Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 44 (15.11.1901)
- Date
- 1901-11-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3063062-3063106--01629-3068236- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Oradea 1× ep/1002404
OCR text
Nr. 44 Llie Wahrheit. Seite 7. Z8ie«. (Verein „T h o r a t h - L h e ß e d" zur Unter» Stützung von Talmud schülern.) k. r. Eltern, welche Kinder an den ungarischen Talmudschulen studiren lasten, können sich wegen Unterstützung an einen der Unterzeichneten schriftlich wenden. Salomon Schreiber, Obmann, II., Obere Donaustraße 77Emil Kritzler, Stellvertreter, II., Haidgaste 10. Wien. Sonntag, den 24. November 3V« Uhr Nachmittags findet äm Seitenstettentempel die Trauung des Fräulein Olga Beck mit Herrn Sandor Geist statt. Die Braut ist die Tochter des k. u. k. Hoflieferanten Herrn Hermann Beck und der Präsidentin des Frauen- Wohlthätigkeits-Vereines im VIII. Bez., Frau Amalie Beck. Mien. Am 14. d. findet die ordentliche Generalversammlung -es Humanitären Geselligkeitsvereines „Die Szenitzer in Wien" in Guth'S Restauration statt. Wien. DaS Credit-Jnstitut für jüdische Gewerbetreibende und -Beamte, dessen Aufsichtsrath Herr k. k. Hofrath Kareis präsidirt, hat, ivie der letzte Ausweis zeigt, großen Zuspruch seitens der Creditwerber, die nach Maßgabe der verfügbaren Mittel coulantest befriedigt werden. Das Institut hat sich als eine wirtschaftliche Nothwendigkeit erwiesen. Um allen kreditwürdigen Juden helfen zu können, sollte jeder Jude es Ltls Pflicht betrachten, dem Credit-Jnstitute als Mitglied mit Subvention und mit Spareinlagen (Zinsfuß 4 bis 5 Percent) beizutreten. Audapest. Die ungarisch - israelitische litterarische Gesellschaf hielt heute unter dem Vorsitze Adolf Agai's eine Vortragssitzung — die <rste in dieser Saison, welcher ein überaus zahlreiches Publikum beiwohnte. Der Professor an der isr. Leherpräparandie Dr. Samuel Krauß hielt zunächst einen Vortrag unter dem Titel: „Der erste Häretiker." In intereffanter Weise behandelte per Vortragende jenen großen Kampf, welcher sozusagen in der Geburtsstunde des Christenthums in Rom. beziehungsweise in der Umgegend der Ewigen Stadt zwischen Juden und Christen tobte. Sowohl christliche als jüdische Legenden erzählen von den Thaten Simon Magus', der ein neuerer Ikarus gewesen sein soll; dieses Detail habe eine historische Grundlage. -Vortragender weist nach, dass die Juden der Verbreitung des Christen» thums nicht gleichgiltig gegenüberstanden. Nach diesen mit Beifall aufgenommenen Ausführungen las Adolf Agai den letzten Theil seines im Vorjahre begonnenen Memoirencyklus „Regi naplöböl“ (Aus einem alten Tagebuch) vor. Den Abschluß der feffelnden Reminiszenzen bildete «ine Schilderung des Lebens und Treibens an der medizinischen Facultät zur Zeit der großen Cholera. In packender Weise schildert Agai das Verhalten der Behörden im ganzen Lande, insbesondere aber im Tolnaer Komitat. wo die Epidemie in großem Maße herrschte. Das Auditorium lauschte den genußreichen Ausführungeil Agai's mit großem Interesse. Zum Schlüsse wurde der Vortragende mit Beifall und Applaus überschüttet. Siklos. Vorige Woche Dienstag ist unser hochgeschätzter Obercantor B. Klein an .einer Lungenentzündung gestorben.! Der Verblichene, ver vorher