Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1901-10-11 · Heft 39 (11.10.1901) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 39 (11.10.1901)
Date
1901-10-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3063062-3063101--01570-3068172
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr 39. Die Wahrheu. Seite ö. Der Wiener Cultusvorstand Hai es bei der Ueberreichung der Denkschrift nicht bewenden lassen. Er hat seither oft und vst, bei — leider — sehr zahlreichen Anlässen das Augenmerk der österreichischen Staatsmänner auf die unheilvollen Fortschritte der antisemitischen Bewegung zu lenken versucht. Dass dies eine, und nicht die unwesentlichste seiner Pflichtausgaben ist, gilt seither als unbestrittenes Axiom. Das Archiv der Gemeinde liefert dem künftigen Historiker reiches Material.! Soll aber der Cultusvorstand dieser Mission gerecht werden, so muss er getragen von dem Vertrauen einer unter sich einigen Wählerschaft sunctioniren und er muss auch, um dies zu errringen und zu bewahren, den religiösen Bedürfnißen aller ihrer Tcheile nachzukommen sich bemühen. Yeniam petimus damusque vicissim. Weil wir die religiöse Duldung — im ethischen Sinne — verlangen, müssen wir diese auch unter uns in unserer Mitte üben überall dort, wo eine religiöse Ueberzeugung vorherrscht. Kaum eine israelitische CultuSgemeinde Europas dürste so vielfache Schattirungen des Juden« thums in ihrer Mitte aufzuweisen haben, wie die Wiener Gemeinde. Diesem Umstande, jenem Erfordernde musste das Gemeindestatut Rechnung tragen, welches nach der Agglomerirung der Wiener Vororte-Gemeinden an die alte Wiener Gemeinde auf Grund des „Gesetzes vom Jahre 1890 über die äußeren Rechtsverhältniße der Israeliten" auszuarbeiten war. Aeußerste Duldung ritueller Divergenzen, freie Entfaltung verschiedentlicher Anschaungen, Achtung vor der religiösen Ueberzeugung; dagegen schärfste Hintanhaltung anderweitiger, nicht immer den besten Absichten entspringender Parteiungen. Dies waren diePrincipien, welche mich bei der mir übertragenen Verfassung des Gemeinde-Statuts leiteten, welchen ich auch nach jahrelangen Kämpfen zum Siege verhalf -— leider! nicht ans die Dauer. Meine Anschauungen habe ich in einem ausführlichen Motiven-Berichte, welcher auch der Regierung vorgelegt wurde, entwickelt, derselbe findet sich gedruckt im Archive der Gemeinde. Wir haben heute in Oesterreich 558 jüdische Cultns« gemeinden, Gemeinden, welche vermöge der örtlichen Zerstreuung der Juden, weite Territorien umfassen und zumeist den Anforderungen, die man berechtigtermaßen an eine Gemeinde stellt, auch nur annähernd zu genügen nicht vermögen. Während der Jude zu allen Lasten beiträgt, hat er doch Unterstützung von auswärts zumeist nicht zu erwarten. Was wird selbst auf dem Gebiete der öffentlichen Armenpflege, welche eine Obliegenheit der politischen Gameinde ist, aus den allgemeinen Steuergeldern (also auch den von Juden herrährenden) bestritten wird, gegen den armen Juden, gegen den jüdischen Humanitären Verein, ja selbst gegen die interconfessionelle Anstalt, die sich nicht zu der „sittlichen Höhe" (!) „judenrein" zu bleiben, aufschwingt, gesündiget! Ist es doch, um nur an einem Beispiele den leitenden Geist einer Stadtverwaltung zu kennzeichen — vorgekommen, dass zwei Dutzenden tüchtiger, ausgezeichneter, blutarmer jüdischer Schulkinder in Bausch und Bogen der Ausschluss aus der Schule angedroht wurde, wenn sie nicht sofort das Schulgeld mit 25 fl., dessen Nachsicht von dem Professoren-Collegium einhellig empfohlen worden war, erlegen! — Und ist es nicht charakteristisch, dass dieselben Männer, welche so hart und erbarmungslos gegen das arme jüdische Schulkind, gegen das arme. Waisenkind Vorgehen, ihr mitleidsvolles Herz — für die Ochsen entdecken und entgegen allen physiologischen Forschungen die Schechita als eine der Humanität nicht entsprechende Handlung zu brandmarken unternehmen! Was hat der arme jüdische Hausirer, der jüdische Arbeiter, der jüdische Gewerbsmann, der jüdische Kaufmann, der jüdische Lehrer, der jüdische Beamte zu erdulden; was muss er sich gefallen lassen, wie schließen sich vor dem Einen und dem Anderen alle Thüren — leider