Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 46 (29.11.1901)
- Date
- 1901-11-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Serie 4. Die Wahrheit. Nr. 46. Geehrte Redaction der „Jüdischen Volksstimme" Brünn! Hierdurch bitte ich um die Gewährung eines Plätzchens in Ihrem geschätzten Blatte zu folgender Darlegung: Im Oktober v. I. hatte ich die Ehre, als s. z. Secretär des „Zionistischen Districts-Vorstand.es für Nieder-Oesterreich" und namens desselben, die aus Anregung unseres allverehrten Gesinnungsgenossen, Professor Dr. Leon Kellner, durch das Actionscomitä beschlossene Bildung von jüdischen Toynbee-Hallen «inzuberufen und alles das ausznsühren, was zur Förderung des Unternehmens seitens des aus den Vertretern der zionistischen Frauen-, Mädchen- und Oltsvereine gebildeten Gründungs- Eomites beschlossen war. Als der ungeahnte Aufschwung eine vermehrte Arbeit zur Folge hatte, habe ich mich bereit erklärt, die Secretariatsgeschäfte der Centralleitung zu übernehmen. Ich schicke dieses voraus, um mich für die folgenden Ausführungen -zu legitimiren, Ausführungen, die, der Oeffen'lichkeit zu über-- »geben, ich lebhaft bedauere, die aber nothwendig erscheinen, um «in von übereifriger Seite hervorgerufcnes „Missverständnis" zu beseitigen, entstandene Misshelligkeiten im Keime zu ersticken. Das Gründuugscomite war sich von vorneyerein über zwei Dinge einig: Aus der Toynbee Halle weder einen Tummelplatz von Leidenschaften zu machen, noch dieselbe zu Propaganda für de» politischen Zionismus zu benützen. Ans diesem Grunde wurden Discnssionen über alle politischen Themata verboten. Es genügte uns, als Zionisten eine jüdische I n st i t u t i o n ins Leben gerufen zu haben, einen neutralen Boden für alle Juden geschaffen zu haben, welch' rel'giöser und politischer Richtung sie auch sonst angehören mochten, wo jeder Besucher einige angenehme Stunden in Gesellschaft von Glaubens- und, warum es verschweigen, von Leidensgenossen verbringen durfte. Und was wir gewollt, es hat sich in überreichem Matze erfüllt. Wir haben uns, obgleich wir als Zionisten die Toynbee-Halle ins Leben gerufen, wir haben uns, sage ich, allseitige Anerkennung erworben, Anerkennung von einer Seite, die zu gewinnen wir vor Jahresfrist noch für unmöglich gehalten. Wir haben — um es mit einem einzigen Worte zu sagen — eine Eroberung der Wiener Cultusgemeinde ausgeführt, so vollständig, wie es nur zu denken ist. Allerdings keine mit der Faust, wie sie in den Köpfen junger, mit sozial-demokratischen Allüren gefüllter Hitzköpfe herumschwirrle; unsere Waffe war der Geist der jüdischen Humanität, der Geist jüdischer Nächstenliebe, wie er, Gott sei Dank, noch nicht erloschen ist und nicht erloschen sein darf, am wenigsten in einer Gemeinde, die sich mit Stolz die größte auf der weiten Erde nennen darf. Und nun zur Sache. Anlässlich der jüngsten Eröffnungsfeier unserer neuen Halle bemerkte der Redner des Abends, Professor Dr. Leon Kellner, mit Bezug auf die Besucher der Toynbee-Halle wörtlich : „Hier sind wir keine Zionisten, Socialisten oder andere -isten, sondern Juden, die in gegenseitiger Belehrung einige Stunden unter Brüdern zubringen, das was uns draußen in der Welt drückt, vergeffen wollen." Und ob dieser Worte Räuber und Mordbrenner! Von auswärtigen Gesinnungsgenossen gelangen an das Landescomite Briefe und Interpellationen, wie man es nur erlauben . könne, dass eine zionistische Institution zu einem Tempel der Assimilation degradirt werde, wie Zionistenfeinde in den Vorstand der Toynbee-Halle berufen werden können, und wie diese und ähnliche Worte alle lauten. Und das mit Bezug auf einen Verein, in dessen Vorstand und Ausschüsse heute Damen und Herren sich befinden, au deren aufrichtiger zionistischer Gesinnung wohl Niemand zweifelt, Leute die sich nach dieser Richtung durch Wort, Schrift und That hundert- und tausendfältig bewährt haben!? Nicht viel hätte gefehlt und Alle, die sich in der Toynbee- Halle bethätigen, wären mit dem großen Bannflüche belegt von Zionisten, die-die Toynbee-Halle zu besuchen