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Die Wahrheit · 1901-11-15 · Heft 44 (15.11.1901) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 44 (15.11.1901)
Date
1901-11-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 44. Dte Wahrheit. Seite 5. Darum zurück Israel zu Deinen eigenen Schulen und Schulmeistern. Keine fremde Nation kann mit uns mitsühlen, kein nichtjüdischer Pädagoge die latenten jüdischen Kräfte schätzen und kein anti- oder ässemitischer Lehrer mit seinem verjährten Judenhaffe dieselben in richtigem Maße entwickeln und dienstbar machen.. Keine Renaissance, keine Erhaltung unseres Volkes für die Dauer, ohne die jüdisch-nationale Neuschnle. Das erste jüdische Gymnasium müsste unbedingt in Lemberg ins Leben treten. Die Assimilation hat das Judenthum zerstört, das nationale Judenthnm muß es wieder aufbauen, selbst unter den schwierigsten materiellen Verhältnißen. Die Zeit ist gekommen, Gott, der Herr der Zeiten, will es. Erinnermigsblätter auf das frische Grab des Rabbiners Dr. Selig-An erbach s. A. zu Halberstadt.! Von Rabbiner Dr. Daniel Fink.! (Fortsetzung.) | Unter einer modernen Predigt verstand er zunächst etwas j anderes, als eine Veranstaltung, die Gemeinde schön-geistig zu I unterhalten. Worte der Anerkennung, des Dankes und der! Ausmunternlig für diejenigen,welche ihm folgten,Hatte er nur wenige.! Dagegen drang er mit so erfcyntlernden Tönen in die Seelen,! die er vetloreit glaulne, Ihm so gewaltige Griffe :in ihr Herz i rüttelte so ungestüm an ihrem Gewissen. Die Arzenei, glaubte er,! sei für die Kranken, die Gefunden könnten ihrer ohnehin entj rachen. Was Wunder, wenn sich dem Fernstehenden der! gedachte Eindruck ergab? Und doch, welche Mißverständuiße I könillen Einem unterlaufen, Üwenn man darauf ein Urtheil über! seinen Cha-.akter bilden wollte! Ich wüsste nicht, wo in aller j Welt es eine edlere Seele mit einem liebevolleren Herzen ver-! einigt gegeben hätte. Das ungestüme Pochen an die Gewissen,! es mochte wohl manchem, der es gerne in den Schlaf gewiegt sehen wollte, lästig seilt. Seine Art, es immer wieder unter Einwirkung seines feurigen Stromes der Rede zu stellen, war so erfolglos denn doch nicht. In jeder Gemeinde begegnen uns heutigen Tages engere oder gar weitere Kreise, denen Religion bereits ein überwundener Standpunkt ist, die von ihr überhaupt tlichls mehr wissen mögen. Uilter seinen Zuhörern konnte es . solche nicht geben. Auch aus den Widerstrebenden hatte sein Wort noch einigermaßen Wirkung. Da gab es kein Ausweichen. Hier musste Jeder zur Religion und ihren Problemen Stellung nehmen. Auch nur ein vetlorenes Schaf vergällte ihm.die Freude au seiner Heerde. Es lag so etwas vom exthatischeu Schwung eines Johannes in seinem Wesen. Für seine Ausfassuug sollte die jüdische Gemeinde schon in ihrer gesammten äußeren und inneren Haltung die unzweideutige Bekundung einer göttlichen Offenbarung bilden. - So war beim auch sein Verhalten der Gemeindemitgliedern gegenüber ohne jede Ausnahme ein durchaus väterliches. IHu* Anlass besonderer Fmnilienereigiuße machte er bei allen stets in Begleitung seiner Gemahlin Besuche. Er hielt es jedoch auch andererseits in den Befugnißen seines Berufes gegeben, erforderlichen Falles sich den Besuch seiner Gemeindemitglieder zu erbitten. Solchen Aufsordernugen wurde stets Folge geleiitet. Für Easualsälle, als Trauungen, Leichenreden, nahm er der Regel nach kein Honorar an. Röthigte man ihm ein solches auf, so wurde es bald wieder an Arme verrheilr. Bei Verstorbenen, die in ihrem religiösen oder moralischen Lebenswandel öffentlich Anstoss boten, lehnte er die Abhaltung einer Tranerr.de ab. Ohne mein Hinzulhun war ich einmal Zeuge eines Vorsalles, der mir unvergesslich bleibt. Ein Brautpaar, welches von den Rechten, die nur die Ehe gewähren kann, einen vorzeitigen Gebrauch gemacht hatte, suchte bei ihm die religiöse Trauung nach. Er willfahrte, jedoch sollte dieselbe in seiner Behausung vollzogen werden. Es'fehlte an dem zehnten Mann, und so musste ich denn zugezogen werden. Mit welchem stammenden Begeisterung, die jedoch eine Helle Entrüstung nicht verbergen fouiite, redete er dem jungen