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Die Wahrheit · 1901-11-15 · Heft 44 (15.11.1901) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 44 (15.11.1901)
Date
1901-11-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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«eite 4. Die Wahrheit. Nr. 44. verlässlichen Schochet und es gab auch nur eine Restauration in Franzensbad, die von religiösen Curgästen als verlässlich koscher anerkanilt lvar. Die e Restauration hatte stets einen separaten Schochet. Vor drei Jahren kam ein zweiter Gastgeber aus dieselbe Idee und bestellte einen polnischen Schochet. Wo alles liebt, kann aber Karl allein nicht hassen. Der dritte Restaurateur, der gar niemals darauf reflectirte, als koscher zu gelten, engagirte nun auch einen polnischen Schochet mit Peios und Kaftan, bezahlte ihm ein Gehalt von 100 Kronen monatlich und ließ durch ihn allwöchentlich einige Stück Geflügel schlachten. Sonst blieb wirklich alles beim Alten, und ich war Ohrenzeuge, als ein hervorragender russischer Rabbiner den Betreffenden zurechtwies, wie er es doch mit seinem Gewissen vereinbaren kann, der Treife-Wirthschaft seines Brodgebers einen Koscherzettel zu geben. Der arme Schochet gestand sein Verbrechen und entschuldigte sich nur mit seiner darbenden Familie. In dieser Restauration wurde auch am jüngsten T i s ch o h b e a w ein Musik Concert veranstaltet. Die Hospitalwirthschaft will ich diesmal nicht einer eingehenden Kritik unterziehen. Jlt humanitärer Beziehung wäre auch nur weniges zu beanständen. Eine unverzeihliche Sünde ist es aber, die armen Hospitanten in einer ausgesprochenen Treise-Restauratiou zu verköstigen! Der jüdische Charakter dieser Anstalt, das große Prinzip der jüdischen Zedokoh und nicht zu allerletzt die armen Curbedürstigen selbst verdienen es, dass mit ihnen kein solch frivoles Spiel getrieben werde. In einem jüdischen Hospital — das wird jeder Rechtdenkende zugeben — müssen die Pfleglinge auch mit ritueller Kost bewirthet werden. Vieleicht genügen diese Zeilen, um den Vorstand der Franzensbader Cullusgemeinde an seine Pflicht zu mahnen. Weiteres in einem zweiten Artikel. Die Schule, die ich meine. Von Dr. Rüben Vierer. (Schluss.) Man wird vielleicht gegen unsere jüdische Schule den Borwurf erheben, dass sie um Gotteswillen keine .Religion" lehre, was selbst der christliche Staat nicht zulasten könne, aber daraus müffen wir antworten: Wir Juden haben tausende Jahre als das Volk des heiligen Buches der Bücher ein hoch moralisches Dasein geführt und erst als wir in die Eiszone der Religiousschreiberei hinein geriethen, erst da begann die traurige Zeit unseres moralischen Rückganges. Wir, das ganze noch gutjüdische Volk, verlangen keine Surrogate, keine rethorischgedrechselten und corrumpirten Uebersetzungen, unsere Söhne und Töchter sollen nur die uralte, ewig junge Thora im Originale studiren, sollen sich aufrichten und begeistern an den tröstenden, warnenden, oft auch zürnenden und strafenden Worten der wahren Propheten. In der Pflege der Thora liegt unsere Religion; dies müssen unsere Vorstände, ob sie in der Wiener Seitenstettengasse oder in dem Palais der Bernsteingasse residiren, überall und zu allen Zeiten den christlichen Schulbehörden deutlich machen. Erklären müffen wir ferner allen Behörden, dass wir es als unsere heilige Pflicht erachten, unsere Sprache, unsere nationale Litteratur, die wir Jahrtausende mit unserem Herzblute und mit all unserem Denken fortgeerbt haben, auch fernerhin zu pflegen und zu erhalten. Nur in einer jüdischen Schule können wir das heilige Gebot Gottes erfüllen. Nirgendwo befahl uns unser Lehrer Moses „Religion" zu lernen, sondern diese Worte der Thora: -p^> by am -pira raa» irrw a'i2in rm "P1P21 "s22V21 *JTI2 1^21 "jn'22 1N2L>2 B2 7,1211 “p2b Wir haben also genau specificirr, welche Worte und in welcher Sprache wir lernen und lehren sollen, von einem Religionsextract ist nirgends eine Rede. Freilich werden unsere in Agonie begriffenen affimilatorischen Auchjuden Zeter erheben über die Rückfälligkeit unserer Bestrebungen und die Hände kreuzen über die Thorheit, in Europa in