Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 41 (25.10.1901)
- Date
- 1901-10-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 41. Die Wahrheit. Seile 5. rolnicke“ den ganzen Handel den Juden zu entwinden, um ihn den Bauern und den polnischen Müssiggängern in die Hand zu spielen — und noch erhebt sich kein Schrei der Entrüstung im Lager Israels, noch halten wir dem Polen die Steigbügel, damit er über die Leiber unseres Volkes wegtraben kann. Lassen Sie mich noch ein krasses Beispiel anführen. Die polnische Schulverwaltung hat die Polonisirung Galiziens durchgeführt, unsere Intelligenz beherrscht heute die eine große Weltsprache, die — polnische, ist somit an der Scholle gefesselt; unsere Kinder verlieren selbst ihren Zusammenhang mit ihren jüdischen Gottesbegriffen, sie büßen das Verständnis für das Hebräische nnd jüdische Geschichte ein; die Thora wird durch lächerliche Pamphlete unwissender Religionslehrer, Zrrlehrer, verumglimpst; allein wer da glaubt, dass diese polonisirten Juden als Lehrer in den öffentlichen christlichen Gemeindeschulen augestellt werden, oder in ein höheres oder niedereres Amt gelangen, ohne den Taufzettel zu präsentiren, der irrt gewaltig. Wir fragen mit Mutter Rebekka nr nob. Was nützt Euch, Brüder, Eure Polenmacherei, was nützt Euch der politische Schwindel, der Euch unbarmherzig zu Sclaven erniedrigt und erdrückt? Gibt es denn gar keine Möglichkeit zu Eurer Aufrichtung. Und wir erwiedern mit einem positiven „Ja". Das Mittel liegt in Eurer Hand, in Eurem Herzen und in Eurem Kopfe. Bas Universalmittel heißt aber: echtes, rechtes, national - religiöses Judenthum. Handelt und werdet Brüder, die ihr 4000 Jahre seid, helft einander, und es wird Euch geholfen werden. Die Juden und der Wucher. Wir erhalten die folgende Zuschrift: Bitte im Interesse der Wahrheit Folgendes in Ihrem geschätzten Blatte zu veröffentlichen: Filipovic erklärt in seinem Wörterbuche das „Wort Lihvar“ mit Wucherer, Geldjuve. Da eine solche falsche Uebersetzung geeignet ist, Gehässigkeit beim Volke gegen das Judeuthum zu erwecken, so fühle ich mich verpflichtet, diese Uebersetzung auf Grund der heiligen Schrift und der jüdischen Geschichte zu widerlegen. Wer den jüdischen Codex kennt, der wird eingestehen müssen, dass unsere Religion den Wucher verabscheut und streng verbietet. Codex Choschen Mispat 34, 10, 29 sagt: „Ein Wucherer ist unfähig, vor Gericht Zeugnis abzulegen. Will derselbe die Fähigkeit zur Zeugenschaft wiedererlangen, so muß er seine Schuldscheine selbst zerreißen und von seinem bösen Wandel zurückkehren, so dass er nicht einmal von einem Nichtjuden Zinsen nehmen will." — Im Darke Mosche in CH. M. 34, 13 und in den Responsen der Gaouen Schaare Zedek p. 29 b und 40 a wird ausdrücklich verboten, einem Nichtjuden Geld ans Zinsen zu leihen. Wer die jüdische Geschichte kennt, wird wissen, dass die Juden im Altenhnm und Mittelalter sich nur mit Arbeit befasst haben. Unter den vornehmsten Autoren des Talmud siguriren Arbeiter, welche ihn verfasst und gelehrt haben. Die überwiegende Mehrheit der Autoren bestand aus Holzhauern, Gärbern, Schneidern, Schustern, Schreinern, Kupferschmieden, Bäckern rc. Nur in jener finsteren Zeit, in der man die Juden von jedem Erwerb ausgeschlossen, wurde ihnen von den Rabbinern gestattet, Geldgeschäfte zu machen, damit sie ihr trauriges Dasein fristen könnten. Aus dem Oberwähnten ist zu ersehen, dass die Erklärung Filipovic' eine unberechtigte ist. Es ist ja wahr, dass sich unter den Juden Wucherer befinden, man darf aber nicht alle Juden zu Wucherern stempeln. Wir finden auch unter Andersgläubigen viele Wucherer, und dennoch machen wir nicht ihre Gesammtheit dafür verantwortlich. Mit dem Ausdruck vorzüglicher Hochachtung Dr. M. Engel, Bez.