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Die Wahrheit · 1901-11-01 · Heft 42 (1.11.1901) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 42 (1.11.1901)
Date
1901-11-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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E«te 6. Die Mahrheü. Nr. 42: '? 4 4 ■ll> i tmb sonstigen Bildungsanstalten sorgen für ihre , geistigen-Be- -ürfnisse. Die Bewohner zeigen durch ihren meist. Hoch» aufgeschossenen Körperbau, dem stark entwickelten Gliederbau «ud den blonde» Haarwuchs, dass: sich der altgermanische Stamm der Cherusker bei ihnen noch ziemlich unverfälscht erhalten, hat. Man würde es hier zu Lande für unmöglich halten, dass innerhalb einer solchen-Umgebung eine verhältnismäßig kleine Gemeinde ihre jüdische Eigenheit ungeschmälert nicht nur hehaupten, sondern darüber hinaus noch ein reges Geistesleben entfalten könne. Auch führt sie nicht etwa ein abgeschlossenes Dasein innerhalb der engen Mauern ei«es Ghetto? Es hat wohl ein solches in Halberstadt in alter Zeit gegeben. Die Juden jedoch-haben schon seit geraumer Zeit besten Bereich verlassen und auch in geistiger Beziehung seine Schranken längst hinter sich. An allen auf Bildung und Cultur abzielendeu Bestrebungen sich betheiligend, wurzeln sie in ihrem geistigen und religiösen Leben so ganz ungetheilt auf dem Boden des Judenthums. Alles in allem genommen, kann man dreist behaupten, die Halberstädter jüdische Geme nde, die ihrer - Größe nach kaum zu den .mittleren in -Deutschland zählt, kann, was ihre geistige Bedeutung betrifft, entschieden einen ersten Rang unter denselben in Anspruch nehmen. Diese Ueberzeugung gewinnt man schon durch einen Blick aus die Gemeinden ihrer Umgebung im ganzen Umkreise. Denn ihre äußeren Berhältniße werden sich wohl von denen der Halberstädter kaum unterscheiden. Aber welcher Contrast in Bezug auf die inner»! Dort ist das jüdische Leben so gut wie erstorben. Von einer irgendwie gearteten Betätigung auf dem Gebiete des jüdischen Geistes auch keine Spur. Der gottesdienstliche Cultus, der ein verkümmertes Dasein fristet, ist ganz nach protestantischem Muster zugeschnitten! In einer derselben, die mit der Halberstädter etwa von -gleicher Größe, ist es leider schon so weit gekommen, dass selbst der Sabbalhgottesdiensk fast gar keine Theilnahme mehr sindet. . Statt dessen lässt sich die Gemeinde am Sonntag durch die Kirchenglo^n in die — Synagoge läuten. Ob sie dem Rufe besser als der Stimme des Sabbathes Folge leistet, ist jedoch eine anvere Frage. Halberstadt nimmt sich in dieser Umgebung recht wie eine Oase in der Wüste aus. Auch in der Natur werden solche nicht durch den Zufall allein geboren. Sie bilden das Ergebnis non dem Zusammenwirken ganz bestimmter Kräfte. Bei der Schaffung jener geistigen Oase in Halberstadt waren solche auch am Werke. Hier ist vor allem eine große und ruhmreiche Vergangenheit in Betracht zu ziehen, wie sie der Vater unseres Dr. Auerbach in seinem mit so großem Fleiße und vollster Beherrschung des Stoffes gearbeiteten Werke „Die Geschichte der Luden in Halberstadt" schildert. Doch diese allein erzeugt, ebensowenig wie,, sonst irgendlvo das Tote, ein reges Leben. Der Quell, von welchem es in Halberstadt immer aufs neue hervorsprudelte, das war die einzige Persönlichkeit unseres Lehrers. Dass wir es hier nur gleich sagen, die Stellung, die er in deren Mitte einuahm, hatte nichts mit der Schablone des heutigen sogenannten modernen Rabbiners gemeinsam. Er hatte diesen Gegensatz mit vollem Bewusstsein betont und auch vertreten. Es war ja überhaupt seine Ansicht nicht, dass das alte Rabbinerthum bereits ein überwundener Standpunkt wäre, der heutigen Tages dem jüdischen Prcdigerthum nach protestantischem Zuschnitt de» Platz eiuzuräumeu hätte. Verstehe ich die Grudsätze, die ihn bei der Auffaffung seines Berufes leiteten recht, so gingen sie dahin: der heutige Rabbiner müsse im und mit dem Geiste der alten auch die Bildungsmittel der Zeit beherrschen, um solcher Maßen eine vielseitige und LindrinHlsihe Wirksamkeit in seiner Gemeinde zur Geltung zn' bringen. Wer hier wieder die Klust des unüberbrückbaren Widerspruches gähnen sieht, den mögen die Thatsachen belehren. Leigen wir einmal, wie sich -— außergewöhnliche Vorkommniße ausgenommen — seine tägliche Arbeit vor unseren Augen abwickelte. Im Sommer um fünf, im Winter um sechs Uhr Früh, jedesmal eine