Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 42 (1.11.1901)
- Date
- 1901-11-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Serie 4. Die Vahrheu. ........ Nr. 42. Wir sind weit entfernt, zu'sagen, es müsse gerade dieser Dr. F. der Berufene und Auserwählte sein. Aber, nachdem klar und sichtbar geworden war, dass nicht in Dr. Feuerwang, sondern ganz wo anders die Gründe des Ansturmes gegen ihn gelegen sind, muß man diesen Mangel an Gerechtigkeit und Objektivität festlegen. Es wurde^gesagt, Dr. Schmidt verbitte sich eine Vertretung; hattv die Versammlung hierüber zu entscheiden? Es wurde im Namen von 10 Dethausvereinen protestirt und erklärt, es sei die Berufung des Dr. F. eine Beleidigung sammtlicher Wiener Rabbiner; hat das der Vorstand nicht bedacht? Er hat osiendar Dr. F. für den Brauchbaren und Würdigen erachtet. — Es wurde gesagt, Dr. F. sei kein Mann« heimer, kein Jellinek. Als ob andere Canditaten es ja wären. Aber nehmen wir selbst an, er ist es nicht, vielleicht wird er es werden Auch Mannheimer und Jellinek waren zur Zeit als sie nach Wien kamen, nicht im Zenithe ihres Ruhmes und ihrer Bedeutung, und es kann nicht geleugnet werden, dass Dr. F. für seine Jahre einen bedeutenden Ruf als Kanzelredner hat, und jedenfalls hat er das vor Allen voraus, dass er in Wien als Kanzelredner bekannt und anerkannt ist. Uebrigens wurde a»ch in der Vertrauensmänner-Versammlung von autoritativer Seite (Pros. D. H. Müller) Dr. F. als Redner und Gelehrter gerühmt. Ganz abgesehen von alledem ist 'angesichtts der monströsen Jntrigue, die gegen den Plan des Vorstandes von den oben erwähnten drei Gruppen insceuirt wurde, die Niederlage des Vorstandes, wie ein Wiener jüdisches Blatt das Resultat der Vertrauensmänner-Bersammlung bezeichnete, nur eine scheinbare. Er ist nur dann unterlegen, wenn er sich besiegt und überwunden erklärt. Fast alle Gegner sind engagierte Vorposten der interessierten Gruppen, und viele Vertrauensmänner, die sich nicht zum Worte gemeldet haben, werden im Bewusstsein dieser Thatsache. die ihnen nun mit genügender Deutlichkeit klargelegt ist, den Absichten des Vorstandes nicht entg-gentreteu. In eir^r Resolution der Vertrauensmänner wurde schließlich dem Vorstande nahe^ele^t, wenigstens einen Ternavorschlag zu machen. Obzwar wir dies für eine Falle Hallen, glauben wir doch, dass es der einzige ehrenhafte Auslveg für den Vorstand wäre. Unbedingt erscheint uns das richtiger, als wofür ebenfalls Stimmen im Vorstande plaidiren, die Sache wieder versumpfen zu lassen; denn bei dem hohen Greisenalter Dr. Schmiedl's, dem Gott seine momentane körperliche Rüstigkeit und geistige Frische noch viele Jahre erhallen möge, und bei der notorischen Ueberdürdung des Oberrabbiners Dr. Güdemann, der nach so vielen Amtsjahren wohl auch gerechten Anspruch daraus hat, dass ein Theil seiner Amtslasten auf jüngere Schultern abgewälzt werde, wodurch zum Woble der Gemeinde ihm nur die Ausübung seiner eigentlichen seelsorglichen Thätigkeit leichter ermög licht würde — ist ein Hilssprediger unbedingt nöthig. Und was eine Concursausschreibung mit Probepredigten bedeutet, das hat der Vorstand bei Besetzung des Ottakringer Rabbinates erfahren; oin Eoncurs heißt: der Jntrigue und den Wühlereien Thür und Thor öffnen. Wir haben es hier mit einem Complott zu thun, bei dem sich die heterogensten Elemente, die alle eminent, wenn auch verschieden interessirt sind, zum gemeinsamen Ansturm v.reinigt haben. Bei den Einen ist es Neid, bei Anderen Sorge für einen Verwandten, bei den Dritten Sorge um ihre Stelle und Stellung, vei Anderen Parteipolitik. Wird der Vorstand diesem Affront gegenüber sich stark genug erweisen? Wird er wirklich eine Niederlage erleiden? Das ist die Frage, welche nur das weitere Verhalten des Vorstandes lösen kann. Es handelt sich durchaus nicht um Dr. F., sondern es handelt sich um die Reputation des Vorstandes und um die Frage, ob denn wirklich in der Wiener Cultusgemeinde der aus 36 Männern bestehende Vorstand oder einige Minjan- Vereine mit ihren Führern und persönlich interessirte Männer die Führung haben. Der Friede der Gemeinde kommt nicht