Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 43 (8.11.1901)
- Date
- 1901-11-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 43 Die Wahrheit. Seite 9. erenTode auch die wohlerzogenen Kinder thaten, die sich ebenfalls einer ehrenvollen Position in der bürgerlichen Gesellschaft erfreuen. Der Verblichene hinterlässt eine trauernde Witwe und 9 Kinder, unter denen zwei Töchter sich der dramatischen Kunst widmeten. Die letzte« 25 Jahre wohnte er im Hause des Herrn Adolf Schramek, II., Rovaragaffe, und war in der Nachbarschaft auch gut gekannt und wohlgelitten. Alien. Sonntag, den 3. d. 3 Uhr Nachmitags fand im Leopoldstädter Tempel die Trauung des Fräulein Hermine Königsberger mit Herrn Ludwig Rothmüller statt. . Die außerordentliche Beliebtheit und Popularität des Brautvaters, Herrn Nathan KönigSberger, der trotz seiner verhältnismäßigen Jugend zu den dienstältesten Beamten der Wiener. Cultusgemeinde zählt, manifestirte sich in der überaus großen Zahl von Hochzeitsgästen aus allen Kreisen der Gemeindemitglieder, die die weiten Räume des Gotteshauses bis aufs letzte Plätzchen füllten. Wir bemerkten unter Anderen: Die Bicepräsidenten der Cultusgemeinde Dr. Stern und Dr. Kohn, und CultuSvorsteher Dr. Spitzer, die Bethausvorsteher Stiaffny und Wasservogel. Secretär Dr. Adler, Friedhofverwalter Bäcker, und fast sämmtliche Beamte der Wiener Cultusgemeinde, Lector Friedmann, die Rabbiner Kramer und Dr. Reich, Obercantor Bauer, Obercantor Kläger, Amtsleiter Schlesinger, die Cantoren Löwit, Rothwein und Smotritzki, die Religionsschulinspectoren Dr. Kanitz und Dr. Langfelder, Armenrath Joses Pollak, Vereinsobmann Isidor Schwarz und zahlreiche Vertreter von Vereinen und Instituten. Den Trauungsact vollzogen Rabbiner Dr. Schmiedl und Obercantor Guttmann. Wien. Fräulein Gisela Beckmann, Tochter des Vorstandsmitgliedes des Montefiorevereines und mehrerer humanitärer Vereine, Herrn Ignatz Beckmann, hat sich mit Herrn Wilhelm Deutsch verlobt. Wien Der jüdische Verein jugendlicher Arbeiter veranstaltet Samstag den 9. November d. I. im Prachtsaale „Weidlandhof". 20. Bez., Klosterneuburgerstraße 33 eine Akademie, verbunden mit musikalischen, declamatorischen und Gesangsvorträgen. Da hervorragende Kunstkräfte Mitwirken werden, dürfte sich der Abend sehr animirt gestalten. Nach Schluss des Programmes Tanzkränzchen. Beginn des Festes 9 Uhr Abends. Entrö an der Cassa 80 Heller. Das Reinerträgnis wird zur Vergrößerung der Vereinsbibliothek verwendet. Wien. Einer der bekanntesten und angesehensten Aerzte im 2. Bezirke, Herr Dr. Emanuel Blum, ist Montag, den 7. d. M. im Alter von 53 Jahren gestorben. Die Nachricht von seinem Hinscheiden hat allgemeine Theilnahme hervorgerufen und bei der Beerdigung, die Mittwoch um 10 Uhr vorm, stattsand, zeigte sich die große Beliebtheit und das hohe Ansehen, dessen sich der edle Verblichene in allen Kreisen des 2. Bezirkes erfreute. Im Trauerhause erschienen: vom Cultusvorstande Docent Dr. Grünfeld und Dr. M- Spitzer, Hosrath Professor Nothnagel, viele Vertreter des ärztlichen Standes, Gemeinderath Helbig u. A. In der Ceremonienhalle fnngirte 1. Cantor Schiller mit dem Tempelchore. Hierauf sprach Primarius Dr. Lerch namens des ärztlichen Vereines in der Leopoldstadt, Dr. Tennenbaum im Namen des Vereines für die Wohlfahrt der Hinterbliebenen der Aerzte, Herr