noch keine Zeit gefmrden haben. Jawohl, wir haben die Freude, Männer wie Herren kais. Rath Moritz Hirsch, Landesschulrath Dr. Gustav Kohn zu unseren Vorstandsmitgliedern, den Präsidenten der Wiener Cultusgemeinde kais. Rath Heinrich K l i n g e r und fast alle Vorstandsmitglieder zu unseren Gönnern zu zählen. Sollen wir uns darüber etwa nicht freuen? Gibt es eine größere Geuugthuung als die, einen Feind — und was für einen? auf solche Weise zum Freund gewonnen zu haben? Der Ruhm, dass Zionisten es waren, die auf dem fteinharteu Wiener Boden einen Baum' gepflanzt und zur Blüte gebracht haben, wie es schöner kaum gedacht werden kann — dieser Ruhm ist uns für Nichts feil. Von der „Jüdischen Toynbee-Halle in Wien" spricht man heute überall, wo Zionisten wohnen, sie ist zum Bindeglied zwischen den sich widerstreitenden Leidenschaften geworden, zur Brücke, auf der eine Verständigung mit den Gegnern unserer Bewegung möglich. Wir werden unser Werk gegen Jeden zu vertheidigen wissen, der an dessen Bestand zu rütteln wagt. Wir werden ihn als einen Feind des Zionismus betrachten, weil er Hass lmd Zwietracht in unsere Reihen streuen will, während der wahre Zionismus die Einigkeit im Judenthume zu fördern und wieder herzustellen anstrebt. Die „Jüdische Toynbee-Halle in Wien" ist eine jüdische Musterinstitution wie der „Jüdische Sprachverein" eine solche ist. Jeder, der eine jüdische Institution fördert, ist in den Reihen des Zionismus willkommen, denn — mag er wollen oder nicht — e r wird zu m Z i o n i st e n in d e m A u genblicke, wo er d a s Z u s a m m e n g e h ö r i g k e i t s g e f ü unter den Inden fördern hilft, jenes Zusammengehörigkeitsgefühl, das leider! in dem Matze, wie es sein sollte, mehr in den Augen unserer Feinde als in unserer Mitte herrscht. Dieses mitherbeizusühren ist Ziel und Zweck der „Indischen Toynbee-Halle in Wien". Indem ich Ihnen, geehrter Herr Redacteur der „Wahrheit", für den mir zur Klarstellung des Sachverhaltes gewährten Raum bestens danke, zeichne ich mit aller Wertschätzung Hermann B e r l i n e r-Wien. Piomer-Ärdeiten. Bon D r. Arth u r ^K a h «»Bonn. Motto: An ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen. Solche gewaltige Wandlungen, wie sie das soziale und Geistesleben im zweiten Abschnitt des verflossenen Jahrhunderts durchgemacht hat, hat keine vorausgegangene, selbst die Reformationszeit nicht zu verzeichnen. Kein Gebiet der Industrie und Politik, der Wissenschaft, der Kunst, der Poesie oder Technik, das nicht von Grund ans ausgeführt und völlig umgestaltet worden wäre. Was von der Zeit der Befreiungskriege der europäischen Monarchen, von Napoleon bis zur Revolutionsepoche 1848 an Gedankenarbeit in den Volksmassen latent schlummerte und endlich seiner Fesseln bar, emporflammte, entfachte einen gewaltigen Kampf der Geister, der alle Schichten der Gesellschaft durchdrang und sie zur Stellungnahme zwang. Man dürfte aus diesem Grunde allein das abgelaufene Jahrhundert ebenso gut, wie man es ein solches des Dampfes und der Elektricität nannte, das Jahrhundert der Geisteskämpfe nennen. Das Judenthum ging aber bei dieser geistigen Revolution fast ganz leer aus, wiewohl es häufig genug gerade Juden waren, welche den Kämpfen auf den verschiedenartigen socialen und wissenschaftlichen Gebieten ihre Richtung und Signatur gaben. So Julius Friedrich Stahl, der von Erlangen nach Berlin berufene — selbstverständlich zuvor getaufte — Professor, der das protestantische Kirchenrecht in Wort und Schrift docirte, und wie man ruhig behaupten darf, der Begründer der heutigen kirchlichen Richtung i-n deuschen Protestantismus wurde. Karl Marx, der Rabbinerssohn aus Trier, und dessen politischer Gesinnungsgenosse Ferdinand Lassale, die Antipoden Stahl's, wurden die Leitsterne der Socialdemokratie. Börne und Heine hatten schon lange die deutsche Poesie beinflusst, was selbst ihr Gegner Menzel zugestand, indem er über das >,junge Palästina" spöttelte. Johann Jakoby's Wirken hatte zwar keine Spuren aus politischem Felde hinterlassen, wohl aber die parlamentarische