Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 44 (15.11.1901)
- Date
- 1901-11-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 44. Jüdische Äerzte am Zullanshofe. (Schluss.) Von 1570 bis 1600, also durch volle drei Jahrzehnte spielte in Konstantinopel nicht blos auf medicinischem, sondern auch aus politischem Gebiete die wichtigste Rolle der Arzt des großen Großvezirs Mohamed Sokolli, der deutsche Jude Natha» Salamon Eschinasi. Ueber dessen wissenschaftliche Fähigkeit und Thatigkeit wissen wir wenig. Dagegen berichten die zeitgenössischen osmanischen und fränkischen Historiker und Chronisten Ausführliches über Eschinasi's Einfluss in politischen und diplomatischen Dingen. Da der Doge von Venedig sich der in letzterer Stadt lebenden und studierenden Söhne des Arztes angenomu,en hatte, dankte dieser dafür, indem er nach Cyperns Eroberung durch die Türken den Venezianern Soranzo und Giovani Correro die Friedensunterhandlungen mit dem Sultanshofe erleichterte. Eschinasi wurde auch nach Venedig -geschickt und war dort einer der beiden osmanischen Bevollmächtigten bei der am 6. Juli 1474 stattgehabten Friedensrmterzeichnung. Seither stand er in Stambul stets im Vorüergrmlde, wenn es politische Angelegenheiten mit dem Auslande i« ordnen gab. Noch 1595, anderthalb Jahrzente nach der Ermordung seines Gönners, des Großvezirs Muhamed Sokolli, war der Einfluss Eschiuasis am Sultanshofe so groß, dass er dem in Ungnade gefallenelien Ferhad Pascha, ehemaligem Oberstallmeister und zweimaligen Großvezir, eine handschriftliche Bürgschaft des Sultans für Freiheit und Leben verschaffte. Er bekam zum Danke hiefür von Ferhad einen , mit Juwelen reich besetzten Dolch. Eschinasi war, bevor er nach der Türkei kam, der Chefarzt am Hofe des polnischen Königs Sigismund August in Krakau und genoss bei dem polnischen Adel ein so großes Ansehen, dass er noch viele Jahre spater bei der Köuigswahl in Polen, 1573, welche bekanntlich auf den französischen Prinzen Heinrich von Anjou fiel, starken Einfluss hatte und an den neuen Monarchen schreiben konnte: „Ich habe Ew. Majestät bei der Wahl zum König von Polen große Dienste geleistet." Seine medicinische Kunst schien sich nach seinem Tode auf seine Frau vererbt zu haben, die an des Sultans Mohamed HI. Krankenlager berufen wurde uns den Herrscher durch ihre mit dsgener Hand zubereiteten Medicamente von den Blattern heilte, r Redlicher Lohn wurde ihr dafür zutheil. Um dieselbe Zeit wie Eschinasi lebte in der Türkei auch der jüdische Arzt Samuel Schulam, der aus Spanien eiugewandert war und unter dem Schutze der im Sserai und bei der Pforte einflußreichen Jüdin Ester Kiera mehrere Geschichtswerke veröffentlichte. Ein anderer jüdischer Arzt, namens Benvenisti, erfreute sich damals der besonderen Gunst des Großvezirs Siavusch Pascha und wurde auch zu diplomatischen Geschäften verwendet. Eine traurige Berühmtheit endlich erlangte der jüdische Hofarzt Daud durch seine Jntriguen gegen den Juden Don Josef Nassi, den der Sultan zum Herzog von Naxos gemacht hatte und sogar zum Könige von Cypern erheben wollte: Daud, der anfangs im Dienste des Don Josef Nassi gestanden hatte, verrieth später seinen Gönner und wurde zur Strafe dafür vom Sultan nach Rhodos verbannt und von allen türkischen Rabbinatskollegen in Acht gethan. Hundert Jahre später lebten am Hofe Achmed's HI. zwei berühmte jüdische Aerzte. Der eine, ein portugisischer Jude, namens Fonseca, ward im Jahre 1709 so einflussreich, dass er — wie BoÜaire in seiner Geschichte Karls XII. erzählt — dem Abgesandten des Schwedenkönigs nicht nur das Ohr des Sultans, sondern auch das Herz der allmächtigen Suttanin- Mutter oder Walide verschaffte, so dass diese ihren Sohr» fragte: „Wann willst Du meinem Löwen Karl helfen, den Czar auf« zufressen. . . Der Einfluss Fonseea's war ein dauernder und wuchs von Jahr zu Jahr. Als Graf Wirmond im Jahre 1720 Botschafter in Constantinopel war, stand Fonseca beim Sultan in so hohem Ansehen, dass alle Gesandten Europas um seine Gunst buhlten. Fonseca war zumeist der Canal für die Franzosen, während Graf Wirmond sich des anderen jüdischen Leibarztes, Connigliano, bediente, um seine Pläne beim Sultan und beim Großvezier zu fördern. Ueber Connigliano hat der verewigte Gelehrte David Kaufmann eine interessante Schrift veröffentlicht. Connigliano war es auch, welcher einen Briefwechsel mit den ungarischen Rebellen unterhielt und eine Aussöhnung zwischen ihnen und dem Grafen Wirmond herbeizuführen trachtete. Abermals hundert Jahre später war bei Machmud II., dem Janitscharenvertilger und Schöpfer der modernen osmanischen Armee, ein jüdischer Zahnarzt, Abraham Biwas, in hoher Gunst. Elias Pascha, Leibarzt Abdul Hamid's II., erzählte mir von Biwas folgende Anekdote: „Einst hatte der Sultan heftige Zahnschmerzen; er lies den Biwas kommen und klagte ihm die Leiden, die ihn quälten. Der Sultan befand sich im Garten neben einem Bach. Der Zahnarzt ließ sich den Zahn zeigen, während, er er sein Instrument verborgen in der Handhöhle hielt, da sich der tapfere Janitscharenvertilger vor der kleinen Zahnoperation fürchtete wie ein Kind. Prüfen und Ausziehen erfolgten gleichzeitig. Hierauf aber sprang Biwas ins Wasser, mit lauter Stimme jammernd: „Rettet mich", als ob er zufällig hineingefallen wäre. Der Sultan, von Mitleid für seinen Günstling erfüllt, vergaß den Schrecken und Schmerz, die ihm durch das Ausreißen des Zahnes verursacht worden waren, eilte um Hilie und ließ den Biwas ans dem Wasser ziehen, neu bekleiden und für seine ärztliche Geschicklichkeit wie für seine Geistesgegenwart reich belohnen. . . Um die Liste zu vervollständigen, erwähne ich noch '.kurz den berühmten Doctor Sigmund Spitzer, welcher als Leibarzt und politischer Ralhgeber beim Sultan Abdul Medschid in höchsten Ansehen stand; ferner Omer Pascha, einen Juden aus Ungarn, der zum Islam übertrat, ein Günstling des Sultans Abdul Asis wurde und noch in den letzten Jahren der Chefarzt im Harem des jetzigen Sultans blieb; endlisch Elias Pascha, der bei Abdul Hamid 11. als Augenarzt fungirt und eine Zeit lang einer der meistbeneideten Günstlinge war. verschiedene Nachrichten, Wie«. In der letzten Sitzung des Vorstandes des Bethausvereines „Montefiore" gelangten die »von der Wohlthätigkeitssection durch Herrn Jakob Weiß vorgelegten Bestimmungen zur einstimmigen Annahme, nach welcher die Wirksamkeit der neuen Wohlthätigkeitsinstitution des Vereines umschrieben wird. Die Thatigkeit derselben soll sofort beginnen. Der Verein stellt sich nämlich die Aufgabe, solchen Mitgliedern hiesiger jüdischer Wohlthätigkeits-, Kranken-, Witwen- und Waisenfondsvereine, welche in Noth gerathen, die Mitgliedsbeiträge nicht ordnungsgemäß leisten können und deshalb dem gänzlichen Verluste ihrer Ansprüche auf Kranken-, Alters-, Witwen- und Weisengelder, sowie ihrer gänzlichen Ausschließung entgegengehen, durch an ihrer statt zu leistende Zahlungen ihre bedrohten Ansprüche und Rechte zu wahren und so die ärmsten vor Hilflosigkeit in Roth, Krankheit und Alter zu schützen. Leider sind die eigenen Mittel des Vereines nicht hinreichend, um in den nach , hunderten zählenden Fällen, wo sein Eingreifen noth thäte, seiner hohen Aufgabe vollkommen gerecht zu werden. Sind doch bereits jetzt eine erhebliche Anzahl von Meldungen eingelaufen. Daher ergeht an alle Edelgesinnten unter unseren Glaubensgenossen die Bitte, dieses so außerordentlich humanitäre Werk durch Spenden zu fördern und seiner Nothwendigkeit .entsprechend entwickeln zu helfen. Anfragen und eventuelle. Spenden wolle man an die Vereinskanzlei, 2. Bezirk, Taborstraße 38 gelangen lassen. Me«. (Jüdischer Schulverein für den 9. Bezirk.) Die Constituirung des Vorstandes fand am 12. d. M. statt und wurden die Herren Dr. Sigmund Kornfeld zum Obmann, Max Pappenheim zum Obmannstellvertreter, Joachim Löwenstein zum Cassaverwalter, Sigmund Kornmehl zum Schriftführer, die Herren Dr. Jakob Weiß und H. P. Chajes zu Schulaufsichtsorganen. Herr Dr. Wilhelm Klein zumControlor und die Herren Ferdinand Altmann und Jakob Kraus zu Beisitzern gewählt. Die Einschreibungen finden vorläufig bei Herrn Joachim Löwenstein, Hausbesitzer, 9. Bez., Seegasse 23, täglich mit Ausnahme von Samstagen statt.