auch mitunter die der begüterten, einflussreicheren, besser situirten Glaubensbrüder! — Welche hässlichen, perfiden Angriffe werden da und dort auch gegen unsere religiösen Vorschriften, gegen unsere Ritualien, selbst gegen unser als Vorbild vdranleuchtendes Sittengesetz unternommen; wie wird mit Lügen und Fälschungen und Erfindungen gearbeitet! Hier zurückkommend auf die bereits erwähnte „Blutlüge" mag an das antasslich bekannter Vorgänge von dem Cultusvorstande einberufene Juden-Meeting vom 7. Oktober 1899 im Musikvereinssaale erinnert werden, in weichem ich den Vorsitz zu führen die Ehre hatte. Der damals von dreitausend Anwesenden einmüthig beschlossene feierliche Protest, der in Tausenden von Exemplaren verbreitete Versammlungsbericht, Idie! Sammlungen von Gutachten, Erklärungen, Aussprüchen hervorragendster Persönlichkeiten aus vergangenen Jahrhunderten bis auf die Gegenwart sind Waffen, mit denen wir gegen das ebenso alberne als gefährliche Märchen ankämpfen. In der ersten Reihe dieser Kämpfer, wie überhaupt unserer Wortführer steht heute der von mir jüngst geschaffene „Allgemeine österreichisch-israelitische Bund", welchem unter Anderen bereits nahe an zweihundert jüdische Cultusgemeinden als Mitglieder angehören. Wenn es gelänge, im Lause der Zeit denselben zu einem Bunde, in welchem sämmtliche österreichischisraelitische Cultusgemeinden vertreten sind, zu gestalten, für die Bildung eines Gemeindebundes die Zustimmung der Regierung zu erlangen, so könnte hiedurch nach außen und nach innen viel Segensreiches geschaffen werden. 2'n^rr -ras rrm qk '2 b’ra rrpn ab Mit den Waffen des Geistes führen wir den Kampf. Das ist der Wahlspruch, mit dem wir die Jahrtausende unserer Diaspora durchschreiten. Wien, im September 1901. D r. Alfred Stern. . 3nr Wiener Schächtfrage. Angesichts der vom Wiener Magistrate inaugurirten Schächtaction, die unter dem Vorwände des Thierschutzes einzig und allein den Zweck verfolgt, den derzeitigen antisemitischen Machthabern im Rathhause einen Liebesdienst zu erweisen und zu einem neuen Schlagworte für die Jndenhetze zu verhelfen, erscheint es uns von Wichtigkeit, auf ein autoritatives und objectivesUrtheileineschristlichenFachmannes hinzuweisen, der nicht nur vom hygienischen Standpunkte für das Schächten der Thiere eintritt, sondern auch die Motive der von antisemitischer Seite eingeleiteten Schächtactionen in das gehörige Licht rückt. In einer der letzten Nummern der vom königl. Qekonomierath Herter in Berlin redigirten Wochenschrift „Deutscher Schlachtvieh-Verkehr" lesen wir nämlich folgendes: „Die Schächtfrage kommt nicht zur Ruhe. Haben doch die Stadtverordneten in Potsdam ein Verbot des Schächtens für den dortigen Schlachthof beschlossen, der Magistrat aber die Ausführung desselben abgelehnt! Die Angelegenheit wird demnach wohl das Verwaltungsgericht beschäftigen. Das erste Mal ist es nicht, dass diese Behörden in der Frage zur Entscheidung angerusen werden. Das Oberverwaltungsgericht hat schon einmal eine Verordnung der Stadtbehörde Rheydt. Reg.- Bez. Düsseldorf, für ungültig erklärt, welche die Schächterlaubnis für den dortigen Schlachthof auf die jüdischen Metzger und eine bestimmte Anzahl Thiere beschränken wollte. So fern uns auch der rituelle Theil der Frage liegt, der manche Gemüther erhitzt, denen die angeblich humanitären Bestrebungen mitunter nur;um Deckmantel für den Antisemitismus dienen, so möchten wir doch feststellen, dass die Militärconserven-Fabrikeu in Mainz und Haselhorst die Rinder, auch A r mour und andere Chieagoer Großschlächter Schweine und Schafe sch ächten lassen, weil bei keiner auderen Schlachtmethode ein so schnelles und vollständiges Ausbluten zu erreichen ist. bs ist das aber eine wesentliche Bedingung für die Haltbarkeit des Fleisches und für seine Verwendung zu cornad und bolled betf. Jedem Schlachtverständigen ist die Thatsache bekannt, dass das Fleisch von Thieren, welche geschlachtet wurden, kurz nachdem sie größere körperliche Anstrengung hatten, sich schlecht hält und eher in Fäulnis übergeh, als das Fleische ausgeruhter Thiere. Es rührt dies von dem großen Zufluss

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.