Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 43 (8.11.1901)
- Date
- 1901-11-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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. 43. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 21. Iahrg HT Are geehrten Kerren ßatttoren des In- und Anstandes werden ersucht, die Rückstände und den ASouuemeutsöetrag für das taufende Huartat umgehend emsenden zu wossen. Are Administration. Anschluss au Len aügeMiuru Cantorenverband. Aus Gleiwitz in Oberschlesien wird uns berichtet: Sonntag, den 3. November fand hier eine Versammlung der Cantoreu Oberschlesiens statt, bei welcher fast sämmtliche Cantoren aus den größeren Stadien anwesend waren. Die Versammlung beschloss einstimmig den Beitritt zu dem in Bildung begriffenen „Allgemeinen Cantorenverband^ und wählte ein besonderes Vorstandscomitv, bestehend aus den Herren Obercantor DavidfohuGleiwitz, Obercantor Siuger-Kattowitz und Obercantor De Beer-Beuthen. Ein ausführlicher Bericht über diese Versammlung folgt in nächster Nummer. Uachkläuge des Cantorentages. Von P. Minkowsky, Obercantor in Odessa, ll. Eine solche Pietät für die Künstler auf Rechnung der Kunst kennt weder die Kirche noch das Theater der christlichen Völker. Zn der Kirche, wo Personencultus als Basis der Religion und Boden des Evangeliums dient, ist dennoch bezüglich der relig. Kmtst ein solcher Cultus 'unbekannt. Reben Paleftrina's Kyrie, Bach's Passionen, HLndel's Oraterien glänzen auch die Psalmen Hans Sach's, des Schustermeisters aus Nürnberg, im Kirchenbuche, und gerade bei den Juden, wo Personencultus dogmatisch überhaupt widerwärtig ist, soll ein solcher überschwänglicher Cultus bezüglich der Kunst gepflegt werden?! — Emanuel und Ferdinand Bach, die Söhne des berühmten Sebastian Bach, componirteu nicht uur für die Kirche, wo sie als Organisten fungirten, sondern sie brachten nach dem Ableben ihres Vaters viele fremde Composttionen der alten uitd neuen Toukünstler zur Aufführung und sahen darin gar keine Profanation der Würde ihres in aller Welt berühmten Vaters. Warum denn betrachten die Söhne der jüdischen Coriphäen die Aufführung einer anderen Compositiou, die nicht von ihren Vätern herrühren, als Entwürdigung der Ehre derselben?! Dieser chinesische Ahneucultus hat mehr zur Mumificirung als zur Hebung des Gottesdienstes, mehr zur Sterilität des allgemeinen jüdischen Kunstsinnes,. als zu seiner Befruchtung beigetrageu. Und aus dieser conservireuden Heiligung der Tonkünstler resultirt schon jetzt ein Monotonie des Gottesdienstes in den großen Tempeln Europa's, in denen am Anfänge des 19. Jahrhunderts für die Reform des Gesanges so heiß gekämpft worden ist. Wenn diesem Conservatismus der ehemaligen Pionniere der Reform des 19. Jahrhunderts kein Halt geboten wird, so ist der Lag gar nicht fern, wo diese Monotonie sich in einer völligen Erstarrung auflösen wird. In anderen Gemeinden hingegen, in denen keine Coriphäen gewirkt haben, herrscht eine grenzenlose Willkür in der Wahl der Gesänge. Jeder Cantor herrscht in seinem Tempel wie ein Khalif in seinem Reiche; jede Synagoge besitzt einen Gottesdienst, der schon in der nächsten Synagoge ganz unbekannt ist, und im Namen des Nationalismus wurden gar viele Lieder, die weder religiös noch national sind, im Golteshause ad libitum eingeführt. Ein Gottesdienst, der wie ein nach dem Modejournal gearbeitetes Kleid den Landesschnitt haben muß, verdient kaum den Namen Liturgie, allein der Gotttesdienst, der weder Schnitt noch Form hat, ist