Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 46 (29.11.1901)
- Date
- 1901-11-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion u. älbminffhaiion Wien. II/l, Novaragaffe 27. ft. k. österr. Postsparcassa H Ehklk-Cont» Nr. L46.2ö1. Ü lufacate: 20 Heller per Ronpareille-Aeile. AhonvementS- und JnsertioiiSbetrüge find in Wien zahlbar. Unabhängige Keitfchnfi für ASifche Erscheint jeden Freitag. Molto: .Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" fiqagspms: »an,jährig . . ft. 12.— Halbjährig ... ft. S — Für Laltusbeamte: «a»,jährig ... ft. 10.— Für Ausland: Ganzjährig .... 8 Wart 6 Rubel oder 16 Frc<. 'I «r. 46. Wien, 29. November IM. Inhalt: Jüdische Toynbee-Halle in Wien. — Pionier-Arbeiten. — Erfüllt der Jugendgottesdienst seinen Zweck? — Litteratur. — Das Kaddischgebet. — Nachklänge des Cantorentages. — Gemeinde- und Vereinsbote. — Verschiedene Nachrichten. Wir ersuchen die Könner und Ireunde unseres Mattes, in allen öffentlichen Localen Hier und in der Urovinz „Kie Wahr Heit" zu verlangen. Die Redaction. Jüdische Toynbee-Halle in Vien. Geehrte Redaction der „Wahrheit"! Sie waren schon einige Mal so freundlich, mir Gastsreundschaft zu einer Darlegung obige Institution betreffend zu gewähren, so dass ich hoffen darf, auch heute keine Fehlbitte zu thun, wenn ich wiederum Sie darum angehe. Die „jüdische Toynbee-Halle in Wien" wurde im October v. I. auf Veranlassung des „Zionistischen Actions-Comitss" als ein Muster für andere Städte nach den Vorschlägen Professor Dr. Leon Kellners gegründet. Als oonäitio sin« gu» non wurde verlangt, dass bei den in Aussicht genommenen Vorträgen und Discuffionen jede Propaganda für den Zionismus fortbleiben solle. Es handelte sich in allererster Linie um eine jüdische Institution, die nicht zu Parteizwecken benützt werden solle. Dann aber auch wollte man in diesen der Verbreitung der Wissenschaft unter den ärmeren Volksklassen geweihten Räumen jede aufregende Discuffion fernhalten. Dass zu diesen letzteren eine solche über den Zionismus gehört, dass diese in der Regel nicht gerade mit der nöthigen Ruhe und Objectivität geführt werden — namentlich in Wien nicht — das ist eine leider unbestreitbare Thatsache. Der Beschluss des „Zionistischen Actions-Comitss" und die damit zusammelihängeude Aufnahme einer diesbezüglichen statutarischen Bestimmunng nun hatte zur Folge, dass eine große Anzahl Männer zu Freunden gewonnen wurden, die mit Bezug auf den Zionismus das Gegentheil waren, vielleicht es auch uoch sind. Immerhin aber hatten die Wiener Zionisten gezeigt, dass sie Positives zu leisten im Stande waren, und was geleistet worden, hat wahrlich keine Kritik zu scheuen. Was lag nun näher, als dass der Vorstand der Toynbee- Halle mit dem geradezu riesigen Anwachsen der Geschäfte und der — Bedürfniße auch an jene Kreise herantrat, die für jüdische Institutionen stets eine offene Hand haben? Und dass nicht nur deren Geld sondern auch deren Mit a r b e i t dankbarst acceptirt wurde, war doch gewiss nichts Ungewöhnliches, namentlich da es sich um Männer handelte, die zu den Zierden der jüdischen Einwohnerschaft Wiens gehören. Und niemals war im Schoße des Wiener Actions-Comiäs ein Bedenken in dieser Richtung laut geworden. Es wäre auch unlogisch gewesen. Diese Thatsache aber ließ einige radical-zionistische Kreise nicht schlafen, jene Kreise nämlich, die der bekannten Bismarkischen Maxime aus dem Jahre 1866 huldigen: „Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich, er ist mein Feind und ihn muss ich bekämpfen". Und da mit den Herren Nichtzionisten nicht anzubinden war, so mussten natürlich Jene herhalten, die das Schreckliche gethan, jene zu Freunden gewonnen zu haben: Die Zionisten der „Jüdischen Toynbee-Halle". Eine bei der diesjährigen Eröffnungsfeier seitens des Herrn Professor Dr. Leon Kellner gemachte Redewendung wurde mit gefliffentlicher Absichtlichkeit entstellt verbreitet — nicht in den öffentlichen Blättern, denn da wäre das Spiel bald entdeckt worden, sondern ganz im Geheimen. Was sonst Hässliches folgte, mag hier übergangen werden. Aber nicht verschwiegen werden darf, nicht ungerügt bleiben soll, was in der Oeffentlichkeit sich zugetragen. In der vom 1. October d. I. datirten Nummer der in Brünn erscheinenden „Jüdischen Volksstimme", dem Organ der zionistischen Arbeiter und Handelsangestellten, eben jener Parteigenossen, die der oben erwähnten Maxime huldigen, erschien ein — sä — gezeichneter Leitartikel, der. ohne die Toynbee- Halle zu erwähnen, mit wünschenswerthester Klarheit jene Berhältniße besprach. Dass solches mit möglichster Objectivität geschah, lässt sich gerade nicht behaupten. Zum Ueberfluffe musste das „Mädchen für Alles", vulgo Briefkasten, dazu Her- Halten, das Tipfelchen auf dem i abzugeben. Ohne nun von diesem Artikel Kenntnis zu besitzen, über» sandte ich der „I. V." einen die Berhältniße der „Toynbee- Halle" schildernden Artikel, indem ich um Aufnahme ersuchte. Der Artikel war — im Gegensätze zu dem oben erwähnten Leitartikel — mit voller Namensunterschrist versehen. Weder erschien der Artikel noch würdigte mich die Redaction der „I. B." einer Antwort auf meine diesbezüglichen Reclamationen. Dass Letzteres nicht gerade ein Act der Höflichkeit gewesen, wage ich zu behaupten, ob aber die Verläuguuug des Grundsatzes: „audiatur vt altera xars" fair war — das mögen Andere beurtheilen. Den Wortlaut meines an die „Jüdische Bolksftimme" gesandten Artikels gebe ich nun im Nachfolgenden wieder: