Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 43 (8.11.1901)
- Date
- 1901-11-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063062-3063105--01617-3068223- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sette 6. Die Wahrheit. Nr. 43. ,-j, deu hohen Feiertagen für junge Leute, die an den Gottesdiensten in den Tempeln nicht.- _theilnehmen können, einen besonderen Gottesdienst zu veranstelten, der an den letzten Feiertagen sehr zahlreich besucht war und sehr würdig verlaufen ist. Der Verein sei verpflichtet, die Bethausordnung, sowie die Wahl der gottesdienstlichen Functionäre dem Vorstande zur Genehmigung vorzulegen. (Der Antrag der Schulsection wird nach beifälliger Kenntnisnahme des Referates genehmigt.) Ein fernerer Antrag der Schulsection zur Gewährung einer jährlichen Subvention von 1000 Kronen für die im Locale des Bethamidrasch bestehende Talmud- und Bibelschule unter Leitung des Lector M. Friedmann, behufs Anstellung zweier nothwendig gewordener Lehrkräfte, wird nach einer kurzen Debatte, an der sich Dr. Stern, Dr. Spitzer und Ritter v. Laußig betheiligten, aus formellen Gründen an das Verteter- Collegium zurückgeleitet und diesem zugleich die Ermächtigung ertheilt, im Falle der Einstimmigkeit des Votums die Angelegenheit definitiv zu erledigen. InLerpellationen. Auf eine Interpellation des Cultusvorstehers Dr. Spitzer, betreffend die Fertigstellung der neuen Geschäftsordnung für den Cultusvorstand, bemerkt der Präsident, dass das diesbezügliche Comite in den nächsten Tagen zur Berathung zusammentreten werde. Kais. Rath Wilhelm Pollak gibt 'folgende Erklärung ab: Aus die liebenswürdigen Worte der Anerkennung unseres verehrten Herrn Präsidenten in der Simmeringer Frage reagirend, kann ich dieselben nur tbeilweise annehmen, denn ich war nur der Geschäftsträger, und obwohl ich kein Freund von Mischeberachs bin, muß ich hier doch erwähnen, dass es unser verehrter College, Herr Director R. v. Taussig, war, dem es durch die Macht seiner Beredtsamkeit und durch den Einfluß seiner Persönlichkeit geglückt ist, die streitenden Parteien zum Ausgleich zu bewegen. Da ich jedoch beim Worte bin, will ich dies — in einer anderen Sache — nicht unbenützt vorübergehen lasten und richte an das löbliche Vertreter-Collegium und die Herren Collegen nochmals die Aufforderung, die schon seit einem Fahre constituirten Bezirks - Commissionen endlich mit einer Geschäftsordnung versehen zu wollen, damit die Herren,ihre ersprießlichen Arbeiten beginnen können. Der Vorsitzende schließt sodann die öffentliche Sitzung und in der hierauf folgenden vertraulichen Sitzung wurden Personalien und Steuerangelegenheiten erledigt. Eriimerangsblätter auf das frische Grab des Rabbiners Dr. Selig-Auerbach s. A. zu Halberstadt. Von Rabbiner Dr. Daniel Fink. (Fortsetzung.) Den absonderlichsten Zumuthungen gegenüber verlor er die. Geduld nicht. War es ein würdiger Gelehrter, so wurde er gar mit Ehrerbietung und Zuvorkommenheit empfangen. Er wurde sofort zu Tische geladen und bildete dort den Mittelpunkt der Unterhaltung. Ein gediegenes Wort Thauroh galt ihm als die beste Würze eines Mahles. An Sabbathen gar erst, da fehtten niemals dürftige Gäste an seinem Tische. Er nahm sie auf, ganz wie sie ihm in den Wurf kamen, Gelehrte und Laien, Kaufleute und Handwerker, Gerechte und Ungerechte. Das war ja überhaupt das Einzige in diesem nunmehr abgeschlossenen Leben. Es gab in demselben nichts, das zu verschleiern wäre. Es Lmnte sich somit in allen seinen Aeußerungen vor den Augen der Jünger, ja vor denen ganz unberufener Zuschauer abwickeln. Was man einen Mittagsschlaf nennen darf, das gönnte er sich weder an Sabbathnoch an Wochentagen. Nachdem das Mtttagmahl eingenommen war, hielt er eine nur kurze Rast, indem er den Körper ein wenig auf das Sopha lehnte. Es geschah dies jedenfalls in Berückflchtigund der von Maimonides hilchoth deoth Cp. 4, § 3 gegebenen Vorschrift. Bald darauf fanden sich die Klausrabbiner, die ihm als Rabbinats-Astessoren gleichzeitig zur Seite standen, bei ilnn ein, und es entspann sich sofort ein reger wissenschaftlicher