Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 41 (25.10.1901)
- Date
- 1901-10-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seile Nr. 41. Die Wahrheit. Prinz Eugen von Savoyen zählte zu seinen Freunden. — Leicht begreiflich ist es nach dein Gesagten, dass Wertheimer seinen schwerwiegenden Einfluss hauptsächlich zum Besten seiner damals hartbedrängten Glaubensgenossen in die Wagschalr warf. Zn Würdigung seiner sterblichen Verdienste wurde ihm von den ungarischen Juden der Titel eines Landrabbiners verliehen, welchen Ehrentitel der Kaiser dahin erweiterte, dass er ihn gleichzeitig zum Landesrabbiner von Mähren und Böhmen ernannte. Die hervorragendsten Gemeinden Europa's ehrten ihn um die Wette, und nebst Krakau und Worms war es die Gemeinde Eisenstadt, die ihm die Verwaltung ihres ansehnlicheil Rabbinates übertrug. Aus jener Zeit datirt nun der eingangs erwähnt Rabbinatsbrief, dessen Inhalt in classischem Hebräisch abgefasst ist. Er beginnt mit der Verherrlichung seiner Geistes- und Herzensgaben, mit der Schilderung der Verehrung und Liebe, die ihm allgemein entgegengebrachr wurde; er schildert das nach langer Vakanz doppelt brennende Bedürfnis der Gemeinde nach einem der berühmten Gemeinden würdigen Führer und gibt von der Berathung Kunde, die seine mit Begeisterung erfolgte Wahl zum Resultate hatte. Er theilt u. a. auch die Verpflichtung der Gemeinde mit, vom Gutsherrn, dem durch!. Fürsten Esterhazy zu erwirken, dass dem Rabbiner die nach jüdischer Vorschrift zugetheilten ytccöte eingeräumt 'werden, dass es in seiner Macht stehen möge, Schuldige zu bestrafen, unh diejenigen, die seine Worte nicht befolgten, eventuell in den Bann zu legen. Die von ihm zu bestimmende Geldstrafe falle zur einen Hälfte der fürstlichen, zur anderen Hälfte der Gemeindecasse zu. Endlich wird in dem Briefe der Beschluss sämmtlicher unter dem Patroliate des Fürsten Ezsterhazy stehenden israelitischen Geuieinden, der sogenannten rtfanp mitgetheilt, wonach sich diese verpflichtete,l, den von der Gemeinde Eisenstadt zu wählenden Rabbiner sich zu unterordnen. — Es folgen die Unterschriften, von welchen zwei besonders bemerkenswerth sind: diese Unterschriften enthalten nämlich — wie viele im Hebräischen — auch die Namen der Väter der Unterzeichner jedoch mit der Bemerkung f'n, die Abkürzung von mp: *n (Gott räche sein Blut), woraus mit Sicherheit zu folgern ist, dass die Väter zweier Unterzeichner den Märtyrertod für die Heiligung des göttlichen Namens erlitten hatten. Mehrere Wiener angesehene, theils geadelte Familien leiten ihren Stammbaum von Nabbi Samson.Wertheimer ab; dem Vernehmen nach soll auch die BarMin Königswarter von ihm herstammen. — Der Verwaltung des hiesigen jüdischen Museums wäre durch Ankauf des interessanten Documents Gelegenheit geboten, das Museum-Archiv um ein werthvolles Stück zu bereichern. Aron Für st. Gustav Wiener. Das Leichenbegängnis des vom Tode so jäh dahingerafften Amtsvorstandes der Wiener Cultusgemeinde, das Freitag, den 18. d., 2 Uhr Nachmittags vom Trauerhause, III., Steingasfe 18, stattfand, gestaltete sich zu einer imposanten und überaus ehrenden Trauerkundgebung für den verdienstvollen Beamten, dessen Hingang allseits aufrichtig betrauert wird. Das Präsidium der Cuttusgemeinde, fast sämmtliche Cultusvorsteher, alle Beamte, die Vorstäude der meisten jüdischen Vereine Wiens und zahlreiche Mitglieder der Cultusgemeinde waren zum Leichenbegängniße erWxneu, und eine tiefbewegte Träuergemeinde erfüllte sämmtliche Wohnräume, das Stiegenhaus, die Treppen und den Flur des Hauses. Punkt 2 Uhr trat Obercantor Guttmann an die Bahre und stimmte, unter Assistenz des I. Cantors M. Blatt und des Chorpersonales, einen Trauerpsalm an, der in seiner künstlerischen Wiedergabe überaus ergreifend auf die versammelten Trauergäste einwirkte. Dann hielt Rabbiner Dr. Schmied! folgende Tiauerrede: „Dreifache Thränen vrhv myoi benetzen die Bahre, die wir hier trauernd umstehen. Denn selbst der Fremde und Fernstehende, den weder die heiligen Bande des Blutes, noch die