Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 45 (22.11.1901)
- Date
- 1901-11-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 45 Die Wahrheit. 'Seite 7. des Judenthums desto besser und nachdrücklicher zur Anerkennung verholfen zu sehen. Ob seine Erwartungen nach der Richtung nicht enttäuscht wurden — wer vermag das zu sagen? Böser Wille und Lässigkeit trugen gewiss nicht ausschließlich die Schuld daran. Als ich jedoch vor einigen Jahren meine Schrift „Glaube und Kritik" herausgab, da hatte ich das Gefühl, das sei eine That^so ganz in seinem Sinne. Meine Annahme sollte ich auch bald bestätigt sehen. Kurze Zeit, nachdem ich ihm das Werk vorgelegt, erhielt ich folgendes Schreiben: „Lieber Herr Doctor!. . Ich habe soeben die Lektüre ihrer Schrift ,Glaube und Kritik' vollendet und kann nichtumhin, Ihnen sofort herzlichsten Dank Mr Arbeit ausztlsprechen. Sie habe» in treffenden Worten . Je MußiäßuNgiin, die Mißdeutungen und Vorurtheile, die wie unsterblicher Kohl fort und fort gegen unseren heiligen Glauben und dessen Grundschriften von gegnerischer Seite einem unkundigen und vorurtheilsvollen Publicum als Ausfluss aller Wissenschaftlichkeit angeboten werden, für Jeden, der sehen und denken will, dargelegt. Ich rufe Ihnen nochmals •firm Iw- "w" zu und grüße Sie freundschaftlichst, Ihr Freund und Lehrer Sg. Auerbach." Das Lob, welches er meiner Arbeit spendete, ich setze es mehr aus Rechnung seiner nachsichtsvollen Beurtheilung, als auf das Verdienst meiner Leistungen. Es zeigt jedoch am besten, wie er denjenigen, die er einmal in sein Herz geschlossen, allezeit gewogen blieb. Die Ehre des Schülers war ihm überhaupt so theuer wie die eigene. Ich wüsste nicht, dass ich mich je mit einem Briese oder sonstigen Anliegen an ihn gewendet hätte, ohne nicht sofort Antwort zu erhalten. Das will bei der umfangreichen Correspondenz, die er zu erledigen hatte, nicht wenig sagen. Wo immer ein Nothstand ausbrach, die Armen aller Länder, namentlich die des heiligen Landes, sie nahmen immerzu seiner unerschöpflichen Güte Zuflucht. Leider hat die aufopferungvolle Thätigkeit frühzeitig seine Kraft aufgerieben. In den letzten zwei Jahren seines Lebens glich er einem Adler, dem die Schwingen gebrochen sind. Der kühne Geist raffte hie und da noch einmal alle Kräfte zum Fluge himmelan zusammen. Bald jedoch ließ er erschöpft nach, es war seinen Schwingen die Spannkraft versagt. Wie schon darauf hingewiesen, war es am Ausgange des letzten Sabbat teschuwo, da der Tod als Erlöser ihm nahte. Es war dies gerade die Zeit, wo er sonst vor versammelter Gemeinde schwierige talmudische Probleme erörternd, im Hochgenüsse geistiger Wonnen schwelgte. Wie öde mag ihm bet der Erinnerung daran sein gegenwärtiger Zustand erschienen sein? Wie mag es in dem armen Herzen gewogt haben? Welche heiligeit Schauer mögen es erst in Anbetracht des nahenden Versöhnungstages durchbebt haben? Es war wohl eine furchtbare Kraft, mit der er diesmal eingesetzt hatte. Der Aufstieg gelang. — Doch vermochte ihm der leider schon gebrechliche irdische Gefährte nicht mehr zu folgen. Leblos sank er zu Boden. — Unsere Herzen traf es mit einem namenlosen Weh, das Vorbild, zu dem wir in stiller Bewunderung emporgeschaut, ward unseren Augen entrückt. Israels schönste Zierde lag von der unerbittlichen Gewalt des Todes gefällt da. Sein Genius verhüllte trauernd das Haupt. Wer weiß, wie lange er unsere besten Kräfte wird sammeln müssen, um zu einer so vollendeten Edelschöpsung wieder aushoien zu können? Thränen bilden den geringsten Tribut, den wir einem solch unersetzlichen Verluste zu zollen hätten. Er fordert einen weit größeren — und das wäre so ganz nach des theuren Heimgegangenen Sinne- Thaten! — Thaten! *) In meinem letzten Artikel haben sich bedauerlicher Weise einige Druckfehler eingeschlichen, welche hiemit berichtigt sein mögen. SpaUe I, Zeile 24 von unten, statt „exthatischen Schwung eines Johannes" flies: „pathetischen Schwung eines Jesaija". Spalte II, Zeile 12 von oben, statt „allgemein" lies: „allgemach". Spalte II, Zeile 11 von unten, statt „Eingebung" lies: „Ergebung". Gemeinde- und Vereinsdote. Me«. Vorigen Mittwoch hielt Herr Dr. Ludwig Lazarus, Rabbiner in Göding, über Einladung deS „Jüdischem Bolksvereines" im- Locale desselben einen hochinteressanten, mit vielemj Beifalle aufgenommenen Borttag über das aktuelle Thema deS Humanitäts-Prineips in der sozialen Gesetzgebung Israels. Der gewandte Redner verstand es, den scheinbar ttockenen Gegenstand in populärer, leichtfasslicher Form darzustellen, zugleich