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Die Wahrheit · 1901-11-15 · Heft 44 (15.11.1901) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 44 (15.11.1901)
Date
1901-11-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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ahrHsii Rrdaction u. Administraiion j| Wien. II/1. Novaragaffe 27. jj ft. k efttrr. Postsparcafja | Eheck-Conto Nr. 846.251. >»s,rale: 20 Heller per Nonpareille-Zeil«. Abonnements- und JnsertionS» betrüge sind in Wien zahlbar. Unabhängige Aeiischrist für jnöifche Hnlere^en. Erscheint jeden Freitag. Motto: .Da» Siegel Gottes ist Wahrheit!" fiqugspmt: j| «an,jährig . . St. 12— Halbjährig . . . ft. 8.— Für Lultusbeamte: San,jährig ... ft. 10.— Für Ausland: Ganzjährig .... 8 Mark 6 Rubel oder 16 Frei. Kr. 44. Wien, 15. November IM. Anhalt: Die jüdischen Verhältniße in den Curorten. — Die Schule, die ich meine. — Erinnerungsblätter. - Jüdische Aerzte am Sultanshofe. - — Verschiedene Nachrichten. — Kaddischgebet — Zur neuen Organisalion. — Allgemeiner Cantorenverband. — Nach klänge des Cantorentages. Wir ersuchen die Könner und Areunde unseres Utattes, in allen öffentlichen «Localen hier und in der Krovinz „Nie Wahrheit" zu verlangen. Die Redaction. Die jüdischen Verhältniße in den Curorten. Von Dr. A. Berlin, im November. Carlsbad, Marienbad und Franzensbad sind unstreitig die berühmtesten böhmischen Bäder, die zum großen, wenn nicht zum größten Theile von Juden besucht werden. Ein großer, vielleicht der größte Theil der jüdischen Curgäste recrutrit sich aus konservativen und strengreligiösen Glaubensgenossen, die zumeist aus Russland und Galizien alljährlich in den Sommermonaten wiederkehren. In allen drei Curstädten bestehen jüdische Cultusgemeinden, deren Institutionen von den Curgästen reichlich unterstützt werden. Was wäre nun selbstverständlicher, als dass diese Cultusgemeinden für die religiösen Bedürsniße der Curgäste in entsprechender Weise Sorge tragen würden. Doch nichts von alldem, der osficielle Cultus ist in allen drei Städten gründlich reformirt, die Curgäste . aber, die dieser Richtung angehören, empfinden gar nicht ein Bedürfnis, auch noch im Curorte praktisches Judenthum zn treiben. Sie besuchen das ganze Jahr hindurch nicht die Gotteshäuser ihrer Heimatsorte, sie thun es viel weniger noch in den Sommerfrischen. Die conservativen Curgäste sind aber bemüssigt, ihre Andacht in verschiedenen Winkelstübcheu zu verrichten. Wäre es nicht recht und billig, wenn die locale Cultusgemeinde selbst einen bescheidenen Raum zu diesem Zweck einräumen würde? Doch wollen wir diese Verhältniße näher ins Auge fassen. Es ist jetzt gerade die Zeit, wo die Cultusgemeinden in den Curstädten über ihre Anstalten berathen und beschließen. Vielleicht trägt diese Aufklärung dazu bei, den religiösen Sinn zu heben uüd etwas mehr Toleranz gegenüber dem jüdischen Conservativismus in Curs zu bringen. Ich kenne die religiösen Zustände in allen drei Curstädnn und will mit F r a uz e n s b a d d.en Anfang machen. In Franzensbad selbst wohnen nicht mehr als etwa 12 jüdische Familien. Jeder Kenner jüdischer Gemeindever- . hältniße wird zugeben müsse», dass 12 Familien nicht, in her Lage sind, eiue Cultusgemeiiide mit blühenden' Anstalten >zu gründen und zu erhalten, und doch besitzt Franzensbad einen Tempel, ein Hospital und einen Friedhof, die selbst der größten Gemeinde zur Ehre und Zierde gereichen würden. Unleugbar ist es der Wohlthätigkeitssinn der Curgäste, der diese blühenden Anstalten ins Leben gerufen. Wie werden aber diese Anstalten verwaltet? Das herrliche Gotteshaus steht eine ganze Woche leer, nur an Sabbath und Festtagen öffnen sich die Hallen für eine kleine Schaar, und auch an diesen Gottestagen muss oft das nöthige Minjan zusammengeschweißt werden. Wenn sich aber die Herren am grünen Tisch dazu verstehen wollten, durch ganz geringfügige Umänderungen den confervativen Curgästen entgegenzukommen, wie würde sich das Gotteshaus Früh und Abend mit Andächtigen füllen! Franzensbad ist auch der Sitz des Rabbinates. Auch hierin bekundet aber die Gemeinde eine Insolenz, die nicht genug getadelt werden kann. Man mag über diese Institution denken, wie man will, wenn aber eine Cultusgemeinde einen Rabbiner anstellen will, hat sie die Pflicht, dafür zn sorgen, dass der Betreffende auch von einer competenten Person oder Anstalt hiezu antorisirt sei. Ein Cantor, ein Schochet, ein Kore, ein Kleincassir und sonstiger Functionär ist aber — wenn er die nöthige Autorisation nicht hat — kein Rabbiner. Die Franzensbader Cultusgemeinde -hat aber alle diese Stellen mit einem Manu besetzt und der Behörde angemeldet, dass derselbe ihr Rabbiner sei. In der Cnrsaison stellt es sich aber heraus, dass dieser Würdenträger dem V o r st a n d e s e l b st nicht einmal als Schochet verlässlich ist. Die Sache verhält sich nämlich folgendermaßen. Drei Cultusvorfteher, die überhaupt die leitenden Männer der ganzen Gemeinde sind, besitzen rituelle Restaurationen. Andere jüdische Gastgeber gibt es nicht in Franzensbad. Um nun die Ritualität der Gasthäuser zu demonstriren, hält jeder Vorsteher den Sommer über einen eigenen polnischen Schochet, und der von der Cultusgemeinde angestellte Schochet wird im Sommer zur Schechitafunktion garnicht zugelassen. Die Herrn Vorsteher sind sich nämlich dessen bewusst, daiß der größte Theil der Curgäste ihren permanenten Schochet nicht als verlässlich anerkennen würde. Run liegt doch aber die Frage ans der Hand: warum bestellt nicht die CultusgeMeinbe als solche ei nenv er lässlichen Schochet? Ist es nicht eine Ironie, wenn die Herrn ein ganzes Jahr hindurch im offiziellen Cultus — wir wollen das jüdische oder unjüdische Privatleben gar nicht tangiren — dem radikalen Fortschritt huldigen und, wie es zum Geschäft, kommt mitjpolnischen Schochtim religiöse Spiegelfechterei treiben! Die offizielle Cultusgemeinde hatte tatsächlich vor vielen Jahren schon keinen

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