Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 45 (22.11.1901)
- Date
- 1901-11-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 45. Die Wahrheit. Seite 5. Ter Bericht legt dar, welche Thätigkeit die Kanzlei während dieser langen Zeit entwickelt hat, und fährtz dann fort: Sehr geehrte Versammlung! Wir blicken mit dem ruhigen Gewissen auf unsere dreigigjährige Thätigkeit zurück, welches das sichere Bewusstsein der Pflichterfüllung gewährt. Es ist wohl wahr, dass wir bezüglich des letzten Punktes des Programmes, das in dem 1883er Memorandum der Gemeindedistriktspräsidenten enthalten war, dass nämlich das autonome Recht unserer Coufession in der Weise zu regeln und zu sichern wäre, wie es die gesetzlich rezipirten christlichen Confessiouen genießen, nur auf jenes Resultat Hinweisen können, dass es uns bei jedem Anlasse gelungen ist, die hohe Regierung zu einer Aeußeruug zu veranlassen, aus welcher hervorgeht, dass sie die Nothwendigkeit der gesetzlichen Regelung und Sicherung unserer Autonomie einsieht und nie aus den Augen verliert. Aber auch aus diesem Gebiete haben wir keine Unterlassung begangen; das Zustandekommen eines neuerlichen Congresses hängt jedoch nicht von unserem Bestreben, sondern davon ab, wann jene Hinderniße beseitigt sein werden, welche gegenwärtig der erfolgreichen Regelung der jüdischen Autonomie im Wege stehen.» Wir stimmen mrt dem Herrn Cnltusminister darin überein, dass „die Einberufung eines Congresses noch nicht den Erfolg der Autonomie bedeutet". Ein Beispiel hiefur ist unser erster Congreß. Wir unsererseits könnten daher die Einberufung eines neueren Congresses nicht mit Freude begrüßen, wenn wir nicht schon im vorhinein entsprechende Garantien dafür sehen würden, dass nicht auch dieser Congreß eine unfruchtbare Arbeit vollbringen wird. Hinsichtlich der Abwendung der Hinderniße und der Sicherung der Garantien sind wir aus das hilfreiche Wohlwollen der hohen Negierung angewiesen. Tie Erklärungen, welche der Minister-Präsident und der Cnltusminister anlässlich unserer jüngsten Aufwartung gemacht haben, waren befriedigend und beruhigend. Wenn seither in der Frage unserer Autonomie dennoch keine Verfügung erfolgte, so kann die Ursache dessen keineswegs der Mangel des Wohlwollens, sondern nur der Umstand sein, dass andere Angelegenheiten von öffentlichem Interesse die Zeit der hohen Regierung in Anspruch genommen haben und dass namentlich die Sache der Katholiken-Autonomje die Aufmerksamkeit des Herrn Cultusministers in dem Maße erforderte, dass er vor der Regelung dieser Frage nicht an eine ähnliche Angelegenheit einer anderen Coufession rühren wollte, die ebenfalls große Sorgfalt und Umsicht erheischt. Wie wir wissen, wird der Katholikeu-Congreß bald zusammentreten und, wie die Blätter melden, die seiner harrende Ausgabe auch binnen Kurzem erfolgreich lösen. Damit würde eine derjenigen Ursachen entfallen, wegen welcher die Regelung der jüdischen Autonomie verzögert wird, und das glänzende Resultat würde den Herrn Cultusmiuister voraussichtlich aneifern, die Regelung der jüdischen Autonomie in Angriff zu nehmen und ebenfalls einer erfolge reichen Beendigung zuzusühren. Wenn wir nun auch derart der Zukunft vertrauensvoll entgegensehen, so wollen wir dennoch nicht dafür eintreten, dass die Regelung unserer Autonomie, unabhängig von dem Schicksale der Katholiken-Autonomie, nicht betrieben werde. Wir erlauben uns daher zu beantragen, die geehrte Versammlung wolle bei Sr. Excelleuz dem Herrn Minister für Cultus und Unterricht die Erledigung unserer, in Angelegenheit der Einberufung des israelitischen Congresses aus unserer Versammlung am. 6. Jänner 1896 au ihn gerichteten Repräsentation auch diesmal energisch urgiren." Die Versammlung nahm den beifällig aufgenommeuen Bericht zur Kenntnis, votirte der Leitung der Laudeskanzlei Daak" und nahm nach einer über hie einzelnen Punkte der Vorlage geführten längeren. Debatte, in deren Verlaufe fast jeder 'einzelne der Distriktspräsidenten