B. Kanitz für den Verein '^1212 in besonders ergreifenden Worten des frommen und tüchtigen Menschenfreundes gedenkend. Es sprachen noch Jur. Dr. Ziegler für den Verein der Groß-Meseritscher, dem der Verblichene so oft in humanitärer Hinsicht unvergängliche Dienste leistete, und Dr. Kornfeld für die vielen Familien, denen Dr. Blum ein Freund und Berather war. Alle rühmten seine rastlose, geräuschlose ersprießliche Thätigkeit im Dienste der Menschheit, sein opferwilliges und thatkrästiges Wirken für das Wohl seiner Mitmenschen, die ihm ein gutes Andenken bewahren werden. n"22»n Ang.-Hstra. (Jubiläum.) Am 16. d. M. feiert unser allgemein beliebter Obercantor, Herr Sigmund Goldstein, in seltener geistiger und körperlicher Freche das Jubiläum seiner 25jährigen anerkannten Amtswirksamkcit in unserer israel. Cultusgemeinde. Der rüstige Jubilar blickt auf eine fast 50jährige Berufsthätigkeit zurück, in welcher er als Cantor in Wien, Losonz und Großwardein wirkte. Herr Sigmund Goldstein ist ein Bruder des verstorbenen Obercantors der Wiener israel. Cultusgemeinde, Josef Goldstein, mit dem er auch Kunstreisen in ganz Oesterreich-Ungarn und Deutschland in den 40er Jahren mitgemacht hat. Die zahlreichen Freunde und Verehrer des Jubilars werden dessen Jubiläum zum Anlasie solenner Sympathiekundgebungen benützen. Nrag. Am 20. v. M. wurde hier der hochgeachtete Kaufmann Herr Ignaz Ro Kitsche k, Präses der Klaussynagoge, unter großer Betheiligung von Trauergästen zu Grabe getragen. Der Verstorbene war ein IhatkräftigeS Mitglied zahlreicher Wohlthätigkeitsvereine, besondere Verdienste hat er sich um das Prosperiren der Klaussynagoge erworben. Nachrufe hielten nebst dem Oberrabbiner Herrn Dr. Ehrenseld noch die Herren Emanuel Urbach, als Vorsteher der Klaussynagoge, und Herr H. Stein namens der tieftrauernden Hinterbliebenen. ÜJrafl. Am 28. v. M. fand hier unter zahlreicher Betheiligung as Begräbnis des hiesigen angesehenen Fabrikanten Herrn Philipp Winternitz statt, des Vaters des Herrn Max Winternitz, Chefs der Firma Rudolf Winternitz und Comp., Hohenelbe-Wien. Zahlreiche Wohlthätigkeitsvereine verlieren in dem Verstorbenen einen eifrigen Förderer; dem Vereine der Postbediensteten, die dem Sarge folgten, gehörte er als Ehrenmitglied an. Aiemes. Hier starb am 23. v. M. der gräfl. Hartig'sche Hofpachter Herr Leopold Kolm. Der'Verblichene, der Philosophie studirt hatte, erfreute sich allgemeiner Werthschätzung. Die Beerdigung erfolgte aus dem Leipaer Friedhofe. . ... Troppau. Der hiesige „Jüv.-litt. Verein" hat seine Vorträge mit dem Herrn Dr. Bergmann aus Friedeck eröffnen lassen. Herr Dr. Bergmann (Wiener Schule) sprach über das Thema „Unsere Propheten" und wusste durch vollständige Beherrschung des Stoffes, durch schöne fließende Sprache und gründliche Behandlung des gewählten Thema unser zahlreich erschienenes Publikum von Damen und Herren bis zum Schluffe ungemein zu kesseln. Den interessanten Ausführungen des vortrefflichen Redners folgte stürmischer Beifall. Dem„Jüd.