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Die Wahrheit · 1901-10-11 · Heft 39 (11.10.1901) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 39 (11.10.1901)
Date
1901-10-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit. Nr. 39. Haus werde ein Bethaus für alle Völker genannt.- Hat aber das Judenthum durch diese monumentalen „Tempel", die trotz ihrer bewundernswerthen Pracht nicht nur die ganze Woche hindurch, sondern auch oft am Sabbath verödet und verlassen dastehen, an Ansehen, Achtung und Liebe gewonnen? Mit Nichten! Der Judenhass ist leider heute, trotz der radicalen Reformen, die in vielen Gemeinden eingeführt, trotz der Nachahmungssucht, von welcher viele unserer Stammesgenossen ergriffen sind, trotz der vielen Vereine, die ins Leben gerufen wurden, um die Assimilation zu fördern, Schulen aufzulösen und die zarte Jugend frühzeitig schon auszulieferu, trotz der laxen Behandlung der wichtigsten und heiligsten Gesetze der Thora, weit größer als zur Zeit, da Ausnahmsgesetze die Juden tief zu Boden drückten. Was Wunder also, dass die wahre innige, ungetrübte Freude, die einst unsere Vater am Sabbath, wie an den hohen Festen im Kreise ihrer Angehörigerl empfanden, aus Israel geschwunden ist? Im Innern der Gemeinden sind die Bande der Freundschaft gelockert, weil die meisten nach außen gravitieren, draußen in der großen Gesellschaft aber steht man sie scheelsüchtig, zuweilen verächtlich an, indem man ihnen ihre Aufdringlichkeit zum Vorwurf macht. — Wohl pflegt es hie uub da dem Eineu oder dem Anderen mit Hilfe seiner Glaubensgenossen zu gelingen, sich in nichtjüdischen Kreisen irgend eine Ehrenstelle zu erringen; welchen Nutzen aber bringen diese „Ausnahmsjudeit" oder „Paradejudendem Judenthum? Ach, gerade diese Emporgeschwungenen pflegen, sobald sie da droben fest sitzen, mit Geringschätzung und Verachtung auf diejenigen, auf deren Schultern sie sich emporgearbeitet haben, herabzublicken und werden hochgradig nervös, so man sie an ihre Herkunft und Abstammung erinnert. Soll nun die wahre, innige, ungetrübte Freude wieder in Israel einziehen, so müssen wir, besonders in dieser stürmisch bewegten und aufgeregten Zeit, vor allem unsere Glaubensstarke und Glaubenstreue bekunden, unsere Kinder streng religiös erziehen, sie für den Glauben der Väter begeistern und ihnen diesbezüglich als Musterbilder voranleuchten. Nicht fahnenflüchtig sollen wir tverden, nicht sclaveumäßig um die Gunst ullserer Feinde buhlen und nicht ihre Freundschaft auf Kosten unseres Glaubens, für den unsere Väter Jahrtausende lang mit ihrem Herzblute gekämpft, zu erwerben trachten, wodurch wir nur noch mehr an Achtung verlieren würden; sondern, wie einst unsere Ahnen, dem Glauben unter allen Umständen fest und unerschütterlich treu bleiben und die schönen, herrlichen menschenbeglückenden und menschenfreundlichen Lehren der Thora Hochhalten und durch die That ihn zu verwirklichen uns bestreben. Nur auf diese Weise kann Israel den Antisemitismus bekämpfen und seines Lebens wieder froh werden, kau bechajil welau bekauach ki im beruchi. Nicht durch Kraft und nicht durch Macht, nicht durch Rohheit und nicht durch Gewaltihätigkeit siegt Israel, sondern durch den Geist des wahren, Einig Einzigen/ weltregierenden Gottes, durch den Geist der Thora, der auch ist der Geist der wahren Liebe und Humanität. Eriunerimgsblätter auf das frische Grab des Rabbiners Dr. Selig-Auerbach s. A. zu Halberstadt. Von Rabbiner Dr. Daniel Fink. Ein eigenes Missgeschick waltet über das heutige Judenthum. Es kennt seine großen Männer nicht. Meist erfährt es von ihnen erst dann, wenn der Grabeshügel sich über ihr sterblich Theil geschlossen hat. Dann ist es für die Mitwelt wenigstens zu spat. Im Zeitalter des Verkehrs sollte man dies kaum für möglich hatten, und doch ist dem so. Der Fehler scheint wohl an einer anderen Stelle zu liegen. Das wahrhaft Große ist in unserer Zeit so gar selten. Unser Auge hat die Fähigkeit verlernt, es recht zu sehen. Nur diese Umstände machen es erklärlich, wenn weiten Kreisen des Judenthums diese Zeilen zum erstenmale von der Größe einer Persönlichkeit berichten. Wären