das Wort ergriff, die im Berichte vorgelegten Anträge an. Moderne Krankheit. Eine jüngst vor dem Wiener Schwurgerichte stattgehabte Gerichtsverhandlung, in welcher der Bürgermeister von Wien und dessen II. Stellvertreter eine nicht eben beneideuswerthe Rolle spielten, gab der „Wr. Extrapost" in der letzten Nummer dieses Blattes Anlass zu nachfolgenden, überaus zeitgemäßen und bemerkenswerthen Ausführungen: „Man ist auf eine neue Zeitkrankheit gekommen. Die „jüdische Feigheit" muß man sie nennen, weil sie eine ganz prononcirte Färbung hat und an den muthigsten Herren unserer glorreichen Zeitepoche zum Vorscheine kommt. „Feigheit" im engsten Sinne des Wortes ist eine Schwäche, keine Krankheit. Den Herren aber, an denen die nene Krankheit bemerkt wird, ist die Schwäche fremd; sie kann ihnen nicht zugcmuthet werden, weil in ihrem Mundwerk eine Welt von Kraft steckt, die kein Zurückweicheu kennt. Es kann also nur eine Krankheit sein, welche die Kraft lähmt, den gestählten Arm sinken lasst. Eclatant trat die Krankheit jüngst im Gerichtssaale zutage. Zwei ehrengeschmückte Männer, Träger der goldenen Kette und graduirte Männer der Ehre, traten vor die Schranken und bekannten sich zu dieser Krankheit. Der eine zwar nannte sie nicht beim Namen, der andere aber steckte sie mnthig heraus und bekannte, dass er mit ihr behaftet sei. „Weil der Gegner ein Jude sei, habe er sich mit ihm nicht schlagen wollen"; so sagte der zweite Bürgermeister der Haupt- und Residenzstadt Wien und entschuldigte damit den Borwurf der Feigheit, den ihm ein Soldat, ein hoher Officier, ins Gesicht schleuderte. Er trug noch mehr. Das Wort „Lüge" brannte ihm derselbe Officier hocherhobenen Hauptes auf die Srirne, und der kettengeschmückte Bürgermeister, der graduirte ehemalige akademische Bürger, ging mit dem Brandmal ruhig fort.... So verheerend wirkt die Krankheit im menschlichen Empfinden, macht Helden zu Memmen, Bolkstribunen zu Lügnern und berüchtigte Raufer zu feigen Schnapphähnen. Die Krankheit hat die ganze wehrhafte Stuventenschaft entwaffnet; vor einer krummen Rase nimmt sie Reißaus, vor einem „verdächtigen" Mann senkt sie wehrlos den Schläger; ein ominöses Rufzeichen hinter einem Namen genügt, eine ganze Schar schlägerbewaffnete Söhne der alma mater in die Flucht zu jagen. Und die Krankheit wird oft hervorgerufen durch Halucinationen! Wenn zum Exempel im Processe, den wir oben citiren, der Gegner erklärt, er sei von christlichen Eltern geboren, sein Urgroßvater schon wäre Ehrenbürger von Wien, also kein Jude gewesen, die Krankheit lässt den Betroffenen doch nicht ans; die Feigheit ist stärker als die Wahrheit, und der von ihr Besessene trägt lieber ihren entehrenden Stempel, als dass er sich gegen sie stellt und das blutbedreueude Rapier zur Hand nimmt. Allerdings ist ja in der Zer des berühmten Grundsatzes: „Lieber feig als dumm", die Krankheit leichter zu tragen, als eine entkräftende Blutabzapsnng; trotzdem aber bleibt es unbegreiflich, dass die Krankheit solche Massen ungehindert ergreifen kann. Die allerstolzeste Jugend des stolzen Deutschvoltes ist verseucht von der Krankheit. Wenn ein deutscher Farbenstudent von nationaler Schärfe eine Herausforderung erhält, beleidigt oder angerempelt wird, befällt ihn die KranHeit. Er rennt dann in die jüdischen Matrikelämter, schlägt in allen Kirchenbüchern nach, und wenn vor mehr als hundert Jahren ein Vorfahre des Gegners eine hervorragende Nase nicht muthig verleugnete, wenn er sich auch nur mit Taufwasser wusch — so trägt. der junge Recke allen entwürdigenden Schimpf, den entehrenden Vorwurf der Feigheit und' bleibt ein ungeschlagener „teutscher HeM. •- . - . Dass Gott erbarm'! Was doch diese Juden für Unheil stiften! Nicht mir das Mark, auch {bie Ehre saugen sie. dem armen deutschen. Volke aus der Brust; eine der sieben Krankheiten Aegyptens haben sie über Wotans Kinder herab^. gefleht! Wohin soll es kommen, wenn es so fortgeht! -ET viele Menschen gibt es auf der Welt, die in ihrem Stami