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Die Wahrheit · 1901-10-11 · Heft 39 (11.10.1901) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 39 (11.10.1901)
Date
1901-10-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
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XJie Wahrheit. Seite 7. Nr 39. Mannschaften, Starosten, in Gemeinschaft mit den autonomen Behörden vor sich. Diese Wahlen, welche par Ordre du Mufti durchgesetzt werden, können unmöglich zur Creditfähigkeit des ganzen Um und Auf der politischen Rechte führen. Nimmt man noch dazu die traurigen Erfahrungen, welche unser Volk in Galizien mit der polnischen Wirthschaft gemacht hat, die ökonomische Niederwerfung, die Proletarisirung der jüdischen Bevölkerung, die Beraubung des Juden aller höheren und mittleren Rangclassen, so haben wir ein umfassendes Bild von den Wohlthaten und Freiheiten, die die ganze Verfassung uns gebracht hat. Die politische, ökonomische mtb religiöse Bedrägnis der polnischen Alleinherrschaft verleiht den Juden Galiziens einen protzen Eynismns und setzt bei ihnen das Gefühl für die politischen Wahlactionen tief herab. Die kritiklose Abgabe des Wahlzettels an denjenigen, der da seitens der Schlachta aufgestellt ist, wird nur noch von der Schacherei mit dem Feilbieten der Stimmzettel überboten. Dieser Umstand verhilft einigen jüdischen Candidaten, die über reiche Mittel verfügen, zum Mandate eines Reichsrathsabgeordneten. Natürlich verschreibt dieser Abgeordnete seine Seele wieder den Großherren von Galizien in der Czamara und im Kalpak. Wir sagen : „Seine Seele!" und das ist buchstäblich wahr! denn mit den Eintritte in den streng organisirten Polenclub wird dem Herrn Abgeordneten Mundsperre commandirt und hier mußt Du, jüdischer Abgeordneter, Dein besseres jüdisches „Ich" fahren lassen und das defectere annehnien. Indem ich diese grelle» Farben aus die Situation unserer jüdischen Abgeordneten im Polenclub anstrage, kann ich Himmel und Erde zu Zeugen ansrufen. Es bleibt ja ganz uuvergessen, wie ein sonst recht wackerer Abgeordneter, ein im „Schomer Israel“ geschulter Kämpe, seinen Mund austhat und etwas aus der Schule schwätzte — ja: aus der Leidensschtchx, welche wir Inden in Galizien dnrchmachen. Wie hatte er dann in jenem Schulkämmerlein hart zu büßen, wie musste er Spießruthen laufen, bis die Kontnschgewaltigen ihn wieder in Liebe anfnahmen und ihm, mit einem noch schwereren Maulkorbe behängt, wieder Einlass in das Parlamellt gewährten. Vielleicht, wer weiß es, wurde ihm damals seitens seiner Oberen das so wahrheitstrafende Wort in den geöffneten Mund gelegt: „Bei uns in Galizien kennt man keine)» Antisemitismus!" Siehe Salz Monopol, Mädchentaufeu und tausend andere Dinge. Wir wollen aber auch Gerechtigkeit demselben Manne widerfahren lassen und ihm das Zeugnis nicht versagen, dass er seinen schweren abhängigen Stand doch dazu ausnützt, um mindestens utraquistisch zu wirken, d. h. nicht blos als „Pole," sondern auch als Vertreter der Juden. Uebrigeus wird er von dem parlamentarisch-antisemitischen Erewraw gar oft und gar unsanft an sein Iudenthum erinnert. So arbeiten die jüdischen Kräfte, die vor dem Wagen fremder Herren gespannt sind. Es bleibt freilich noch unentschieden, wie ein Dr. Emil Byk und die anderen jüdischen Abgeordneten im Reichsrathe auftreten und für jüdische Interessen eintreten würden, wenn dieselben putzblank aus der Präge einerjüdischen unbestechliche»» Wählerschaft hervorgehen würden. Ob noch jemand aus der Schule des politischen Vereines „Sehomer Israel“ dieses Phänomen erleben wird — das ist die Frage. (Fortsetzung folgt.) Die Festfreude der Luden in frühere» Zeiten. Von Dr. M. H. Friedländer. ' (Schluss.) Infolge dieser Assimilationssucht, die in den Gemeinden zumeist von begüterten und daher einflussreicheil Strebern gefördert wurde, ist gar vielen das Judenthum lästig, eine unerträgliche Bürde geworden, daher selbstverständlich die religiösen Anstalten und Institutionen, die den gewaltigen Stürmen der Jahrhunderte zu trotzen vermochten, allmälich verkümmern mussten. Hie Talmudschulen, die früher sich der schönsten Blüthe erfreuten, gehöre»: bereits der Geschichte an. Wenn in