelehrtes Judenthum — produciren, und die Gymnasien und Hochschulen füllten sich mit jüdischen jungen Leuten. Ein wahres Kesseltreiben nach unbemittelten talentirten, oder faute de »ieux nach mäßig begabten, bemittelten Knaben und Jünglingen begann, die man großmüthig unterstützte, bis sie „ausstudirt" hatten. Die Folge war, dass sich die Mittelmäßigkeit, wie überall im Leben, breit und bei den Christen unangenehm machte, oder, wie Theobald Ziegler in einem kürzlich erschienenen, breit angelegten Werk: „Die geistigen und sozialen Strömungen des neunzehnte» Jahrhunderts" sagte, „durch cliquenhafte Zudringlichkeit und Betriebsamkeit in wissenschaftlichen und akademischen Verhältnißen zu Hass und Missachtung oft wirklichen Anlass gegeben." So beurtheilt ein deutscher Professor, den man nicht einmal des Antisemitismus zeihen kann, die jüdischen Akademiker. Thatsächlich bedeuten sie in ihrer Majorität für das Judenthum nichts, und letzterem bleibt nur der fragwürdige Ruhm, das gelehrte Banauserthum in unseren Reihen gefördert in haben. Dass viele mit jüdischem Gelde und jüdischer Hochherzigkeit in die Gelehrtenbahn Geförderte durch ihr unjüdisches Gebahreu eben kein glänzendes Vorbild für die großen Schichten wurden, sollte unsere Gewaltsphilantropen endlich doch zur Besinnung bringen und bei ihrer Wohlthäterei zu kritischerem Handeln führen. Es lag und liegt noch in diesem Gebühren, nur die Werdenden und Unvollendeten zu fördern, die Fertigen und die Gefestigten aber bei Seite zu schieben und „links liegen" zu lassen, eine logische Unmündigkeit, die sich durch unser ganzes jüdisches Lebeu hindurchzieht, die überall zu Tage tritt, wo unsere Mitbrüder irgendwo und irdendwie vor die Oeffentlichkeit treten. Man kann sich immer noch nicht von dem Gedanken losmachen, dass Genie und Geist nicht von den Universitäten geholt werden können, dass die geistige Führerschaft durchaus nicht von Universitätslehrern und diplomirteu Persönlichkeiten ausgehen muß; dass man bei der Wiederbelebung unseres Geisteslebens, besonders des belletristischen Lebens, sich nicht a,l Professoren und Doctoren zu halten hat. Wer sind denn die Führer und Sterne der deutschen, französischen und skandinavischen Litteratur? Etwa Professoren, Doctoren, Plivatdoeenten oder Commerzienräthe? Wieviel von ihnen haben denn über« Haupt in akademischen Hörsälen gesessen? Ist es denn nicht geradezu lächerlich, von Gelehrten Arbeiten oder Leistungen zu erwarten, wobei es ilicht auf Wissenschaftlichkeit und Bücherweisheit, sondern aus Genie, eoxrit (das man mit Geist nur norhdürftig übersetzen kann) auf psychologischen Scharfblick und auf Gemüth und Phantasie ankommt? Alles Dinge, die auf allen Hochschulen der Welt nicht erlangt werden, wenn sie die Musen nicht in die Wiege gelegt haben. Aber heißt es nicht, unseren geistigen Bestrebungen Gewalt anthun, wenn man unter Nennung einiger Dutzend Professoren und Doctoren aller Grade neuerdings eine Litteratur, gewissermaßen ullter Gelehrtenpolizeiaufsicht, in unseren breiteren Schichten einzuführen versucht? Erleben wir nicht häufig genug, dass sehr tüchtige Gelehrte, die verdieustvolle Fachwerke geschrieben haben, sobald sie populär schreiben wollen, banal werden? Allerdings ist es gegenwärtig die Zahl Jener, die für die jüdische Presse und Litteratur wirken und schreiben wollen, noch recht klein, zumal in Gelehrtenkreisen, weil eine gewisse Scheu llnd Scham, als Jude unter Juden eine Mission zu unternehmen, noch nicht völlig überwunden ist. Aber auch das hat sein Gutes, denn sonst würden wir tu Zukunft wiederum nur eine Gelehrtenaber keine Volkslirteratur bekomme», die allein ihren naturgemäßen Zweck, die Volksbildung, erreicht. Ihre hohe Blüthe verdanken alle Rationallitteraturen den Berufenen aus allen Volksschichten, nicht einem bevorzugten einzigen Stand. Von dieser Seite aus wird eine litterarische Strömung kaum sobald in ' unsere Massen dringen und wir brauchen das auch nicht sonderlich zu beklagen. Die erste Strömung im jüdischen Litteratur- und Geistesleben ging übrigens vo»t ganz anderer Seite aus. Man kann persönlich sich zum Zionismus stellen, wie man will; aber wir müssen ihm, wen» wir objektiv und gerecht sein wollen, die Priorität zuerkennen, die ersten Kräuselungen in die bewegungslose Fläche jüdischer Geistesstagnation veranlasst zu haben. Es ist völlig falsch, diese Wiedererweckung jüdischen Litteraturlebens dem Antisemitismus zuzuschreiben. Wäre dem so, dann hätte schon mindestens fünfzehn Jahre früher dieses Wiedererwachen stattfinden müssen; so aber war es die zionistische Bewegung, welche den ersten Anstoß zu einem litterarischen Leben Verlangen gab. Und auf zionistischem Boden

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