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Die Wahrheit · 1901-11-22 · Heft 45 (22.11.1901) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 45 (22.11.1901)
Date
1901-11-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Drs Wahrheit. Nr. 45. bäum nicht einen kleinen gelben Fleck zu entdecken vermögen? Seit dem unwidersprochenen Missgeschick in der Familie des Rosenauer Donnar ist wohl kaum daran zu glauben, dass die eifrige Forschung nach dem Judenpunkt nicht allgemach acht Neuntel des deutschesten Volkes höchst „unsicherer" Abkunft erscheinen lässt; dann ist das restliche Neuntel der furchtbaren Krankheit ausgeliefert! Wo pflanzt dann Wotan seine Haine, wo übt das deutsche Edelvolk seine ritterlichen Knuste? Seine besten Söhne haben die furchtbare Krankheit eingeschleppt; seine entarteten, die frommen Augeuvcrdreher haben sie verbreitet, weil sie ihrem körperlichen Wohlbefinden zustatten kam. Beleidigt ein Wotanjünger heute einen Knappen des schönen Karl —: „Tu bist ein Jud', mit Dir schlag' ich mich nicht!" tönt es ihm dröhnend entgegen .... „Ringsum Inden" hat dieZsürchterliche Krankheit geschaffen. Man ist seines Christenthums keine Stunde sicher, auch wenn der Urahne gegen die Saracenen ausgezogen ist. Er kann ja zufällig mit einer Saracanenmaid ein „Gspusi" gehabt haben, und das uudeutsche Blut ist eingcschleppt in den reinen Stamm, der nun nicht mehr zu arten ist. Eigentlich ein grauenvolles Schicksal, das die liebenden Söhne der Germania ibrer Mama bereitet haben; aus lauter Liebe! Mutter Germania wird selbst bald einen Taufschein brauchen, um vor den Kampfgenossen der Porzer, Max Lüws, Tachaus und Schmul Leb Kohus ihre Reinheit zu vertheidigen; niemand, ist heute mehr seines Deutschthums sicher, weil bekanntlich das Antijudenthum keine Glaubenssondern Rassenfrage ist und weil dies Herumzieheu in den Ländern der glutvollen Sonne und der glutvollen Frauen die deutschen Kreuzfahrer zu sehr — „entnationalisirt" hat. Die „jüdische Feigheit" droht das ganze Edelvolk zu verwüsten: Wotan schütze es vor deinen besten Söhnen!" Lrinnerungslilätter auf das frische Grab des Rabbiners Dr. Selig-Auerbach s. A. zu Halberstadt. Von Rabbiner Dr. Daniel Fink. (Schluss.) Es wäre jedoch verfehlt, wollte man aus dieser Thatsache auf eine zaghafte Gesinnung und allzuängstliche Bescheidenheit feines Wesens schließen. Die landläufigen Tugenden und ihre Kategorien hören überhaupt auf, einen Maßstab für die Hoheit seines Charakters zu sein. Was mau sonst Tugend nennt, ist doch mehr oder minder ein Ausfluss der unbewussten Triebe der menschlichen Natur, oder steht damit wenigstens irgendwie im Zusammenhänge. Bei ihm jedoch war alles Aeußerung eines höheren, rein abgeklärten Bewusstseins. Sein Wesen war so «ine Art verkörperte Pflicht. In seinem Auftreten lag nichts weniger als eine weltscheue Aeugstlichüeit, aber auch nichts, was an salbungsvolles Pathos 'des Geistlichen erinnerte. Er trat mit Entschiedenheit überall in die Schranken, wo dem Juden als solchen sein Recht verkümmert ivard. Er achtete die moderne Schule, wollte aber gerade darum es nicht haben, dass sie seinen Schutzbefohlenen eine Stätte der Kräuülug werde, die sie nicht nur mit innerem Widerstreben betreten und mit desto größerer Freude meiden. Wo eine diesbezügliche Ausschreitung zu seiner Kenntnis gelangte, stellte er stets seinen Mann. Seine Stimme -hatte aber auch in vielen Kreisen «in bedeutendes Gewicht. Die ungetheilte Verehrungderer er sich erfreute,-und die Lauterkeit - seines Charakters war ja stadtbekannt. Man wusste>; dass die ganze Gemeinde stets hinter seinem Rücken stand. > - So war er es auch, her bald nach^ dem ersten Auftauchen ''"nitischen Bewegung zu derselben Stellung nahm. ' * verstohlene Lispeln der bekannten Beschwich- - sich nicht beirren. Er sah hier viel jene auch noch so oft auf das . .ckern einer plötzlich auftauchenden n, er wusste, wo der saß, der * bemüht war. Daran konnte ihn auch die so sehr betonte Thatsache nicht beirren, dass Bismark die zur Aufhebung unserer Gleichberechtigung