innigen Bande warmer Freundschaft hiehergezogen, kann nicht ohne die im Auge zitternde Thräne der Wehmuth an diesem Sarge weilen. „Die Sonne ist hier plötzlich nntergegangen, da noch hellglänzender Mittag war!" Der Mann, den wir noch vor wenigen Tagen in strammer Lebensfülle in unserer Mitte wandeln sahen — ein hochragender, fruchttragender Baum, von der Axt des Todes gefällt, liegt er nun da vor uns. „Wahrlich nur ein Schritt ist zwischen dem Leben und dem Tode!" Und wie heiß rinnt nun erst die Thräne all' Derer, die Dir, Herr Gustav Wiener, im Leben nahe gestanden und Deine geistig-sittliche Werthfülle gekannt, Deinen ehrenfesten, mannhaften Charakter, Dein reiches theoretisches, wie praktisches Wissen, Deine rastlose, keine Ruhe sich gönnende Arbeitskraft, Deine glänzende stilistische Feder und endlich Deine warme, unentwegte Pflichttreue, mit der Du Deine vertrauensvolle amtliche Stellung so musterhaft ausfülltest, dass der Tod hier eine Lücke riss, die nur schwer wieder auszufüllen sein wird. Darum steht auch wahrlich eine große Träuergemeinde leidtragend hieran Deinem Sarge! Doch die tiefe Wehmuth Aller steigert sich noch durch beu Anblick der Stätte, die uns hier versammelt sieht. Denn hier, an dieser Stätte, hatte die b e g l ü ck e n d st e F a m i l i e n i n n i g k e i t Deine Häuslichkeit zu einem Heiligthume geweihet. Hier hattest Du als der zärtlichste Gatte und Vater gewaltet. Und wie schmerzlich musste Dein Scheiden gewesen sein, da Du das brechende Auge auf den einzigen Sohn richtetest, der Deine ganze warme väterliche Fürsorge anssüllte. und auf die treuherzige, liebevolle Gefährtin, die nunmehr, nach so vielen Jahren der glücklichsten Ehe, gleich jener tieftrauernden Frau in der Bibel spricht „Nennt mich nicht mehr Noemi, sondern nennt mich Mara, die Tiefbetrübte!" Doch mitten in der herben Wehmuth, die hier alle unsere Herzen erfüllt, lasset uns glaubens- und demuthsvoll emporblicken in die Höhe, zu dem himmlischen Lenker und Vater, der selber das tröstende uns zuruft, dass er hoch und heilig thront und dennoch väterlich gütig und liebevoll sich herabneigt zu den Gebeugten und Betrübten, um zu heilen die blutenden Herzen und emporzurichten die Gebeugten und Getrübten. Amen!" Als der Redner unter tiefer Bewegung geendet hatte, wurde der Sarg abgehoben und von den Dienern der Gemeinde zu dem Leichenwagen getragen. In unabsehbarem Zuge ging es dann auf den Ceutralfriedhof. Hier augelaugt wurde die Leiche unter Vorantritt der Vorsteher der Chewra Kadischa auf die Estrade des Ceremoniensaales gestellt und ^Obercantor Guttmaun stimmte das übliche „Hazur tomim“ au, dessen kunst¬ und stimmungsvolle Recitation die Trauerversammlung im Banne wehmüthiger Andacht hielt. Hierauf trat Qberrabbiner Dr. Güdemann an die Bahre und hielt folgende Trauerrede: „Schnell und unerwartet hat der Tod den kräftigen Mann aus dem Leben hinweggenommen, von der Seite seiner schwer betrübten, würdigen Gattin und seinem einzigen Sohne, und mit seiner Familie trauern wir Alle, die in jahrelangem Umgänge Gelegenheit hatten, ihn kennen und schätzen zu lernen. Ich stehe wohl seiner Thätigkeit, welche er im Dienste feiner Gemeinde entfaltet hat, ferne, aber soweit ich sie beurtheilen kann, möchte ich sie die Stellung eines Mannes neunen, der berufen ist, einen großen Haushalt zu leiten. Es weiß ein jeder Familienvater, es weiß jede Hausfrau, wie schwer und wichtig diese Aufgabe ist. Wie es in einem Haushalte darauf ankommt. über'Alles die rechte Aufsicht zu führen, pünktlich auf dem Platze zu sein, alle Pflichten, die das Hauswesen mit sich bringt, wahrzunehineu und getreu zu erfüllen — und das hat der Dahingegängene, Tiefbetrauerte wie selten Einer gethan, so dass Diejenigen, die zunächst im Stande und berufen waren, die Thätigkeit des Dahingeschiedenen zu beurtheilen und-zu würdigen, ihm das uneingeschränkteste Zeugnis der Gewissenhaftigkeit, Redlichkeit und Pflichttreue ertheilen, und wer ein solches Zeugnis im Leben sich errungen hat, auf den ist das Wort des biblischen Dichters