-Rabb. in Krizevac. Ein interessanter Iund. Wenn große Ereigniße ihre Schatten vorauswerfen, so ist bei großen Männern der entgegengesetzte Fall insofern anwendbar, «ls die Macht ihrer Persönlichkeit oft Jahrhunderte nach ihrem Hinscheiden noch die Geister und Gemüth in ihren Bann zwingt. Auch wichtige Begebenheiten äußern sich wohl oft noch in ihren Folgewirkungen, doch gehört es keineswegs zu den Seltenheiten, dass solche Ereigniße, deren man kaum noch flüchtig gedenkt, sich erst bei der Nennung dieses oder jenes Namens, des Marksteines gleichsam, an den sich die betreffende Epache knüpft, unserem Gedächtniße iu ihren ganzen Umfang, in ihrer volle» Bedeutung und Tragweite entrollen. So wird auch vor unserem geistigen Auge ein goldenes Blatt jüdischer Geschichte bei der Erwähnung des Namens Samson Wert heim er lebendig, von dessen Nachlass der in der Ueberschrist genannte Fund herrührt. In der israelitischen Gemeinde zu Eisenstadr verstarb vor kurzer Zeit eine Witwe, deren Hiuterlassenschaft veräußert wurde. Eine Frau erstand eine alte Kommode, deren Schubfächer wohl durch Jahrzehnte nicht geöffnet sein mochten und sich infolgedessen allmälig mit einem enormen Staubwall umgeben hatten. Beim Oeffnen der Truhen fiel der Frau eine zierlich bemalte, künstlerisch ausgeführte Pergamentrolle mit seltsam verzierten hebräischen Schriftzeichen in die Hand, sie begab sich mit ihrem Funde;u dem Eisenstädter Rabbiner, der zu feiner nicht geringen Ueberrafchnng das Manuskript als Rabbinatsbrief der Eisenstädter Jsraeliten-Gemeinde an Rabbi Samson Wertheimer, kaiserlichen Oberhof- und Oberkriegsfaktor in Wien, einen der bedeutendsten Geistes- und Finanzgrößen seiner Zeit, erkannte. Das Datum dieser Urkunde ist vom 3. Tischri des Jahres 5454 ausgestellt und hat demnach am letzten Zaum Gedaljoh das Alter von 208 Jahren erreicht. Bevor ich auf den Inhalt dieses Documentes zurückkomme, möge es mir verftattet sein, in flüchtigen Umrissen das Leben und die Wirksamkeit dieses in seiner Eigenart einzigen Mannes wiederzugeben. Genauere Daten über die Biographie dieses Großen in Israel, dessen sterbliche Ueberreste auf dem alten Wiener, am israelitischen Altersversorgungshause angrenzenden Friedhofe ruhen, finden iu dem im Jahre 1888 im Verlage von Friedrich Beck, Wien, erschienenen Werke des früh dahingerafflen Prof. David Kaufmann : „Samson Wertheimer und sein Leben" vor. Rabbi S. Wertheimer wurde am 13. Schebat des Jahres 5418, d. i. am 17. Januar 1658 in Worms als Sohn einer der Vorsteher der weltberühmten israelitischen Gemeinde geboren und wurde der nachmalige Schüler R. Meier Bachrach's, der Verfasser der Responseusammluug "W mrr, dessen irdische Reste auf dem jüdisch-historischen, blurgedüngten Boden des altehrwürdigeu Wormser Friedhofes, unfern der Grabstätte R. Meier Rothenburg's ruhen. In Wien hatte zu jener Zeit Samuel Oppenheimer aus Heidelberg die Lieferungen für die kaiserliche Armee übernommen und wusste sich in dieser Eigenschaft dem kaiserlichen Hofe und den leitenden Staatsmännern allmälig so unentbehrlich zu machen, dass es ihm ein Leichies ward, auch seinen Verwandten Samson Wertheimer, der inzwischen gleichfalls nach Wien gekommen war, in die höchsten Kreise einzuführen und das ihm selbst in uneingeschränktestem Maße erwiesene Vertrauen auch auf jenen übertragen zu lassen. Wertheimer machte sich durch feine ungewöhnliche geistige Begabung, durch feilten außerordentlichen, auch in unentwirrbar scheinenden Angelegenheiten stets einen Ausweg findenden Scharfsinn, durch seine diplomatische Gewandtheit, wie durch die imponirende Ruhe und Sicherheit seines Auftretens und seinen weltmännischen Umgang des Vertrauens der Großen Oesterreich's in solchem Maße würdig, dass selten eine Acrion von weittragender Bedeutung ohne seine finanzielle oder moralische Mitwirkung unternommeil wurde. Mit diesen Eigenschaften, die ihm dauernd die kaiserliche Huld sicherten, welche sich durch seine Ernennung zum Oberhofulld Kriegsfactor, sichtlich mauifestirte, verband er eine immense talmudische Gelehrsamkeit, die mit Rücksicht aus seine vielseitige, aufreibende diplomatische Thätigkeit fast problematisch war; er unterhielt fortwährend Verbindungen mit den bedeutendsten rabbinischen Koryphäen jener Zeit, und feine Tafel war stark von Talmudgelehrten aus aller Herren. Länder besetzt, deren Anwesenheit in seinem Palaste, der von einer ständigen kaiserlichen Schutzwache beschirmt wurde, er sich höher anrechnete, als wenn er einen Großen des Landes beherbergte.