Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 41 (25.10.1901)
- Date
- 1901-10-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Desterr. ung. Cantoren-Zeitnng. Nr. 41. Meilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 21. Iahrg. Gesänge -er Ändacht. Deutsche Lieder für Synagoge und Schule. Von Heinrich Fab i sch, Caittor und Lehrer in Köttingen. Die rühmlich bekannte Verlagsfirma, I. Kaufmann in Frankfurt a. M., welche fortwährend bestrebt ist, den Markt der jüdischen Kunst und Wissenschaft werthvoll zu bereichern, hat sich durch die ueuliche Herausgabe des musikalischen Werkes „Gesänge der Andacht" von Heinrich F a b i s ch ein unbestreitbares Verdienst erworben. Bevor ich mich indessen der Erfüllung des eigentlichen Wunsches genannter Firma zuwende und die Compositionen des Herrn Fabisch einer Besprechung umerziehe, kann ich nicht umhin, das vom Verfasser dem Werke mit auf den Weg gegebene Vorwort, einiger in demselben enthaltenen vorzüglicher Gedanken wegen, freudig zu begrüßen. Ich sehe dabei mit Willen über die Ansicht, welche Herr Fabisch in Bezug auf den Unterschied zwischen „kirchlicher" und „synagogaler" Melodie entwickelt, hinweg, um den vortrefflichen zweiten Theil seiner Ausführungen, wo er vom einstimmigen Chor und dem Gemeindegefange spricht, in ungetrübtem Lichte erscheinen zu lassen. Auch ich stehe auf dem Standpunkte, dass ein geordneter Gemeindegesang die Regel, der mehrstimmige Chorgesang die Ausnahme sein muß. Unser Gottesdienst ist von Natur so aus geartet, dass jeder Einzelne die Respousorieu mitsingeu kann; jeder Einzelne will das auch und ist nicht befriedigt, wenn er nur als Zuhörer erscheinen soll, ohne selbst entweder mitzubeteu oder mitzusingen: ja, es liegt geradezu im Charakter des Juden, dass er nicht nnlhälig am Gottesdienste sich betheiligt. Der jüdische Gottesdienst besteht hauptsächlich aus dem Zusammenwirken des Cantors und der Gemeinde. Wohl kann die Feierlichkeit desselben durch Mitwirkung eines gut geschulten Chores noch gehoben werden, wie ja auch in früheren Zeiten dem Cantor kunstgeübte Assistenten beigegeben wurden (Sänger und Bass), und jeder, dem die Würde und Weihe des Gottesdienstes am Herzn liegt, wird es darum freudigft begrüßen, wenn beim Gouesdieuste ein tüchtiger Chor mitwirkl; die Hauptsache muß aber immer der Gemeindegesang bleiben, für den ab und zu der mehrstimmige Chor eintritt. Es ergibt sich hieraus, dass der Chor nicht unbedingt nölhig, wohl aber sehr wüuschenswerth ist, wenn er der religösen Aufgabe des Gottesdienstes entspricht. Um nun einen solchen Chor einrichten zu fömieit, sind freilich manche Gemeinden dazll übergangen, auch nichtjüdische Mitglieder dazu anzüwerben; da aber das jüdische Gefühl hieran mit Recht Anstoß nimmt, so ist wohl allen Gemeinden, die nicht in der Lage sind, aus ihren eigenen Mitgliedern Synagogeuchöre zu bilden, aus das Entschiedenste zu rathen, sich lieber mit dem Gemeindegesang zu begnügen und diesen zu fördern und zu ^pflegen. Dieses Ziel wird am besten dadurch erreicht, dass die Kinder der Religionsschule in den Synagogengesängen unterrichtet und geübt werden. Hiezu ist der ein- und zweistimmige Satz der Lieder des Herrn Fabisch ein sehr empsehlcnswerthes Handbuch, umsomehr als die Texte alle jüdischen Ursprungs sind, während die Herausgeber der meisten Liederbücher auch Trxte aus nichtjüdische», kirchlichen Gesängen für den jüdischen Gottesdienst passend zu machen suchen. Dass solche Texte sich nicht als jüdisch-religiöse Lieder einbürgern, ist naheliegend, weil sie, wenn auch der Wortlaut nichts Anstößiges hat, doch immer als etwas Fremdes betrachtet werden. Um so freudiger ist es zu begrüßen, wenn von berufener Seite dazu beigetragen wird, derartigen Mißständen abzuhelfen. Zum musikalrschen Theile meiner Aufgabe übergehend, bin