-litt. Verein", durch dessen Vermittlung wir in den letzten Jahren wiederholt sehr intereffante und belehrende Vorträge zu hören bekamen, gebührt volle Anerkennung, und | wir wünschen diesem rü-rigen Vereine ein ferneres Gedeihen zum Wohle unserer Gemeinde.? Wrzemyst. Der n'eugewählte Obercantor unserer Gemeinde, Herr! Albert König, welcher in Wien das Conservatorium absolvirt hat.? erntete mit seinem Bortrage und seinen schönen Stimmitteln großen Beifall.! Herr König erhielt nach den Festtagen vom Borstande ein Ehrengeschenk. Dar Kaddischgebet. Von Bernhard Loewenthal. (12. Fortsetzung.) In diesem Augenblicke, der den Knaben nach dem jüdischen Gesetze zum Mann machte, in dein Moment, da der Jude jede Verantwortung für sein Thun und Lassen auf seine eigenen Schultern nimmt, in dieser Stunde stand das Bild der Verewigten in Leons Seele. Es schien ihm, als ob die Mutter segnend die Hände ausdreitete über seinem Haupte, als ob sie ihn schützen wollte vor den Stürmen, die sein ferneres Leben ihm bringen könnte. Sehnsuchtsvoll erfüllte ein Weh des Knaben Brust, ein bangendes Gefühl des Schmerzes, des Alleinseins füllte sein Herz, so dass er heute recht empfinden musste, dass er elternlos war. Als Leon Wild die Gratllatimen seiner Angehörigen entgegennahm, war er merkwürdig still. Er antwortete kaum auf die an ihn gerichteten Fragen. Auch Onkel Jakob' war heute schweigsamer als sonst. Nachdem die Gratulanten uua Gaste das Hans scyon verlassen hatten, nahm er Leon bei der Hand. „Komm," sagte er mit seltsam weicher Stimme, „auch ich habe Dir noch etwas zu schenken." Leon blickte den Onkel erstaunt au und beide giengen den langen Korridor emtang, fast ganz bis ans Ende desselben zu einer Thür, die bis jetzt niemand geöffnet hatte. „Tritt nur ein," sagte der Onkel und seine Stimme zitterte unter Thränen. Es war ein kleines, zweifenstriges Stübchen, in dem die Beiden jetzt standen. Die Sonne warf glänzend ihre Reflexe auf ein an der gegenüberliegenden Wand angebrachtes, großes Gemälde, mit dickem, golvverzierren Rahmen. Jacob Gutkind hatte sich zur Seite gewandt, Leon aber stand wie entgeistert vor dem Bilde. Er suchte sich zu sammeln, strich einigemal mit der Hand über Stirn und Augen, dann als es ihm so seltsam eigen wurde ums Herz, als es sich so schwer ihm auf die Brust legte und ihm so heiß in die Augen stieg, da stürzte er nieder auf die Knie: „Mutter! Mutter, meine liebe, gute Mutter!" schrie er auf. Dann wurde es still im Stübchen, Jacob Gutkind hatte sich hinausgeschlichen; er hatte das Porträt seiner Schwester, welches ein liebender Gatte gemalt, gut verwertet, ein besseres Geschenk hätte er seinem Neffen nicht machen können. Eine geraume Weile vergieng, noch immer lag Leon Wild vor dem Bilde seiner Mutter, es war ihm zu Muthe, als müsste er jetzt das Kaddischgebet sagen, aber seine Lippen blieben geschlossen. Leise öffnete sich die Thür. Ein niedliches Mädchen von 12 Jahren schlich auf den Zehenspitzen zu dem Knaben, legte weich die Arme um dessen Hals und leise ihm die Stirne küssend flüsterte es sanft: „Komm', lieber Leon, sei nicht so traurig, und wenn Du willst, so will ich jetzt noch mehr Deine Freundin sein, wie bisher!" Leon sah traurig lächelnd in das rosige Gesicht seiner Cousine. — „Ich will ein guter Mensch werden, Alice, ja, ich — Du — wir wollen beide gut weroen, Alice— gut und brav", -dann erhob er sich. Jakob Gutkind hatte damals, als er das Portrait auf der Ausstellung ge sehen hatte, sofortdas Bild seiner Schwester um einen hohen Preis durch Vermittelung eines befreundeten Kunsthändlers erworben, nno in einem besonderen Zimmer, zu dem nur er den Schlüssel hatte, untergebracht.