unsere inneren Zustände gesund und blühend, dann müsste ihr Ruhm auf allen Lippen schweben, der Schmerz über ihren Heimgang in allen Herzen nachzittern. Nnr wir Jünger, die das unvergleichliche Glück genossen haben, an dieser großen Geistessonne unsere Kräfte zur Eutfattung bringen zu dürfen — wir allein wissen, was Israel für einen großen Schatz an ihm besessen hat. Kein Wort des Lobes und'der Ruhmeserhebung ist groß, ist umfassend genug, denselben zu kennzeichnen. Rabbiner Dr. Selig Auerbach war eben eine Persönlichkeit, einzig in ihrer Art. Um ihr Wesen dem Fernstehenden näher zu rücken, dazu hat unser modernes Leben weder ein Gegenstück noch auch mir einen rechten Maß stab. Es ist, als hätte eine unerforschliche Fügung es beschlossen, dass auch ihr Heimgang wie ihr Leben fast ohne Eindruck auf weitere Kreise dahingehe. Es war gerade am Ausgange des letzten Sabbath- Schuwo, als sich die reine Seele ihrer irdischen Hülle entwand. Am Tage nach Jom Kippur konnte die Beerdigung erst, stattfinden. So groß buch die Betheiligung von Nah und Fern war, sie wäre unter gelegeneren Zeitumständen ungleich größer gewesen. Infolge der kurz darauf folgenden Sukkoth-Feiertage konnte auch die jüdische Publizistik nur dürftige Nachrichten über den Abschluss dieses so großen Lebens bringen. Die folgenden Zeilen wollen das Versäumte einigermaßen nachholen, alle Ruhmredigkeit aber dabei vermeiden. Wo Tbateu so laut reden, da darf die Kunst billig schweigen. Unserem Geschlechte aber' sotten sie gleichzeitig ein Zenguis sein, dass es wahrhaft Großes denn doch noch in Israel gibt. Da aber selbst das großartigste Bild der Fassung nicht entrathen kann, so sei hier zunächst in wenigen Zügen der Lebensgang des Entschlafenen gezeichnet. Anfangs der Vierzigerjahre wurde Dr. Selig-Auerbach zu Darmstadt als Sohn des damaligen Landesrabbiners Dr. H. B. Auerbach geboren. Neben vier Töchtern war er der einzige Sohn seiner Eltern. 'Der Vater zählte seiner Zeit zu den gefeiertsten Capacitäten des deutschen Rabbinerstandes. Neben, einer gründlichen Gelehrsamkeit in den verschiedensten Zweigen weltlichen Wissens war seine Belesenheit und sein Scharfsinn auf talmudischem Gebiete geradezu staunenerregend. Er hätte zu allen Zeiten und allerorten zu den ersten Größen zählen dürfen. Hiervon zeugen vor allem seine großangelegten Werke: „Nachal eschkol4, „Mischnath di rabbi Nathan“, „Hazofeh al darke hamischnah“, in welch' letzterem er eine durchgreifende Kritik zu Frankel's Einleitung in die Mischnah gibt. Daneben verfasste er eine größere Anzahl liturgischer, religiouswisseuschaftlicher und historischer Werke und gib einige Sammlungen von Predigten heraus. Aus dem Nachlasse meines seligen Vaters besitze ich noch zahlreiche Briefe wissenschaftlichen Inhaltes, in welchen er mit dem Anfivand einer wahrhaft glänzenden Gelehr-, samkeit die verschiedensten, wissenschaftlichen Probleme behandelt. Dieser Briefwechsel hätte es sicher verdient, durch die Drucklegung der Vergessenheit entrissen zu werden. Ueber sein Verhältnis zu dem Vater sprach unser Lehrer meines Wissens nur einmal. So ausfällig dies auch dem Fernstehenden erscheinen mag, so klar ist es dem Eingeweihten. Das war eben ein Maß kindlicher Verehrung, wie es sich in Worte nicht fassen ließ. Es gibt ein Heiligthum der Seele, in welches man keinem Menschen einen Blick vergönnen mag. Die wahre Liebe hat ja zu dem niemals viel von sich reden gemacht. Viel besser befriedigte unsere Neugier nach der Richtung eine Photographie, welche den Schmuck des Lehrzimmers bildete. Sie zeigte uns unseren theuren Lehrer als schmucken Jüngling vor einem aufgeschlagenen Folianten stehend, den Barer die sonst strengen Züge eines echten Gelehrtengesichtes diesmal vor Freude verklärt und das leuchtende Auge aut den Sohn gerichtet — mit dem er einen scharfsinnigen Disput abzuwickeln schien. Der Vater Dr. H. B. Auerbach s. A. hatte noch den Lehrgang der alten rabbinischen Schule zurückgelegt. Seine Jugendjahre widmete er fast ausschließlich der Erlernung, und Erforschung unseres heiligen Schriftthums.. Erft in späteren

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