Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 40 (18.10.1901)
- Date
- 1901-10-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 40. nicht zu ermüdende Energie, die es immer von neuen Seiten unternimmt, auf den Kern der Dinge zu dringen — sie waren ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Das Einzige an ihm war jedoch, wie er alle diese Gaben in den Dienst von Forschungen und Gedankenrichtungeu stellte, die dem modernen Bewusstsein so fern liegen, dass man sie im allgemeinen nicht anders als unvereinbare Gegensätze denken kann. Wir werden wohl nicht fehl gehen, wenn wir diesen einzigartigen Effect auf den Einfluß des großen Vaters zurückführen. Das bereits geschilderte Bild zeigte uns, was den eigentlichen Glanzpunkt seiner Zugendjahre ausmachte. Die gewaltige Gelehrsamkeit des Baters hatte demnach noch tiefere Spuren gegraben. Diese gaben für ihn den Ausschlag. Unter solche Einflüsse gestellt, schienen erst alle Ausstrahlungen seines jugendlichen Geistes zu diesem wundervollen Lichtbilde zusammen zu fließen. Doch mehr als die bloße Deutungsweise erhielt in dieser hohen Schule ihren Abschluss. Sie ward ihm zugleich zum Dogma einer vollendeten, ihrer Aufgabe allseitig gewachsenen Erziehung. Er selbst würdigte die Bortheile der modernen Schule und ihrer Bildung ganz nach Gebühr. Seine Jünger sollten sich dieselbe auch zu eigen machen Nur hielt er damit allein das Maß der Leistungen längst »licht für erschöpft. Die Anforderungen, welche eine preußische höhere Lehranstalt stellt, sind gerade nicht gering. Er jedoch meinte, damit wäre für uns nur die eine Hälfte der Arbeit gethan. Die andere und zugleich beffere Hälfte bliebe dann noch erst zu erledigen übrig. Neichen auch die Stunden des Tages dazu nicht aus, die Nacht biete doch hiesür unbegrenzten Spielraum. Das war wohl auch der Grundsatz, unter deffen strenger Durchführung ihm, dem einzigen, von den Eltern überaus geliebten Sohne, die eigenen Zugendjahre dahinflossen. dass deffen Anwendung seine körperliche Entwickelung irgendwie be einträchtige, konnte auch der ängstlichste Splitterrichter nicht behaupten. Mehr alz von mittlerer Größe, verfügte er über einen harmonisch entwickelten Gliederbau, war breitgeschultert, hatte eine hochgewölbte Brust und gieng stets elastischen Schrittes aufrecht erhobenen Hauptes einher. Doch schon in seinen Jugendfahren zeigte sein Auge eine hochgradige Kurzsichtigkeit. Für meine Auffassung schwerlich ein väterliches Erbstück, als vielmehr die einzig erkennbare Spur, die schlaflose Nächte, welche €t bei großen Folianten mit pulverisirter Schrift durchwacht, bei ihm zurückgelassen hatten. Nach zurückgelegteu Gymnasialstudien bezog er mehrere deutsche Universitäten. Bon äußeren Sorgen nicht beeinträchtigt, Eonnte er ganz der Befriedigung seines unbegrenzten Wissenstriebes leben. Der geistige Ertrag dieser Jahre war auch in der Thal ein gewaltiger. Er war nicht blos auf den verschiedensten Gebieten der allgemeinen Bildung betvandert. (ü£r beherrschte die Sprachen des claffischen Alterthums mit Meister-- schast, war in den modernen europäischen Cultursprachen und -ihr«» Litteraturen wie nicht minder in denen des alten Orients wie zu Hause. Die Leichtigkeit, mit welcher er fremde Sprache» beherrschte und in ihre besondere Geistesart eindrang, war uns «ein Gegenstand immer erneuten Staunens. Hier offenbarte sich -entschieden eine der stälkften Seiten seines umfaffenden Geistes, diese allein würde ihn befähigt haben, eine Lehrkanzel an einer deutschen Universität glänzend zu bekleiden. So ausgerüstet traf ihn im Alter von noch nicht 24 Jahren «ine Berufung als Direktor der israelitischen Realschule in Fürth in Baiern. Er folgte derselben ohne Zögern. Schien sich ihm doch dort ein weites Gebiet zu erschließen, auf welchem er jugendliche Seelen für seine Ideale großzieheu wollte. Seine -Erwartungen trügten ihn nicht. Die Anstalt war damals noch in der ersten Entwickelung begriffen. Ihre Hilfsquellen konnte sie weder aus dem großen Säckel eines Staates, einer Stadt, -oder auch nur einer Gemeinde