Stunde por Beginn des täglichen Gottesdienstes »u der Gemeindesynagoge. sehen wir ihn bereits am Studiertische den großen - Folianten aufgeschlagen und seine Jünger um ihn. geschaart. Es mag wohl vorgekommen sein, dass wir von der Arbeit des Talges erschöpft, uns so früh der Gewalt des Schlafes nicht entwinden konnten. Er hatte väterliche Nachsicht genug, uns dies in keiner Weise entgelten zu lassen. Auch die leiseste spöttische Bemerkung, was doch hier so besonders nahe lag, ließ er nicht fallen. Dass er ja selbst bei dieser „Morgenstunde* zu spät gekommen wäre, daran wüsste ich mich nicht zu erinnern. Die strengste Pünktlichkeit war überhaupt der leitende Grundsatz seines Handelns. Kaum war der Gottesdienst beendet und der Kaffee eingenommen, da war der lange grüne Tisch im Lesezimmer schon wieder besetzt. Junge Leute, allen Berufsständen angehörig, hatten die Plätze eingenommen. Ihre Genossen handeln in der Regel nach dem Grundsätze: erst das Geschäft, dann das Vergnügen? Die um ihn sich schaarten, hatten das „Lernen" über beides gestellt. So mochte es wohl 9 Uhr geworden sein. Ueber die Zeit bis 11 Uhr hatte er freie Verfügung. Da galt es, die Gemeinde-Angelegenheiten zu besorgen, den rituellen Einrichtungen die nöthige Fürsorge zuzuwenden, die eingelanfeneu ' Briefe zu erledigen Und vor allem anderen den Stand der Dinge in der Schule in Ängenschein zu nehmen. Wenn er aud) selbst nur einzelne Stunden Unterricht an derselben ertheilt hat. die Fäden ihres gesummten Berriebes liefen stets in seiner Hand zusammen. Er kannte jeden Schüler bis ins Einzelnste. Hielt er doch jeden Freitag förmliche Musterung unter den Schülern. Bei diesem Anlasse entging nichts seiner Aufmerksamkeit. Da wurden die Leichtfertigen und Nachlässigen besonders scharf aufs Korn genommen. Von 11 bis 1 Uhr Mittags waren wir Jünger wieder die Genossen seiner Muße. Gerade um diese Zeit entfaltete er die ganze Pracht seines Geistes. Da lehrte er abwechselnd bald Talmund nutet Zuhilfenahme der alten und neuen Commentatoren, bald Joreh deah unter Bezugnahme auf die Quellen, bald wieder legte er uns die Schriften der Propheten aus,-deren Gedanken er stets bis in ihr feinstes Geäder verfolgte. Das waren in der That die schönsten Weihestnnden des Lebens. Sein Verkehr mit den Schülern athmete den Geist, in welchem sich Rabbi Akiba unter den Schaaren seiner Jünger bewegte. Alle Kräfte des Geistes wurden unter vollster Spannung in Dienst gestellt. Kein höheres Ziel und keine anvere Rücksicht gab es da. als die Erforschung der Wahrheit. Von diesem Streben wurden die Geister so voll in Anspruch genommen, dass die Grenzen zwischen Meister und Jünger sich wie von ^selbst verwischten. Jener ward zum Jünger, der eine schwierige stelle unermüdlich in immer neuen Versucherl nach ihrem" letzten Sinn ansforschte.^ Wir traten in den Rang eines Meisters, indem er jeden bei uns auftauchenden Gedanken, mochte er: noch so unreif sein, ansnahm, um ihn auf seine Richtigkeit zu prüfen. Wir Jünger bildeten überhaupt eine Art Lebenselement höheren Ranges für ihn. Wer in diesem seinen Verhalten ihn beobachtete, jder konnte eine Vorstellung davon gewinüen, wie es in den Schulen unserer Propheten wohl hergegaugen sein mochte. Ganz in modernem Gewände lebten da die Berhältniße wieder auf, die sonst unserem Gesichtskreise völlig entrückt scheinen. Diese wunderbare Verschmelzung des antiken jüdischen Geistes mit den Formen des modernen Lebens, das war so seine eigenthümliche Kunst, in welcher er eine vollendete Meisterschaft entfaltete. Während er seine Lehrstunden hielt, war er für keinen Menscheil zu haben. Eine Ausnahme machte er nur, wenn die Armuth oder die Noth an sein gutes Herz pochte. Wo die ihre Stimme erhob,- da war er trotz seiner sonst so scharfgeprägten Grundsätze — entwaffnet. Was wäre nun gar erst über seine Wohlthätigkeit zu erzählen! Er spendete und spendete unerschöpflich. Ich, der doch nur einen Theil seiner persönlichen .Leistungen nach der Richtung beobachten konnte, sah mich immervor ein neues Räthsel gestellt. Wo mochte die Casse eines Rabbiners all die Mittel hernehmen? Meiner Schätzung nach dürste sein ganzer Gehalt den Aufwand für diese Zwecke kaum zu bestreiten vermocht haben. Auch krassester Aufdringlichkeit begegnete er nicht anders, als mit schonender Nachsicht,.j ' (Fortsetzung folgt.)

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