irgend einem Staate eine theologische Lehranstalt, in der auch Talmud gelesen wird, ins Leben gerufen wird, so ist es ein Ereignis. In vielen Gemeinden fühlt man umsoweniger das Bedürfnis, einen talmudisch gelehrten oder seminaristisch gebildeten Rabbiner anzustellen, als man die Ueberzeugung gewonnen, dass ein gebildeter Rabbi durchaus nicht geneigt sei, sich von irgend einem Gemeiirdepascha tyrannisieren zu lassen; man begnügt sich daher mit irgend ei»»em obscuren Individuum, das sich duckt »md beugt und krümmt, auf einen Wink pariert, weil sonst das Damoklesschwert der Kündigung über feinem Haupte schweben würde, und m a ch t ihn zürn Rarv, selbst »venu er nie eine Geinara gesehen; heißt es doch: asseh lecho Raw. Mit einem Wort, der Rabbiner wird dort als ein nothwendiges Nebel betrachtet, daher selbst die gelehrteste»^ und begabtesten Rabbiner eine klägliche Rolle in den Gemeinden spielen. Schon vor ungefähr vier Decennien rief der selige Wiener Oberrabbiner, Prediger Dr. Iellinek, einer der gefeiertsten Kanzelredner seiner Zeit, in einem Vortrage a»»s: „Israeliten! Ein Chillul Ha-Schern, eine Entwürdigung des Iudenthnms ist es. wenn Ihr die Völker und deren Regierungen in der Ansicht bestärkt, dass bei Euch Jeder thun dürfe, was ihm beliebt, dass bei Euch Jeder berufen und berechtigt sei, in religiösen Angelegenheiten mitznreden, mitz»»ralhe»», mitzustimmen. Wohl trennt keine Scheidewand Priester von Laien in Israels Ge- »neinden; „Ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern' (II. B.. M. 10. 6.) wird das herannahe»»de Fest der Offenbarung uns bald zurufen, uub ich selbst habe diesen wichtigen Punkt, diesen Rllhm Israels heute vor einem Jahre ausführlich besprochen; allein seit der Zerstörung des Tempels und seit der Zerstreuung Israels, anerkennen wir einen anderen Unterschied, den Unterschied zwischen Talmide Chachamiin und Amehoorez, zwischen gelehrten, sach- und fachkuildigeu Männern und unwissenden, »venn auch vornehme»» Le»»ten, »velche letztere niinmer eine entscheidende Stimme haben dürfen bei religiösen, derr Kern und das Wesen, die Entwickel»»ng und die Zukunft des Indenthnms betreffenden Beschlüssen, Einrichtungen und Fortbildungen. Wer mit Sicherheit im Leben einbergehen »vill, dem geuügen nicht blos Beine, der »»»uss a»»ch A»»gen haben. Wer aber sind die Augen, die »vacheuden, prüfenden, in die Ferne schauenden Auge»» der Gemeinden? Die Mä»»ner des Geldes, oder die Männer der Thora? Die Hä»»pter des Handels, oder die Lehrer des Iudenthums? Die Spitzen der Industrie, oder die Führer des Judenthums? Mil einein Eifer, der einer besseren Sache »verth wäre, »vird in den großen israelitischen Gemeinden, nur u»»ter dein Vorwände keine jüdische Priestergesellschaft auskommen zu lassen, in der Thal aber die e i g e n e H e r r s cha ft zu befriedigen, das Ansehen, der Einfluss und die Autorität der Lehrer in Israel unterivühlt und untergraben." Hat aber das I»»denthmn von dein Momente an, als die Keimtnis der Thora, »vie die Achtung vor den Trägern derselben aus Israel geschwunden ist, da dra»»ßen an Ansehen und Achtung gewonnen? Mit Nichten! Wenn jene Streber, denen es blos darum zu thun ist, in nichtjüdischen Kreisen sich Ehrenstellen und Ehrenämter zu ergattern, glauben, sich dadurch die Liebe und Achtung der Nichtj»»den erwerben zu können, indem sie im Innern der Gemeinde Jefchur»ms jede Autorität »nissachten, irren sie getvaltig. Wie oft hört »nan in nichtjüdischen Kreisen in Bezug auf das Illdenthum verwunderungsvoll a»lsrufeu: „Was »nag das für eine Confession sein, die die A»»torität des religiösen Oberhauptes so »veuig schätzt, dass der erste beste Trödler oder Hasenbalghältdler, weun er nur recht begütert ist, mehr Einfluss als der Seelsorger in der Gemeinde hat." Und wie die Institution der Thora, ebenso tief im Arge» liegt die der Aboda, des Gottesdienstes. Wohl sind fett ungefähr fünf Decennien hüben wie drüben äußerst prachtvolle Gotteshäuser erbaut »vorden, die ihres äußeren Schmuckes wegen schon geeignet sind, die Aufmerksamkeit der Richtjuden auf sich zu lenken, daher sie mit Recht zumeist die Inschrift tragen: „Mein

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