in Großwardein und Neusohl amtirte, hat sich auch in unserer Gemeinde dnrch sein fachliches und talmudisches Wissen, sowie durch seinen seltenen Charakter allseitige Sympathien erworben. Sein Hingang wird nicht nur-von seiner nunmehr ihres Ernährers beraubten Familie, sondern auch von der ganzen Gemeinde tief betrauert. Hannover. Am Sonnabend, den 12. Oktober fand hier in würdiger Weise eine wohl selten vorkommende Feier statt. Herr Nussbaum, der an dem genannten Tage 25 Jahre im Synagogenchore als Tenorist wirkte, Ivurde vom Vorstande der Gemeinde, dem Herrn Landrabbiner und dem Herrn Obercantor Linhardt durch Ansprachen, die nach dem Gottesdienst im Chorlocale an den Jubilar gerichtet wurden, geehrt. Der Chor sang zu Ehren seines langjährigen Mitgliedes vor und nach der Feier einige Lieder und schließlich wurde dem verdienten Mann ein namhaftes Ehrengeschenk überreicht. Herr Obercantor Linhardt, der jederzeit bereit ist. Anderen eine Freude zu bereiten, hatte die zuständigen Behörden sz. auf die Feier aufmerksam gemacht. Kannover. Die Gemeinde verlor durch den Tod des l. Synagogenvorstehers, des Herrn Julius Klaffmann, einen Mann von seltenen Geistesgaben, hervorragender Herzensgüte und großer Menschenfreundlichkeit. Der Verlust wird in allen Kreisen überaus schmerzlich empfunden. Aürth i. Gedächtnisfeier für Herrn Rabbiner Dr. Auerbach (}"s?). In der Aula der israelitischen Realschule fand •am letzten Sonntag vor zahlreich versammeltein Publicum eine Gedächtnisfeier für den verewigten Herrn Rabbiner Dr. Auerbach statt, der in den Jahren 1862—74 die damalige israelitische «Bürgerschule" als Direktor geleitet hatte. Der derzeitige Direktor Dr. Feilchenfeld gab in seiner Gedächtnisrede ein Bild von der bedeutendem Persönlichkeit des Entschlafenen, seiner vielseitigen Wirksamkeit für das Judenthum und besonders seiner segensreichen Thätigkeit als Organisator und erster Leiter der israelitischen Bürgerschule zu Fürth. Die Schule, die im Jahre 1862 mit 42 Schülern in engen Miethsräumen eröffnet wurde, stieg unter der Leitung des Entschlafenen schon in einigen Jahren auf Äber 100 Schüler und erwarb schon'1869 ein eigenes Haus, das inzwischen um ein Hintergebäude vergrößert, noch jetzt der Anstalt als Heim dirnt. Dr. Auerbach unterrichtete während der ersten Jahre in ven verschiedensten wiffenschaftlichen Fächern'und soll namentlich einen sehr anregenden Geschichts- und Litteratur-Unterricht ertheilt haben. Seine Hauptthätigkeit aber wandte er dem Religionsunterriche zu und wusste die Jugend für die heiligen Schriften deS JudenthumS besonders zu Erwärmen und zu begeistern. Zahlreiche ehemalige Schüler, die als gebildete Kaufleute in Fürth oder auswärts leben, haben dem Entschlafenen eine sehr treue Anhänglichkeit und dankbare Gesinnung bewahrt. Auch auf die Erwachsenen wirkte Dr. Auerbach durch regelmäßige, religiöse Borträge, in denen er durch sein reiches Wissen, seine innige Ne brr» zeugungstreue und seine zündende Beredsamkeit die Hörer mächtig ergriff. Mit schmerzhaftem Bedauern sahen weite Kreise der Fürther Gemeinde 1873 den allverrehrten Mann vonfhier scheiden, als er durch den Tod seines BaterS des Halberstädter Rabbiners Di. H. B. Auerbach,^aufdessen erledigten Rabbinatsfitz berufen wurde. Dort hat Dr. Selig