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Die Wahrheit · 1901-10-11 · Heft 39 (11.10.1901) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 39 (11.10.1901)
Date
1901-10-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 39. Aber wer möchte es bestreiten, dass der schwere Kampf ums Dasein doppelt und zehnfach schwererer den trifft, der zu allem Leid und Weh des Lebens auch noch ein Opfer religiöser Gehässigkeit ist, dass der Religionshass tiefverbitternd wirkt im Gemüthe des Verfolgers, sich ausprägt in allen Lebensäußerungen einer mit solchem Hassgefühle übersättigten Menge, in deren Händen da und dort zeitweilig die Macht ruht, und dass er da schwer lastet auf unseren armen Glaubensbrüdern. Wer wollte, wer könnte blind sein gegen die sittliche Entartung, gegen die sittliche und moralische Verwilderung, gegen den unglücklichen Einfluss auf Gesetzgebung und Verwaltung, gegen die Corrumpirung aller öffentlichen Verhältnitze und selbst der Rechtspflege, gegen alle diese verderblichen Folgen der religiöser Verhetzung! Indem ich ihr entgegentrete mit dem Aufgebote aller meiner Kräfte, erfülle ich nicht allein eine Pflicht gegenüber meinen Glaubensgenossen, sondern auch in gleichem, ja, in noch höherem Maße eine patriotische Pflicht gegenüber meinem Vaterlande und meiner armen, theueren,Vaterstadt. Wohin der Religionshass, der Fanatismus, der Wahn und in deren Gefolge die Dummheit der gutgläubigen Menge führt, zeigt sich deutlich an dem Wiederaufleben der unglaublich albernen Blutbeschuldigung in unserer auf so hoher Culturstufe stehenden Zeit. Man denke nur! Es ist allgemein anerkannt, dass sich in unserem ganzen, in die Jahrtausende zurückreichenden Schriftlhum, und bis auf die Gegenwart nichts, absolut nichts bezüglich eines derartigen abscheulichen Gebotes oder Brauches findet. Man denke nur! Es waren 12 Jahrhunderte, sechsunddreißig Menschenalter der jüdischen Diaspora verstrichen; es hatten Millionen und Milliarden Juden zerstreut unter allen Völkern auf dem weiten Erdenrunde gelebt; sie hatten Anfeindungen und Verfolgungen erlitten; man hatte alle denkbaren Anklagen gegen sie erhoben — und von der Blutbeschuldigung findet sich keine Spur. Erst vom 12. Jahrhundert ab, zunächst gegen christliche Orden und Seelen erfunden, um die durch Fanatismus und Habgier ausgestachelten Verfolgungen zu rechtfertigen, wird die Beschuldigung auch auf die Juden übertragen und werden da und dort auch diesen> gleichwie Hexen und Hexenmeistern, Geständniße durch die scheußlichsten Foltern, durch Eisen und Feuer erpresst. Und neuestens erscheint die Beschuldigung erst nach einer durch Jahre und Jahre vorausgegangenen, betriebenen und geduldeten Religionshetze, welche alle möglichen und unmöglichen Anklagen zu Tage fördert, in immer weiteren Kreisen den Verstand und die Urtheilsfähigkeit trübt und endlich als Krönung des Gebäudes die pfäffisch erfundene Blutbeschuldigung bringt! Man sollte nicht allein die hohen wissenschaftlichen, weltlichen und geistlichen Autoritäten, welche diese Märchen im Laufe der Jahrhunderte und bis heute bekämpfen, namhaft machen und sprechen lassen; man sollte im Gegensätze auch ein Register jener Verblendeten, jener Tölpel anlegen, die heute noch an solchem Wahngebilde festhalten und sich nicht schämen und scheuen, es als ihre Anschauung öffentlich zu bekunden. Gegen solchen Wahn, gegen die dadurch erzeugten Ab-- Irrungen — auch in der Rechtspflege — auzukämpfen, ist nicht allein jedes Juden, ist jedes wahren Patrioten Pflicht, wes Glaubens er sei. Gegenüber der hier nur skizzenhaft gezeichneten antisemitischen Bewegung, welche um uns seit einem