seine große Belesenheit in der einschkä. gigen biblisch-täMÄdischen, ivtt auch altrömiich-griechischen Litteratur bekundend. Im Gegensätze zu der so schroffen und strengen Auffaffung von der Omnipotenz der alten Staaten, denen alles unbedingt sich unterordnen musste, war im Judenthum in den Acker- und Armengesetzen, in den Gesetzen über Sclavenbehandlung, im Verhältnis des Gläubigers zum Schuldner der humane Grundsatz maßgebend, dass d er Bodenbesitz gleichsam nur ein göttliches Lehen sei. Jnsolgedeffen war eine förmliche, bleibende Verarmung für den Arbeitsfähigen fast ausgeschloffen und auch das Capital sollte in analoger Weise zum Wähle der Gesammtheit angewendet werden und nicht bloß einseitig für den jeweiligen Besitzer. Men. Der Obmann des Bethaus-Vereines „Beth-hakneseth" im 3. Bez., Untere Viaductgaffe. Dr. Ludwig Straffer, feiert kommende Woche mit seiner Gattin Cäcilie das Fest der silbernen Hochzeit. Bei der allgemeinen Beliebtheit des Jubelpaares dürste es an Ovattonen nicht fehlen. Me«. Der Bne-Berith-Berein im XX. Bez., Trauenfelsgaffe 7, der ein eigenes Bethaus besitzt, das sich in stetiger Entwicklung befindet, hielt am 11. November seine diesjährige Generalversammlung ab. Die Borstandswahl ergab, folgendes Resultat: Bernhard Ober, Obmann; Jsak Vetter, Obmann-Stellvertreter; Wolf Kokisch. Caffier; Marcus Rottmann, Schriftführer; Israel Wahrhaftig. Schriftführer-Stellvertreter; Josef Schwarzbrand und Samuel Ornstein, Conttollore; L. Hoyda, P. Klarfeld, Moses Podtovzer und Adolf Dorn, Bethausyerwalter. Me«. Der litterarische Geselligkeitsverein jüdischer Mädchen „Moria" veranstaltet anlässlich seines zehnjährigen Bestandes Sonntag, den 1. December 9 Uhr Vormittags im Hotel Central 2. Bez., Taborstraße 8 eine Feier, deren Reinerträgnis jüdisch-humanitären Zwecken zufließt. Me». Den Reigen der Kinderbescherungen eröffnete in wahrhaft würdiger Weise der erst 2 Jahre bestehende „Reue Freundschastsbund" in der Brigittenau mit seiner Betheilung von Winterkleidern Schuhen, Obst und Backwerk nebst zwei Laiben Brot an 25 arme Kinder ohne Unterschied, doch vorwiegend israel. Confeffion. Das Programm des Festes tm Weilandhof am vorigen Samstag war ein so reichhaltiges lür Groß und Klein, dass der Berichterstatter Mühe hatte, demselben wahrheitsgemäß gerecht zu werden. Nach dem festlichen Einmarsch der zu beschenkenden Kinder unter den lieblichen Klängen einer Ouvertüre hielt der Obmann, Herr Jul. Wottitz, eine gemüthvolle, zu Herzen gehende Ansprache, woraus die Betheilung, bezw. Bespeisung der Kinder folgte. Bei dem anschließenden Unterhaltungsabende zeichnete sich die Familie Neuhauser durch die Mitwirkung bei den beiden Einaktern „Eigensinn" und „Vorlesung bei der Hausmeisterin" besonders aus. Ausgezeichnet arrangiert war die von 12 kleinen Mädchen ausgesührte Ballet-Evolution. Herr Josef Neuhauser als Arrangeur erntete besonderen Beifall, ebenso fand der artistische Leiter, Herr Max Hauser, und die Recitatton des Frt. Sidonie Fleischer, eines Töchterchens des Obmann-Stellvertreters, viel Anerkennung. Nach Mitternacht traten Tanz und Tombola in ihr verbrieftes Recht. Letztere brachte dem humanitären, wirklich löblichen Vereine ein nettes Sümmchen. _tt> ‘fyroppau. 20. November. Morgen begeht unser ehrwürdiger Herr Rabbiner und Bezirksschulrath Dr. Ad. Blüh das Jubiläum seiner 40jährigen Am tsthätigkeit als Seelsorger und feiert zugleich seinen siebzigsten Geburtstag. Der Jubilar erfreut sich in allen Kreisen der hiesigen Bevölkerung allseitiger Hochachtung und Beliebtheit. Aus Mürttemverg. Der Verein zur Unterstützung von Wittwen und Waisen armer israel. Lehrer und Vorsänger Württembergs versendet seinen Rechenschaftsbericht pro 1990/01. Auch im verflossenen Jahre hat das hohe königl. Haus dem Vereine lebhaftes Interesse entgegengebracht. Die vertheilte Summe des verflossenen Jahres betrug 2740 Mk. Leider verlor der Verem eines seiner jüngsten und treuesten Mitglieder; denn Herr Lehrer Zwinger wurde vom Höchsten in ein besseres Jenseits ab» berufen. Der Verem wird ihm ein treues Andenken bewahren. In der Vereinsversammlung wurden folgende Gegenstände berathen: 1. Die Neuordnung des israel. Kirchenwesens in Württemberg. 2. Der synagogale Gesang in ferner historischen Entwickelung. 3. Der Synagogengesang und die Bildung zum jüdischen Cantor. Sämmtliche Gemeinden des Landes unterstützten den Verein mit freiwilligen Gaben. Außer 57 ordentlichen zähtt der Verein 120 außerordentliche Mitglieder — Möge unter Gottes Segen der Verein blühen und gedeihen.