Auerbach, wie bekannt, mehr als 28 Jahre rühmlichst gewirkt, hat aber mit seinen Freunden und Verehrern in Fürth stets gute Beziehungen unterhalten und die Jahre, die er als Schulleiter in Fürth verlebt, oftmals später als die glücklichste Zeit seines Lebens gepriesen. Das Äa-dischgedet. Bon Berrrhar» Loewenthak. (13. Fortsetzung.) Heute mm hatte er das Bild demjenigen geschenkt, dem es am theuersten sein musste, gab er doch dem Sohne das Portrait seiner Mutter, ein Kunstwerk, geschaffen von der Hand des Vaters. Leon wusste auch das Geschenk »eines Onkels voll und ganz zu würdigen. Selten mehr verließ er von diesem Tage an das Zimmer, in dem das Bild hieng. Hier, wo die milden Züge seiner Mutter vor ihm standen, wo ihr sanftes Auge liebend auf ihn herabblickte, war er jetzt am liebsten. Gern gestattete ihm dee Onkel hier seine Arbeiten zu machen, und als Leon später seinen Studien oblag, war es ihm nur dann möglich zu lernen, wenn er sich unter dem Blick der Toten, die lebenswahr gezeichnet über seinem Schreibtisch ihren Platz hatte, gebannt wusste. An diesem Orte auch sollte er die größten Kämpfe seines Lebens auszukämpfen haben, die Kämpfe mit sich selbst, mit Gott und seinem Glauben. Wenn er im Leben stark sein würde, da wusste er, so war es nur der Gedanke an die Tote, der ihm Kraft gab — die Tote, und ihr Bild, vor dem er — beten konnte. II. Als das Bankhaus S. Gutkind sen. sein 50jähriges Bestehen feiern sollte, da war auch der Neffe des Chefs der Firma, Leon Wild, schon zu einem stattlichen jungen Mann herangewachsen. Er war 25 Jabre alt und sah seinem früh dahingeschiedenen Vater zum Berw.chseln ähnlich Wer den Maler Max Wild n dessen jüngeren Jahren noch gekannt hatte und jetzt seinen Sohn sah, der konnte sich eines Ausrufes der Verwunderung nicht enthalten. Leon hatte, wie sein Vater, dieselben duttkelbloudeu Haare, dieselbe hohe Stirn, die seingeschwungeue Adlernase, die schmalen Lippen und das weiche Kinn mit dem kurzgeschnittenen, sauber gepflegten Spitzbart. Eines nur hatte er äußerlich von seiner Mutter, und das waren die sanften rehbraunen Augen, die so feucht schimmerten. Ja, das waren die glänzenden Augensterne mit den langen seidenweichen Wimpern der schönen Rahel von einst, das waren ihre träumerisch unschuldsvoll sehnenden Blicke. Und nicht mit Unrecht sagt man: „In den Augen liegt das Herz. Auch Herz und Gemüth, mit all' seinen weichen Regungen, mit allen hohen und edlen Gefühlen, hatte Leon von der Mutter geerbt. Des Vaters Gedankenfing, sein strebender wilder Geist und seine Gestalt, der Mutter zärtlich weiches Gemüth, ihre Sehnsucht nach weit Entferntem, Unerreichbarem, ihr Träumen nach zufriedener Seligkeit und stillem Glück — dies alles lebte, zur schönsten Harmonie vereint, fort in dem jungen Leon, der trotz seiner 25 Jahre und trotz seinerschönen Errungenschaften ans dem Gebiete der Kunst doch immer noch mit lustig lachenden, verwundert blickenden Augen das Leben und Treiben der Großstadt sich anschaute. — Er hatte bis jetzt dem Wirbel des Lebens der Welt, in der er zu Zeiten sich sogar langweilte, neugierig zugesehen. — Hier und da hatte er wissbegierig genippt, aber gefasst hatte ihn der Taumel noch nicht, noch hatte er nicht gelebt — geliebt und gelitten. — (Fortsetzung folgt.)