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Die Wahrheit · 1901-11-01 · Heft 42 (1.11.1901) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 42 (1.11.1901)
Date
1901-11-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Sir. 42 Seile 7 Lire IvahrheU. Ädolf Ritter voa Lonnenthat. Mit ehernem Griffel hat das kleine jüdische Bölklein, das etvig verfolgte und geknechtete Israel seinen Namen in die Geschichte des Geisteslebens der großen europäischen Culturnationen eingegraben, und wenn wir iit die RnhmeshaUen der Wissenschaft und Kunst eiutreten, begegnen wir überall Männern jüdischen Stammes, deren Wirken und Schaffen die Palme der Ansterblichkeit errungen. Und besonders die deutsche Schauspielkunst ist reich an Coryphäen jüdischen Ursprunges und jüdischen Glaubens und einer der bedeutendsten aller Zeiten, vielleicht der hervorragendste Bühnenkünstler Jetzlzeir, ist Adolf Ritter D. S o u n e n t h a l, der am 30. October das Jubiläum seiner fünfzigjährigen künstlerischen Wirksamkeit in aller Stille begangen hat. Den Intentionen des Jubilars elllsprechend, welcher mit der großen Bescheidenheit des wahren Künstlers sich aus diesem Anlässe nicht öffentlich „gefeiert" wissen wollte, wollen auch wir mit den üblichen und in diesem Falle gewiss berechtigten Lobeshymnen zurückhalten. Es hieße auch, Wasser in die Donau tragen, wenn wir es versuchten, die rühmliche künstlerische Thätigkeil Sonnenthal^'s, die alle Welt kennt, zu beleuchten. Aoer eine Dankesschuld müssen wir dem großen Menschen und Künstler Sonnenthal an diesem Tage abstatten: den Dank, dass er trotz vieler Bersuchnngen, die in seiner glänzenden Lanfbahn an ihn herangetreten sind, treu und unerschütterlich an seinem Judenthum sestgehalten und nicht, wie viele Andere, in der Si'unde der Gefahr sein Bolk verlassen, sondern sich sogar -freudig und thatkräftig an die Spitze desselben gestellt hat. And darum erfüllt uns nebst innigem Danke anch der freudige Stolz, dass Adolf Ritter v. Souncnthal, die Zierde der deutschen Bühne, die Perle des Wiener Bnrglhecueis, so ganz der Ansrige ist. Mteratnr. N2nn 1117 Kramäisch-ZreuyevrälslSes WörtcrSuL zu Targum, Talmud und Midrasch von Professor Dr. G. H. Dalinan. Theil K. Frankfurt a. M. I. Kauffmann Dieses vortreffliche und für jeden Fachmann unentbehrliche Werk liegt nun abgeschlossen da, nachdem der erste Theil schon vor vier Jahren -erschienen ist. Nicht nur durch seine Billigkeit — 12 Mark bei eleganter Ausstattung incl. Lexicon der Abbrev^.ure» von Händler — sondern ganz besonders durch Vollständigkeit des Stoffes und Knappheit der '.Form wird dieses Wörterbuch jedem willkommen sein und wird gewiss den Levy sammt dem ungenießbaren Kohut verdrängen. Iuda. Gedichtsammlung von Börries Freiherrn von Münchhausen j mit Zeichnungen von E. M. Lilien. Goslar. F. A. Lattmann. 8 Mark.! Die Gedichte athmen glühende Liebe zum jüdischen Volke und! wirken um so wohlthuendeals sie aus der Feder eines edlen Ariers -geflossen sind. Die Zeichnungen von Lilien sind geradezu Meisterwerke der modernen Kunst. Die Ausstattung so elegant, dass das Buch einem jeden Salontisch zur schönsten Zierde gereichen wird. D r. K a h a n - Znaim. Da« Laddischgebet. Von Bernhard Loewenthal. (11. Fortsetzung.) Sie schleppte dem Knaben ihre Puppen, ihre Spielsachen und Bilderbücher herbei, zeigte ihm ihren Wagen, ihre kleinen Pferdchen, und als nach kaum zwei Stunden seit der Ankunft Leon Wilds im Hause des Bankiers die beiden Kinder sich lustig in den Gängen des Parkes umhertummelten, da wusste Jakob Gutkind, die Beiden da werden bald gute Freunde werden. Und er sollte sich nicht getäuscht haben, der große, bleiche Mann, der da am Fenster lehnte und mit Thränen in den Augen dem Spiel der Kinder zusah. Sie wurden Freunde die Kleinen, und sie waren es auch später in Freud' und Leid'. Weshalb aber war er nicht glücklich, der reiche, angesehene