abzielende Massenpetition dem Reichstage nicht vorgelegt hatte. Er berief, ohne zu zaudern, seine Gemeinde zu einer Versammlung ein. Es blieb meines Wissens fast keiner aus. In einer denkwürdigen Rede beleuchtete er die politische Situation. Das Ergebnis, zu dem er kam, war, dass wir uns nicht auf bloße Abwehr ausschließlich zu beschränken hätten. Er wollte vielmehr die gesammte Judenheit in einer einzigen Organisation zusammengefasst sehen — Bindung aller Kräfte in den Dienst seines Zieles. Es ist doch einmal unbestreitbar, dass wir auf uns allein angewiesen sind. Dass wir darum unsere Kräfte erst recht zersplittern, war ein Gedanke, den er nicht fassen konnte. Für ihn lag das Richtige genau auf der entgegengesetzten Seite. Weil wir auf uns angewiesen sind, darum eben müssten wir uns auch gegenseitig helfen. Wer diese Erinnerung überschaut, dem muß sich die Frage unwillkürlich aufdrängen: wie kam es, dass ein Mann dieses Schlages seine Kräfte aus dem beschränkten Gebiete einer mittleren Gemeinde bethätigen musste? Wer konnte sich mit ihm in Bezug auf Hoheit des Charakters, Uneigennützkgkeit und Lauterkeit in der Entfaltung eines so vielseitigen Strebens, Umfang des Wissens, Macht der Rede, Adel der Gesinnung auch nur im entferntesten messen? Er war doch, wenn ich so sagen darf, die edelste Blüthe am Baume Israels. Um sie so herrlich auszugestalten, hatten sich alle edlen Kräfte unseres Stammes zur höchsten Leistung vereinigt. Ich bin mir keiner Uebertreibung bewusst, wenn ich ihn als Jochid bedaurau, als den Unerreichten seines Zeitalters bezeichne. Wie viele unserer Großgemeinden sind doch so trostlos öde! Wohin man ihn gestellt hätte — sein Wirkungskreis wäre ein blühendes Gefilde eines reichen jüdischen Lebens geworden. Die richtige Antwort vermag uns hierauf allerdings nur die zeitgenössische Judenheit, wie sie sich in zahlreichen Großgemeinden concentrirt, zu geben. Diese wird sie uns jedoch voraussichtlich schuldig bleiben. Von meiner Seite kann eine solche allerdigs nur in einseitiger Weise gegeben werden. Da muß zunächst betont werden, dass er sich unter keiner Bedingung dazu verstanden hätte, die eigene religiöse Ueberzeugung als Privatsache zu betrachten und in der Gemeinde die entgegengesetzte zu vertreten. Das war die Kunst nicht, auf welche er sich verstand. Dadurch allein war der für ihn in Betracht kommende Spielraum — wie die Din .e nun schon einmal liegen — schon an sich ein sehr beschränkter. Ein Rabbineramt nun gar durch Anwendung von Mitteln rein geschäftlichen Wettbewerbes erstreben, das war wiederum mit seiner Auffassung von demselben nicht zu vereinbaren. Seine Energie war zwar für jede menschliche Leistung fähig, hier jedoch musste sie versagen. Es gibt Naturen, die so edel und zart veranlagt sind, dass sie für den brutalen Kampf ums Dasein nun einmal unbrauchbar erscheinen. Ein Glück, dass er auf denselben im gewöhnlichen Sinne des Wortes nicht angewiesen war. Er wäre anders für ihn verloren gewesen, noch bevor er ausgenommen worden. Das Glück, dessen sich das Judenthum freiwillig beraubt, es sollte, umsomehr zu unserem Vortheile ausschlagen. Wir halt cu ihn infolge dessen desto ungeteilter besessen. Obwohl die unter seiner Leitung zurückgelegteu Stitdienjahre nichts von der alten ffeuchtfröhlichen Burrschenherrlichkeit an sich hatten, vielmehr ein Maß von Leistungen forderten, zu denen die jugendlichen Kräfte kaum auslangten — sie waren dennoch däe schönsten des Lebens. Als wir ihn verließen, war es uns zu Müthe, als würden wir in eine andere, rauhere Welt hinausgestoßen. Er war sich wohl auch deffen bewusst, dass er von seinen Jüngern viel verlangte. Er wollte in ihnen eine Schaar wack erer Kämpen her anziehend Die vielseitigen? und. reichen Mittel der Erkenntnis, die er uns an die Hand gab, sie sollten nicht eine Waffe bilden, um damit den Leib des Zudruthums zu zerstückeln, wie dies leider so oft geschieht. Er wollte sie als eine Ausrüstung betrachtet sehen, um auf diese Weise der Lehre

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