Gedankenaustausch. Unserem Geschlechte erscheint der fieberhafte Wettbewerb unter Ueberspannung aller Kräfte nur erklärlich, wo es sich um greifbare Werthe handelt. Hier jedoch wurde mit mindestens gleichem Hochbruck um die Erlangung geistiger Güter gearbeitet. Ja, es kamen dabei Erkenntniße in Bet nicht, mit welchen man heutigen Tages weder vor weiteren Kreisen des Judenthums noch vor der großen Welt besondere Ehre .einlegen kann. Vor dem Abend-Gottesdienste im Sommer und nach demselben im Winter saßen wir um ihn, um die sechs Ordnungen der Mischnah eine nach der anderen durchzuarbeiten. Bei der Behandlung der ersten wurden auch die in dem jvom Vater verfassten Werke Msobnatb di rablri Nathan gegebenen tiefsinnigen Auseinandersetzungen durchgesprochen. Es kam nicht selten vor, dass er durch Annsgeschäste behindert, zu dieser Lehrstunde etwas später kam. Beim Eintritt in das Lehrzimmer konnte ihm keine größere Freude widerfahren, als wenn er beobachtete, dass die Gedanken auch ohne sein Hinzuthun bei uns bereits arbeiteten. In solchen Augenblicken sah ich öfter sein Gesicht von einem wahren Frendenschimmer verklärt. Auch in der späten Abendstunde nach der Nachtmahlzeit war sein Tisch von Lernbeflissenen dicht besetzt. Es ist der größte Ruhm dieses oben geschilderten Tageswerkes, dass es sich mit einer nie aussetzeuden Regelmäßigkeit vollzog. Wer es einen Tag lang beobachtete, gewann dabei zugleich das Bild seiner Jahre, seines Lebens überhaupt. So war er unablässig bemüht, den Geist der Ewigkeit in den engen Rahmen der Zeit spanuen. Auch die Freuden des Lebens waren ihm nur dann genießbar, wenn sie sich in diese Sphäre erhoben. Mit welchem Jubel, der sein ganzes Wesen in einen hehren Glanz hüllte, wurden da die Sabbathe und die Feste empfangen. Wie ein Kind, das von der Welt und ihrem Treiben noch keine Ahnung hatte, konnte er da fröhliche, fromme Weisen anstimmen. Ein Glück verklärte da die ganze Familie, von welchem die solchem Geiste entfernten Kreise schwerlich eine Vorstellung gewinnen können. Es bedarf keiner besonderen Betonung, dass solche Familienfeiern ans Kinder und alle, die daran theilzunehmen das Glück hatten, von unauslöschlichem Eindrücke waren. Von solchen Wahrnehmungen ausgehend, ist es mir zur vollendeten Ueberzeugung geworden, dass der Niedergang des Judenthums in unserer Zeit hauptsächlich dem Umstande zur Last fällt, dass bei uns Sabbath und Festtage der herzlichen Freude in der Familie entkleidet sind Das ganze Judenthum muß solcher Art dem Kinde schon als nichts anderes als eine traurige Einöde erscheinen. — Soll ich nun erst von den heiligen und feierlichen Accorden erzählen, mit denen die Neujahrs- und Versöhuungstag seine Seele erbeben machte. Beim Austritt aus der Synagoge am ersten Neujahrsabend erschien er uns als ein anderer, höher gestimmter Mensch. Das Sukkothfest war ihm wirklich ein solches wahrer Freude und nicht der nüchternen Eintönigkeit. Wenn ich nicht irre, feierte er in den Halbfeiertagen regelmäßig die Wiederkehr seines Verlobungstages. Er hatte auch vollkommen Recht, wenn er diesen Tag immer aufs neue festlich beging. Und nun erst Simchath- Thora! Eine solche Chatan-Thora-Feier, ich weiß nicht, ob ihresgleichen noch irgendwo anzutreffen wäre. Nachmittags strömte die ganze Gemeinde ohne jede Ausnahme in seiner Behausung zusammen. Ohne Unterschied wurde jeder mit derselben Zuvorkommenheit bewirthet. Da hielt er immer eine seiner glanzvollen Reden, in denen er zum eifrigen Studium der Thora eindringlich anfeuerte. Dieselben waren auch stets von Erfolg begleitet. Was seine amtliche Wirksamkeit betrifft, so fesselten, w'r sich leicht denken lasst, hauptsächlich seine Predigten meine Aufmerksamkeit. Er wendete dieser Seite seines Berufes keine übermäßige Sorgfalt zu. Kanzelvorträge bereite er nur dem Gedankengange nach vor. Die Form jedoch überließ er der Eingebung des Augenblickes. Bei dem Reichthum an Gedanken, überjjden er verfügte, und bei der großen Gewalt, die er über die Sprache hatte, konnte er damit für gewöhnliche Fälle sein > Auslangen finden. Er sprach vollkommen frei, benutzte keinerlei