Kaufmann? Weshalb lag ein so tiestrauriges Lächeln auf seinen Lippen, und weshalb blickte er io trübe, so entsagend? Es hatte sich vieles geändert in dem großen, grauen Hause auf der Wasserstraße. „Die neue Zeit"* war eiuqezogen durch das hohe Portal über dem die Firma S. Gutkind osn. in goldenen Lettern glitzernd prangte. Jakobs Gattin, geb. Rosenstein. hatte es durchgesetzt, dass die Comptoire der Bank am Sonnabend, wie überall, auch hier geöffnet wurden. Was ging sie es an, dass der alte Condheim, der langjährige Disponent des Hanfes, ver dem Bankhanse fast seit dem Bestehen desselben treue Dienste geleistet haue, deswegen fei.ie Stellung aufgab. Jakob liebte seine Frau abgöttisch und war zu schwach ihren Bitten zu widerstehen. Als der alte Condheim ging, da war es ihm aber doch, als ob mit diesem alten Manne der gure Geist des Hauses demjelben den Rücken kehrte. „Sie sollten bleiben, Condheim — sie brauchten ja am Sonnabend nicht— zu arbeiten!" Der Graukopf sah seinen Chef wehmüthig lächelnd an, dann antwortete er: „Wir alte Menschen taugen nicht mehr für die „neile Zeit!" Wir dürfen deswegen auch nicht grollen, aber wir können es doch nicht mitansehen, wie das Alles, was uns erhalten hat, so plötzlich, so schnell zerfällt. Leben Sie wohl, Herr Gulkind!" — daun ging er. Frau Erna Gntkind hatte nach dem Ableben des alten Salomon ihre Verbindung.'n, die sie im Elternhause llnterhalten batte, bald wieder angeknüpft ja sie war unermüdlich im Erwerb von neuen, womöglich aus ans den Kreisen der Aristokratie. „Wir müssen doch der Welt zeigen, d:-s wir es können!" batte sie dem Garten auf seine Einwendungen hin geamworter. und so nahmen denn die Empsangsabende. Bälle, Soireen. Vereinebejprechungen und „Entdeckungen neuer Sterne am Himmel der Kunst", im Hause Jakob Gmkinds kein Ende. Dass bei dieser vulsachen BeschLitignng der Frau des j Hauses von einem Segnen der Sabathlichte am Freitag Abend keine Rebe sein konnte, ist selbstverständlich. Die Erziehung der Kinder wurde einer Gouvernante und einem Lehrer übertragen. Ein Glück für die R.ligion des kleinen Leon war es, dass letzterer, ein armer russischer Student war, der nicht, wie andere seines gleict eu, die mit dem russischen Reiche auch sofort ihren Gott zu verlasst« gewillt sind und mit dem Kaftan und dem Barte auch am liebsten gleich ihre Frömrn gkeit abwersen, noch goltcssürchlig war und diese Liebe zu Gott und zum Judenthum bei jeder Gelegenheit seinem Zögling beiznbdingen versuchte. Dieser russische Stu'ent. ein fleißiger Mediciner, freute sich jedesmal über die leichte Auffass>nrgsgabe des Kleinen und machte sictr ein Vergnügen daraus, ihn auch in die weniger alltäglichen Wissenschaften des Jndenthums einzuführen. Leon Wild war ein dankbarer Schüler und oft überraschte er seinen Lehrer mit Fragen, die dieser von dem Knaben, der im Hanse seines Onkels prächtig gedieh, doch nicht erwartet hatte. Als der Knabe dreizehn Jahre alt war, bereitete David Regnu, so hieß der Student, denselben zur „Lar mizwoh“ vor, und wenn auch Tante Erna der Ansicht war, dass es gar nicht nöthig ist, den Knaben den Wochenabschnitt und die Haslhora zu lehren, so setzte diesmal doch der Onkel feinen Willen durch, und Leon wurde in einer Privatgemeinde, welcher Jacob Gmkrnd als Vorstandsmitglied angehüne, nach altem Ritus «Lar inizwoh“. Als der Knabe vor der Thora dis beiden Äegenfprüche sagte nna ein anwesender „Owel" vor der heiligen Lade an diesem Tage das Kaddisch betete, da durchzuckte ein schmerzlicher Gedanke das Herz des Kindes, es blickte zur Decke auf und während die Thränen sich heiß ans seinen Augen stahlen und langsam ihm die Backen herunterrollten, dachte er an seine Eltern und Niemand hörte wohl die leisen Worte „Mutter, Mutter!", die sich schüchtern von seinen Lippen zum Himmel empor gerungen hatten. (Fortsetzung folgt.)

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