überhaupt keine Liturgic, sondern ein Chaos. Wir müssen einen Gottesdienst haben, der weder Wiener noch Berliner, weder Königsberger noch Odessäer Facon trägt, sondern einen allgemeinen jüdischen Gottesdienst, der, wie der katholische Gottesdjeuft unter allen Katholiken und der lutherauische Gottesdienst unter allen Lutheranern, seine specielle Physiognomie in ganz Israel trägen soll. Eine wahre Liturgie darf weder monopolisirt noch der Frivolität aller Ignoranten überlassen werden, Norm und Form sind unentbehrliche Vorbedingungen für ihre universale Stabilität. Wie die Tephila Production verschiedener Zeiten und Individuen war (Moses verfasste "^,1 rona", Joschna — „psn 71212", David uno Salomon — „D’Wn* .1212", Rabbi Akiba und Rabbi Tarfon verfassten das Gebet in der Hagada, Samuel Petit verfasste das Gebet gegen die Sectanten, 71212, Raw verfasste neue Gebete, und erst späterhin durch' die Sancliou der großen Versammlung als universelles Eigenthum der Synagoge erklärt wurde, wie Text und Musik der christlichen Liturgie zuerst von einzelnen Kirchenvätern, Heiligen und Künstlern verfasst und nachher von Concilien, Synoden compilirt, revidirt und kanonisirr worden sind, so sollte jetzt unsere synagogale Musik einer i'heitgeit Revision unterworfen werden. Hat das 19. Jahrhundert hier und dort individuell schaffende Geister hervorgerufe», die doch' dem gesammten jüdischen Volke angehören und den jüdischen Gottesdienst regenerirlen, so ist es Pflicht des 20. Jahrhunderts an dessen Schwelle wir stehen, beu angehäuften Stoff der verschiedenen Länder zu einem Ganzen zu gestalten und die Trennung der Synagoge zu , beseitigen, damit, auch wir eine Liturgie im wahren Sinne des Wortes bekommen. Diese Arbeit sei nicht einer einzigen Versammlung aufzubürden, sondern die Aufgabe einer Reihe von Versammlungen, die alle 2 oder 3 Jahre immer in einem anderen Centrnm ' Europa's stattfinden sollen Es müssen zuerst liturgische Comitss, aus Männern, die ihrer Aufgabe vollkommen gewachsen sind, ins Leben gerufen werden. Diese Comitos sollen von allen Landescantoren als höhere Instanz erklärt und anerkannt werden, der die Pflicht der Bewachung der Landesliturgie obliegt. Sämmtliche Comites haben dann vereint ein Weltprogramm der jüdischen Liturgie für alle gottesdienstlichen Riten uns alle Stimmcategorien auszuarbeiten und nachher der Sanktion der großen Versammlung vorzulegen. Die Druckspesen solcher synagogaler Euchiridien, nachdem sie die Auerkenuuug aller Cantoren der Welt gesunden haben, werden hoffentlich die Gemeinden übernehmen. (Fortsetzung folgt.) verschiedene Nachrichten. Wie». Am vorigen Donnerstag wurde der 98jährige Herr Leopold Stengel bei zahlreicher Betheiligunz seiner Verwandten und Bekannten zu Grabe getragen. Derselbe bewahrte sich bis zum Ende seines reichbewegten Lebens eine erstaunliche Elastizität des Geistes und körperliche Rüstigkeit, doch schien es bei der vorjährigen Geburtstagsfeier am 15. Schebet, dass er es ahnte, diesmal wäre es zugleich ein Abschiedsfest vom Leben. Er stammte aus Rußland, doch hielt er sich hier schon vor dem 1848er Jahre, und zwar in Gaudenzdorf auf, wo er eine Spiritus- Brennerei betrieb und sich solchen Ansehens und allgemeiner Beliebtheit erfreute, dass er seitens der Wiener' Gemeinde durch das Ehrenbürgerrecht ausgezeichnet wurde. Auch seine beiden Brüder, Max R. v. Stengel und Eduard, nahmen im socialen Leben der Residenz eine - sehr geachtete Stellung ein und unterstützten ihren , älteren Brnver^ wie es später nach