beziehen. Er war da nur auf die Opferwilligkeit eines engen Kreises angewiesen, dem die Erhaltung des zukünftigen Judenthums eine Herzenssache war. Der Ausbau der Anstalt schritt unter einer Leitung rüstig fort. Sie ward zu einer leuchtenden Pflanzstätte, auf welcher mod erue Bildung im Geiste des echten, altüberlieferten Judenthums blühte. Aber noch mehr. Seine zehnjährige Wirksamkeit hat dort dauernde Spuren hiuterlassen. Die Anstalt ist bis auf deu heutigen Tag ihrer ersten Liebe treu geblieben. Sie trägt noch immer das Gepräge seines Geistes. Die Nachfolger im Amte konnten nichts Bessereres thun, als seinen Wegen folgend, die großen Ueberlieferungen ihres ersten Leiters weiters zu pflegen. In diesen Zeitraum fällt auch ein Ereignis persönlicher Natur, das zwar für jeden Menschen zu den bedeutungsvollsten gehört, hier jedoch von noch weit größerer Tragweite ward. Sein Vater, Dr. H. B. Auerbach, bekleidete um diese Zeit das Rabbinat in der jüdischen Gemeindezu Halberstadt. Unser Lehrer knüpfte auf diese Weise enge freundschaftliche Beziehungen zu dem weltbekannten Hause Hirsch daselbst. Ihre Krönung fanden dieselben schließlich darin, dass der damals noch jugendliche Direktor die Tochter von dem Chef des Hauses, des kgl. preußischen Commerzienrathes Josef Hirsch sel. And., als Gattin heimführte. Diese verwandtschaftlichen Beziehungen haben sich später dadurch verdoppelt, dass der älteste Sohn Josef Hirsch's die Rabbinerstochter heiratete. — Der freundliche Leser wird wohl bei Erwähnung dieser Episode in seinen Gedanken etwas innehalten. Einige dreißig Jahre trennen uns von jener Zeit. Wie ist es doch im Judenthum inzwischen sogar anders geworden? Wem sollen wir zuerst unser Erstaunen widmen? Dem Commerzienrath. dem Chef eines Weltbauses, eines der ersten in ganz Deutschland, der sich den Direktor einer jüdischen Schule zum Schwiegersöhne einsetzt, oder der jungen Commerzienrathstochter, die in ihm ihr höchstes Glück zu erreichen glaubt? Und sie hat es wirklich gemacht. Dess sind wir, die Jünger unseres verklärten Meisters, die Z-'Ugen. Soweit uns auch das Geschick später auseinander geführt haben mag, darin waren wir alle einig: ein glücklicheres, vornehmeres Eheleben als in diesem Hause ist uns nirgends in die Erscheinung getreten. Wo vermag eine Frau so ganz in dem Berufe des Gatten aufzugehen, wie sich dies uns hier gezeigt hat. Wir waren von diesem Beispiele geradezu hingerissen. Es wirkie auf uns mit der packenden Gewalt einer Offenbarung aus einer höheren Welt. Unser jugendliches, noch ganz unreifes Urtheil ahnte schon triebmäßig, dass hier das Höchste im Menschenleben in unmittelbarer Handgreiflichkeit uns gegenübertrat. Wir konnten nur darüber nicht ins Klare kommen, wem die Palme höchsten Edelmnthes gebühre, ob unserem Meister, oder seiner Gattin. Sie ordnete sich ihm dock so ganz und gar unter.. Nur hier machte sie ihm jo ganz gegen ihren Willen den Rang streitig. Wir, seine Jünger, waren im eigentlichsten und buchstäblichen Sinne des Wortes, die Kinder des Hauses. Nicht etwa darum, weil es sonst ein kinderloses Ehepaar gewesen wäre. Weit davon entfernt. Deren gab es ein ganzes Haus voll und dabei alle noch im zartesten Atter. Nichtsdestoweniger wandte uns die Gattin unseres Meisters die zärtlichste mütterliche Fürsorge zu. Aus all die großen Bedürfniße, wie nicht minder auf jene kleinlichen Angelegenheiten, an welche der Jünger der Wissenschaft so gerne vergisst — sie waren ihr alle gegenwärtig und damit war ihnen zugleich abgeholsen. (Fortsetzung folgt.) Gustav Wiener. Knapp vor Schluss des Blattes erhalten wir die Nachricht, dass der Amtsvorstand der Wiener Cultusgemeinde, Herr Gustav Wiener, Donnerstag, den 17. d. M. an einer Lungenentzündung gestorben ist. Wer den kraftstrotzenden Mann, der im 47. Lebensjahre stand, kannte, dem scheint es fast unfassbar, dass er in so jungen Jahren seinen Lebensweg beenden sollte. Sein Hingang wird in der Wiener Cultusgemeinde, in der er sich großer Popularität erfreute, allgemein betrauert werden. Fast aus den Tag sind 18'Jahre feit seinem Eintritte