Paar ins Gewissen! Ans den Schranken vornehmer Zurückgezogenheit undritterlichen Anstandes trat er jedoch nicht im mindesten dabei heraus. Wo jedoch die Gelegenbeit darnach angethan war, da scheute er auch eine eingehende Vorbereitung für seine Predigten nicht. Dieselben erhoben sich alsdann zur Höhe klassischer Vollendung. Periode reihte sich an Periode, wie die Perlen an einer Schnur. Der so sprach, an dem konnte man es merken, dass er bei Griechen und Römern in die Schule gegangen war, doch bestand dabei noch immer ein großer Unterschied. Während der Grieche mit der Ruhe des fremden Beschauers den kunstvollen Anibau der Rede vollzog, wogte hier ein inneres Feuer, in welchem die strengen Linien der Kunstformen ganz allgemein ineinander flössen. Ich sehe ihn noch, wie er ans dem Gipfel solcher Knnstleistung sich bewegend, unter Theilnahme der ganzen Gemeinde, der Vertreter aller Behörden und weiter Kreise der Bürgerschaft die renovirte Synagoge wieder einweihte. Seine Worte waren damals ans alle Festtheilnehmer von einem überwältigenden Eindrücke beglcitek. Zu besonderer Gewalt erhoben fick seine Reden am Sabbath Teschuwo und Sabbath-Haggadol. Das waren für ihn jedesmal gar anstrengende Tage. Vormittags hielt er eine Predigt, nachmittags eine Derafcha im echten Sinne des Wortes. Bei letzterer verstand er es wieder so meisterlich, den alten Geist in neue Schläuche zu füllen. Von der Eindringlichkeit, mit welcher er vormittags zur Buße predigte, läist sich schwer eine Schilderung geben. Das musste schon ein hartgesottener Sünder fein, der sich da der Thränen erwehren konnte. Die Derafcha nachmittags wurde nach allen Regeln talmndischer Technik und architektonischer Knust in der Anordnung und dem Aufbau der Gedankenmaffeu dnrchgesührt. Dass dieselbe keinen bloßen Streich gegen das Wasser bedeutete, dafür war hinreichend Vorsorge getroffen. Denn es waren Einrichtungen geschaffen, dass das betreffende Thema vier Wochen vorher von! allen Gelehrten in einem sich immer ausweitenden Kreis von i Schülern behandelt wurde. So kam es, dass er bei solcher l Gelegenheit stets vor zahlreichen mit Verständnis folgenden Zuhörern sprechen konnte. In der Regel wurde die Disputation! über das angeschlagene Problem am Sabbat, der in die Fest- | tage siel, fortgesetzt und zum Abschluss gebracht. Er schwelgte | im Genüsse der höchsten Wonnen, wenn die Aufführung des j Gedankens bis aus den letzten Stein ihm wohlgelnngen schien, j Welch fromme Pietät zeigte sein Verhallen der Mutter i gegenüber! Die Zartsinnigkeit der Emvstnaung, in welcher seine-; Seele sich ihr gegenüber ergieug, das zu schildern, ist der Kraft j der Feder versagt. Es war uns, als beträten wir heiligen! Boden, wenn er am Jahrzettmage des Vaters uns in dessen! Studierzimmer führte, um uns dort einen Perek Mischnajoth! vorzutragen. Er erwähnte bei dieser Gelegenheit in der Regel : irgend einen Gedanken, oder eine Auslegung von demselben.! Die fromme Innigkeit, mit welcher er dann das Kaddisch-; gebet sprach, war geradezu rührend. Seine kindliche Eingebung ' dem Vater gegenüber kennzeichnet am besten die Thatsache, dass ■ er stets, bevor er das Neilnh-Gebet vortrug, sich in dessen Tallis : hüllte und den Wunsch äußerte, dass er zur letzten Ruhe an dessen Seite gebeitet werde.! Wenn seine Kraft leider früher, als irgend ein Mensch! ahnen konnte, zusammenbrach, so ist es ja für keinen, der ihn in seiner Rastlosigkeit kannte, ein Geheimnis, dass es die Folge! von geistiger und physischer Ueberanstrengung war. Allein, wo! lag denn der Ansporn zu solch gewaltiger Ueberspannung j aller Kräfte? Etwa in einer unzufriedene», stets nörgelnde»! Gemeinde? Gerade das Gegentheil ist der Fall. Alles, was! aus ihn nur Einfluß gewinnen konnte, drängte unablässig in ihn, sich doch größerer Schonung zu besteißigen. Doch alle diesbezüglichen Vorstellungen blieben erfolglos. Für meine Auffassung befand sich der Dränger auf einer für keinen Menschen erreichbaren Stelle. Das Vor bild des Vaters schwebte so unerreichbar hoch vor seinem Geiste, dass er demselben nie gerecht zu werden vermeinte.

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