Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 42 (1.11.1901)
- Date
- 1901-11-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaction u. Administration , ArmWngige Heiischrist für Mische Lezngsprei»: I lvien. II/I. Novaragaffe 27. j K k vstrrr.' Postjvarcafia «an,jährig . ft. 12— Halbjährig ... St. 8— Lhrck-Conto Nr. 846.251. 1üficaie: Interessen. £nr Lultnsbearnte: «an,jährig ... St. 10.— 20 Heller ver No»var«ill«-Aeile. Erscheint jeden Freitag. Für Ausland: Abonnement-- und Injektion-» «an,jährig .... 8 Mark I betrüge. find in Wien zahlbar. Molt»: »Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" 8 Rubel oder 16 Frc-. Ar. 42. Wie», 1. November 1901. Juhftltr Zur Rabbinersrage in Wien. - Adolf Ritter von Sonnenthal. — Ueber die Nothwendigkeit jüdischer Volksschulen. — Die stille Tephilla. — Erinnerungsblätter — Litteratur. — Das Kaddischgebet. — Nachklänge des Cantorentages. — Verschiedene Nachrichten. Wir ersuchen die Könner und Äreunde unseres Mattes, in alten öffentlichen «Localen Hier und Ln der Wrovinz „Are Wahrheit" zu verlangen. Die Redaction. Zur Rabbinersrage in Wien. Die Rabbinerfrage, die im vorigen Jahre gelegentlich ihrer Berathung im Schoße des Vorstandes in unserem Blatte eingehend behandelt wurde, ist nunmehr durch die am 20. October abgehalteneVertrauensmänner-Bersammlullg actuell geworden, unb der eigenthümliche Verlauf dieser Versammlung legt es uns nahe, die Aufmerksamkeit der weiteren Kl eise der Gemeindemitglieder neuerdings auf diese. Frage zu lenken. Wie bekannt, ist im Vorjahre der Beschluss gefasst worden, einen sogenannten Hilfsprediger mit den Rechten und Pflichten eines Gemeinderabbiners anzustellen, und auf Veranlassung des Vorstandes hat sich Herr Oberrabbiner Dr. Güdemann. wie wir aus Vorstandskreisen vernehmen und wie auch jüngst in einer officiellen Notiz mitgetheilt wurde, mit Herrn Rabbiner Dr. Feuchtwang in Nikolsburg in Verbindung gesetzt und diesen im Namen und Aufträge des Vorstandes gefragt, ob er bereit wäre, die fragliche Stelle anzunehmen. Um den vielleicht ungewöhnlich scheinenden Vorgang zu erklären, muß darau erinnert werden, dass Dr. Feuchtwang bereits vor 9 Jahren, als man dem altersschwachen und kranken Jellinek einen Adlatus geben wollte, vom Vorstande ernstlich ins Auge gefasst wurde. Er hielt damals, wenn wir uns recht erinnern, drei Predigten in der Leopoldstadt und in der Seitenstättengasse, von denen die letzte nicht mehr als Probe- oder Gastpredigt ausgefasst wurde, da die Oesfentlichkeit und auch der Vorstand sich über den bedeutenden Erfolg der Predigten und die bevorstehende Berufung Dr. Feuchnvangs klar geworden waren. Die Anstellung erfolgte dazumal nicht, weil Dr. Feuchtwang angeblich zu jung gewesen ist. Die Erinnerung an Dr. Feuchtwang schwand aber ans dem Publicum ebensowenig, wie aus dem Vorstande, zumal dieser durch sein hervorragendes amtliches Wirten, wie auch durch seine Kanzelberedtsamkeit und litterarische Thätigkeit seinen Ruf erweiterte und es ui Wien als ausgemachte Sache galt, dass Dr. Feuchtwang bei Gelegenheit berufen, werden würde. Nun ließ, wie erwähnt, der Vorstand vor einem. Jahre bei Dr. Feuchtwang ansragen, ob er einer Berufung Folge leisten würde. Es ist klar, dass der Vorstand sich darüber Rechenschaft gegeben haben muß, ob dieser Mann der richtige und würdige, mit den nöthigen Kenntnißen und Fähigkeiten ausgestattete sei, um eine so bedeutende oder doch in der Zukunft wahrscheinlich bedeutende Stelle zu bekleiden. Darüber wahr ja kein Zweifel; denn vor 9 Jahren musste dies festgestellt sein, umsomehr jetzt, nachdem Dr. Feuchtwang ausgereist war und sich in Rabbinerkreisen einen anerkannten Namen, erworben hat. Im Vorstande und seitens des befragten Herrn Oberabbiners war man darüber offenbar vollkomnzen beruhigt. Nun trat der Vorstand mit seinem Anträge vor die am 20. October -inberufene Vertrauensmünner-Versammlung. Gerade wir haben im Vorjahre davor gewarnt, die Rabbinersrage mit Umgehung der Vertrauensmänner zu lösen, aber schon damals haben wir betont, dass wir uns ein solches Collegium aus einigen auserlesenen, unparteischen Männern zusammengestellt denken, die gewissenhaft und objectiv die ethischen Qualificationen, die wissenschaftlicye Capacität und die nöthigen persönlichen und repräsentativen Eignungen des Candidaten prüfen und in diesem Sinne das Votum des Vorstandes unterstützen sollen. In einer allzugroßen Körperschaft würde die Jntrigue leichter Eingang filtdeu und durch den Widersteit der Meinungen das Endurtheil leicht getrübt werden. Unsere Voraussagungen haben sich leider erfüllt. Der Präsident der Cultusgemeinde, Herr kaiserl. Rath Klinger, stellte in der erwähnten Versammlung im Namen des Vorstandes seinen Antrag, und da wurde offenbar, was inzwischen von gegnerischer Seite in Scene gesetzt worden war. Von drei verschiedenen Gruppen erfolgte der Vorstoß gegen den Vorstand, gegen den Oberrabbiner und gegen Dr. F. an dritter Stelle. Aber zu sichtbar, allzu sichtbar ist das Complott. Die erste Gruppe ist diejenige, welche ohne einen Namen zu nennen, für den Schwiegersohn des Herausgebers der „Oesterreichischen Wochenschrift" agitirte und ihre Leute ins Vordertreffen schickte; die zweite Gruppe ist eine Anzahl vereinigter Minjan-Vereine, bei denen durch einen ehemaligen Zeitungs- Herausgeber geradezu um Stimmen gefeilscht wurde — traurig, dass hinter diesen Vereinen Wiener Rabbiner sich verbergen; die dritte Gruppe bilden die vereinten Kräfte des Rectors der theol. Lehranstalt und seines Anhanges. Diese drei Treffen vereinigten sich in der famosen Vertrauensmänner-Bersammlung, um den Vorstand anzurempeln. Der Präsident der Cultusgemeinde war gegenüber dem heftigen Ansturm machtlos und ließ den Dingen ihren Lauf.