in Frage, weil der größte Theil derselben, und gewiss auch das. Gros der Vertrauensmänner die Umtriebe erkennen und zur Pmalisirung derselben die Absichten des Vorstandes billigen wird. Aeber die Uothwendigkeil jüdischer Volksschulen. Non Hauptlehrer Max K a tz^ Gnesen. KL-I ' Die allgemeine Volksschule soll ferner ihre Zöglinge zu patriotischer Gesinnung, zu opferfreudiger Vaterlandsliebe, zu aufrichtiger Liebe, Verehrung, Treue und Anhänglichkeit für den Landesherr,r und das Herrscherhaus erziehen. Nun, in der jüdischen Volksschule hören und lernen die jüdischen Kinder die vaterländische Geschichte als die Geschichte idrer Heimat, ihres Vaterlandes; die Theilnahme für die Geschicke des deutschen Volkes, die Bewunderung für seine Helden, die Betrübnis über seine Leiden in der Vergangenheit, die Freude über seine Erfolge in der Gegenwart wird vom jüdischen Lehrer in der jüdischen Volksschule als für die .Geschicke unserer Mitbürger, als für die Geschicke des Volkes geweckt und erregt, mit dem wir seit beinahe zwanzig Jahrhunderten in Sitte, Sprache und Gewohnheit, in Denken, Fühlen und Handeln trotz der religiösen Unterschiede.und gesetzlichen Schrank i zu einer großen Bürgerfamilie vereinigt sind, und mit dem wir ein Vaterland zu besitzen, ein Oberhaupt zu lieben und zu verehren und ein gleiches Gesetz anzuerkennen das hohe Glück und die hohe Ehre haben. So denkt, so fühlt und io lehrt in der jüdischen Volksschule der jüdische Lehrer, welcher Preuße und Deutscherzu sein stolz ist. mit allen Fasern seines Herzens an seinem Vaterlande und seinem Fürsten hängt und mit Liebe und Begeisterung snr Thron und Reich die Herzen seiner Schüler zu erfüllen keine passende Gelegenheit, die ihm der Unterricht und das Leben bietet, unbenutzt vorübergehen lässt. Was. hört und lernt aber das jüdische Kind in der nichtjüdischen Schule? Dort hört und lernt es, dass der Jude hierein Fremder, ein Eindringling, dass sein Vaterland Palästina, dass die Geschichte des deutschen Volkes nicht seine Geschichte, der Kaiser nicht sein Kaiser, der Landesvater nicht sein Lanbesvater sei. Kann da nun in den Herzen Euerer Kinder, Ihr jüdischen Väter, jener Grad von Vaterlandsliebe und Königslrene empor, blühen und zu edler Frucht reifen, wie Ihr ihn zu sehen wünscht und hofft? Müssen nicht vielmehr die besten Eurer Söhne Recruten des socialdemokratischen Heeres werden? Beschwört ihr da nicht selbst herauf eine große Gefahr für Euch, Eure Kinder und das Vaterland, indem Ihr Eure Kinder der jüdischen Volksschule entziehet.? Man wird mir entgegnen, ich denke zu pessimistisch, male zu schwarz und passe mit meinen Gedanken und Ausführungen in das Reich der Finsternis unserer östlichen Nachbarn, aber nicht für unser aufgeklärtes, human denkendes und edles deutsches Volk. Ich muss gestehen, ich ,elbst empfinde um so größere Trauer darüber, dass ich den Einfluss der gegenwärtigen christlichen Schule auf die jüdische Jugend in solcher Weise habe darstellen müssen, als ich selbst bei kleiner Vorbildung am evangelischen Lehrerseminar zu Löban vom gesammten Lehrercollegium und von meinen Mitschülern nur wahre Liebe genossen und während meines Zeitraumes von drei Jahren, unbeschadet meines besonderen Bekenntnißes, mich als Fleisch von ihrem Fleische und Gebein von ihrem Gebeine zu fühlen allen Grund gehabt habe. Allein, einerseits hatte ich eben das große Glück, mich unter einem wahrhaft edlen Director und einem ebensolchen Lehrercollegium zu befinden, von dem die Seminaristen zu jener christlichen Liebe geleitet und erzogen wurden, welche das wahre Christenthum wie das Judenthum von seinen Bekennern fordert, und selbstredend gibt es auch jetzt noch viele edle Christen, denen wir die Erziehung unserer Kinder ohne Bedenken anvertraüen können. Andererseits haben sich seit den 7l)er Jahren die Zeiten sehr -geändert und die Gesinnungen der Menschen mit ihnen, . und der Giflhanch des Judenhasses hat inzwischen weite Kreise des deutschen Volkes berührt und die Atmosphäre, wenn auch, dank den weisen und gerechtet! Fürsten und Regierungen und dank dem gesunden Sinne der meisten unserer christlicheti Mit-