ich in der angenehmen Lage, dem Herrn Fabisch das Com« pliment machen zu können, dass seine Lieder nicht allein textlich sondern auch melodisch sehr schön sind. Das Werk enthält 28 Nummern: 12 Lieder allgemeinen und 16 besonderen Inhaltes; alle synagogalen Vorkommniße des Jahres fiub darin bedacht, so dass jeder, der sich mit der Pstege des gottesdienstlichen Gesanges befasst, dasjenige in ihnen findet, was er bisher vergebens gesucht hat. — Leider' kann ich denr vierstimmigen Satze dasselbe Lob nicht ertheilen. Das schadet dem sonst hervorragenden Werke nichts, und ich bin fest überzeugt, dass Herr Fabisch meine Ausstellungen bei einer zweiten Auflage seiner Gesänge gerne berücksichtigen wird. In harmonischer Beziehung sind nämlich viele Fehler vorhanden, die bei einer vierstimmigen Ausführung der Lieder unbedingt verbessert werden müssen. So ist gleich tm dritten Tact des ersten Liedes im Tenor der Leitton Gis verdoppelt, während die Harmonie an dieser Stelle E-H als Viertelnoten verlangt und in dem darauffolgenden wie auch im siebtletzten Tacte desselben Liedes ist gegen das Gesetz der Anticipation verstoßen^ Falsch ist auch in der untersten Zeile auf der ersten Seite der sich im Tenor wiederholende Achtelgang, weil er die versteckte Octave A, H-A mit sich führt und das zur Harmonie gehörige Cis (anstatt A im Tenor) vernachlässigt. Die betreffenden vier Achtel müssen zwei Viertel werden ttnd zwar Gis-Cis, worauf dann im anschließenden Tact das Cis im Tenor liegen bleibt. Nicht gut ist auch der übermäßige Seeundenschritt D-Eis im Alt aus der ersten zur zweiten Zeile der zweiten Seite; hier muß anstatt D unbedingt Fis in die Harmonie treten. In der zweiten Zeile sind dann im Tenor die auswärtsgehenden Septimen H-Cis und D-E, welche bei Vornahme der Correctnr zu verschwinden haben. Das 6 im Sopran des drittletzten Tacres ist jedenfalls -ein Druckfehler; es muß wohl Gis heißen. In Nr. 2: sind hintereinander zwei Fehler; im letzten Tacr der zweiten Zeile die beiden Quinten G-G und D-A, und in den darauffolgenden Tact einige fortschreitende Octaven. In Nr. 3 befinden sich einige Kleinigkeiten, die kaum uennenswerth sind.. Ueber Nr. 4 kann ich indessen stillschweigend nicht hinweggehen. Im ersten Austact der dritten Zeile muß der Accord E-B-G-G heißen anstatt C-B-E-C, dann fallen die Octaven G-G und F-F in ihrer harmonischen Bedeutung von selbst weg; darauf erscheinen die beiden QuintenB-F und G-G-, um schließlich den versteckten Octavengängen D-G und B-G in gerader Bewegung Platz zu machen. Hier kann nur Remedur geschaffen werden, wenn das Gim Tenor iii zwei Viertel D-C verwandelt toiirb— Derselbe Fehler wiederholt sich in diesem Lied noch zweimal, und zwar in der untersten Zeile Seite 11, Tact 3 und 4 bei der Stelle C-D im Sopran und A-D im Tenor, sowie in der letzten Zeile Seite 12 im ersten und zweiten Tact. Im vierten Tact derselben Zeile ist auch das nach G sich auflösende Cis tut Tenor falsch; es kann hier nnr Oos heißen, weil das Gis aufwärts führen müsste. Von einigen Quinten und Octaven abgesehen, bleibt für diese Nummer nichts mehr zu erinnern. Es würde nun zu weit führen, den ganzen Theil in dieser Weise durchzubesprechen; ich will nur von den Liedern besonderen Inhaltes noch einige heransgreifen. In Nr. 13befinden sich im dritten Tact die Quinten As-Es und G--D, und auch die Stimmführung im Bass des letzten Tactes der zweiten Zeile erfordert eine Abänderung, indem die Septime von As nach G nicht glücklich notirt ist. Entweder muß das zweite As oben liegen bleiben, oder das G muß von demselben abwärts gehen. Nr. 14 ist fehlerlos. Auch an Nr. 15 ist kaum etwas auszusetzen, und Nr. 16 bietet erst auf der untersten Zeile Seite 25 zu Ausstellungen Anlass. Hier erscheint im ersten Tact - im Alt ein Eis, welcher nach F führt, das ist falsch *r (