einer asiatischen Sprache Religion zu unterrichten, während sie es sonst ganz natürlich finden, dass die Polen in polnischer, die Deutschen in deutscher und überhaupt jedes Volk in seiner Sprache die Religion Christi lehrt. Mit derlei Zweigen unseres Volkes, welche an der Ausmnndungsstelle ihres Stammes verwesen und jeden Moment abfalleu, wollen wir nicht rechten — de morfcuis nihil nisi bene. Allein noch gibt es hunderttausende Juden, welche sich für ein ewigjüdisches Dasein gut wähnen. Diese wollen und müssen aus der ewigen Quelle der Thora in ihrem nationalen Sprachgewandt schöpfen und durch deren Aufnahme den Zusammenhang der fernsten Vergangenheit mit der jüdischen Zukunft verbinden. Diese müffen ihre eigenen Elementar-, ihre eigenen Mittelschulen besitzen. Wir sind nun zur zweitwichtigsten Lehranstalt, der Mittelschule, gelangt und stellen die Frage: Haben wir Inden auch jüdische Mittelschulen nöthig? Vor allem anderen müssen wir betonen, dass bei dem natürlichen Wissenstrieb unseres Volkes ein Steheubleiben auf der Stufe der Elementarschule undenkbar ist. Es wäre ungefähr das Gleiche, als wenn man dem Landmauiie znmutheu würde, seine eben aufgegangene Saat abzumähen, ehe sich noch die Halme zeigten. Die Dringlichkeit des Ausbaues der Lehranstalten hat zu allererst die jüdische Gemeinde in Frankfurt am Main erkannt, und ihr folgten andere deutsche Gemeinden, welche jüdische Mittelschulen ins Leben riefen. Eben so haben unsere Vorfahren immer dafür gesorgt, dass die jungen Leute ßin geeigneten Lehranstalten ihren Geist ansbilden konnten. Verächtlich war immer der Amhaarez, der Unwissende, und allgemein hochgehalten wurde der Gebildete. Und heutzutage benöthigen wir derartige Mittelschulen noch weit mehr, als zu jener Zeit, da der Jude in seinem Ghetto ifolirt sein Juden - thum ohne harte Prüfungen ausleben konnte. Die g^nze Jugendzeit muß daher in den utraquistischen Lehr- und Erziehungsdienst gestellt werden. Dieser Gedanke beschäftigte mich auch bereits in den Achtziger Jahren und ich ging meinem ehemaligen Schuldirector Dr. Sanowski mit der Frage an, wie die Gegenstände zusammengeschoben werden könnten, um für die jüdischen Disciplineu Platz zu .schaffen. Dieser erklärte mir nun, dass bei den bekannten guten Talenten der jüdischen Kinder ohne besondere Beeinträchtigung des vorgeschriebenem Pensums des achtclassigen Gymnasiums der Unterricht in der hebräischen Sprache und Litteratur, Geschichte und Talmud betrieben werden könnte, und wir habeit auch zusammen ein dementsprechendes Programm entworfen. Da eine derartige jüdische Mittelschule an Lehrer und Lernende viel größere Anforderungen stellt als das christliche Gymnasium, dürste, wenigstens für den Anfang, rrur körperlich kräftigeren und geistig reiferen Schülern, die ans einer jüdischen Unterstufe hervorgegangen sind, die Aufnahme in dieselbe gewährt werden. Wir wollen uns nicht die großen Hinderniße verhehlen, auf die die Errichtung einer jüdischen Mittelschule stoßen würde, und vor Allem ist auch die Geldfrage nicht zu übersehen. Da wir zunächst an Galizien denken, wo die jüdische Bevölkerung in großen Massen beisammen wohnt, müssten alle, jüdische» Gemeinden dieses Kronlaudes zur Erhaltung einer solchen Schule beitragen, die natürlich wieder allen Städten ltitb Städtchen Galiziens zu Gute käme. Von der Opferwilligkeit echtjüdischer Eltern, die ihre Kinder dem Judenthum zu erhalten bestrebt waren, haben wir die ganze, schier unendlich scheinende Zeit der Diaspora gezehrt und hoffen darum, auch fernerhin auf dieselbe rechnen zu können. Aus unseren jüdischen Lehranstalten würden wir aber die tauglichsten Kräfte ins öffentliche Leben senden, welche an Wissen ihre Zeitgenossen weit überragen. Wir wollen in denselben keine Jesuiten bilden, die ihre Mitmenschen und Andersgläubige bedrücken sollen, sondern charakterfeste, mit Wissen erfüllte und erkenntnisreiche jüdische Männer, welche unserem Volke zum Heile und zum Ruhme gereichen, berufene Vorkämpfer des Judenthums, voll denen es heißt: „lau bekauach,* welau bechajil, ki im berachi omar Adonaj!“

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