Vierteljahhrundert ihre Ringe zieht, muss unser Losuugswart lauten: Alle Mann an Bord! Und einer dzeser Mannen war ich, bin ich und auf meinem mir zugewiesettrn Posten werde ich ausharren. Von der erreichten Lebens höhe zurückblickend, möchte ich aus der Geschichte unserer Glaubensbrüder in Oesterreich, besonders in Wien, während der letzten 25 Jahre, insoweit mir hiebei eine Rolle zufiel, in summarisoimo Einiges in die Erinnerung rufen. Ich detheiligte mich bei der anlässlich der Judenkrawalle in Rumänien im Jahre 1875 erfolgten Gründung der „israelitischen Allianz zu Wien", dieses Vereines, welcher seither unendlich viel Gutes gestiftet, Gemeinden unterstützt, Schulen geschaffen und erhalten und vielen, zehn- und zehntausenden um ihres Glaubens willen verfolgten Juden eine neue Heimat errungen hat. Als im Jahre 1882 die Judenverfolgungen in Russland ihreir Höhepunkt erreichten, als unter der Connivenz der Behörden, unter passiver Assistenz des Militärs Mord, Zerstörung, Plünderung, alle Greuel verübt, die Juden schaarenweise in bestimmte Orte zusammengetrieben und dort dem Hungertode preisgegeben lvurden, ihnen nur die eine Rettung, der Abfall von ihrem Glauben, diese von ihnen — mit verschwindenden Ausnahmen — verschmähte Rettung gelaffen wurde, da folgte ich dem an mich ergangenen Rufe der Allianz und eilte zu meinen verfolgten, flüchtigen Brüdern an die russische Grenze. Unter Mitwirkung des seither verstorbenen Kammerrathes Bernhard Singer organisierte ich dort eine Hilfsaction, welcher viele, viele ungezählte Tausende Schutz und Rettung verdanken, und unvergesslich leben in meiner Erinnerung der Jubel, die Danksagungen, die Segenssprüche, mit denen ich von Tausenden und Zehntausenden aus allen meinen Wegen geleitet wurde. Ein umfassender Bericht über diese Action ruht in dem Archive der Allianz. War man bisher der Meinung gewesen, die antisemitische Pest werde an Oesterreichs Grenzen Halt machen, so sollte man nur allzubald eines Besseren, vielmehr Schlechteren belehrt werden. Ob die Juden in Oesterreich, wenn sie beim Beginne eingegrisfen hätten, eine wirksame Abwehr zu erzielen vermocht hätten, ist eine schwer zu beantwortende Frage. Gewiss ist, dass sie, sei es wegen Mangels an einer Organisation, oder weil sie die Gefahr unterschätzten, nicht eingriffin, ja, dass sogar hervorragende, maßgebende Persönlichkeiten unter ihnen die von einzelnen tüchtigen, kenntnisreichen, energischen Juden da und dort unternommene Abwehr missbilligten. Der Vorstand der ersten israelitischen Cultusgemeinde des Reiches, der Wiener Cnltusvorstand hüllte sich in Competenzbedenken. Jura yigilantibus sunt scripta. Unter vigilantibus find aber st u m m e Wächter nicht verstanden. Und wer, tver sonst als der Cultusvorstand war in der Lage, sich aus ein Mandat der Judenschasl zu berufen und als deren Repräsentant die Stimme zu erheben?! Das war der Gedanke, dem ich in einer jüdischen Wähler- Versammlung im Herbste 1888 Ausdruck gab, dem ich zum Siege verhalf, dem ich meine — nicht angestrebte — Wahl in den Cultusvorstand verdanke und dem ich auch als Vorstandsmitglied treu blieb. Die erste Frucht dieses GedankeltS war die Denkschrift, welche von dem Präsidium der Gemeinde aniangS 1889 den obersten Regierungsbehörden üverreichr wurde. Ich wage es zu sagen, obgleich ich der Verfasser jener Denkschrift bin, dass sie ein monumentum aere perennius i]t für die Geschichte der österreichischen Judenschaft, aber auch für die Culturgeschichte Oesterreichs, ein lebendiges Zeugnis der Indolenz, der Kurzsichtigkeit österreichischer Staatsmänner. —- ist bedauerlich, dass der Cultusvorstand es ilicht über sich gewinnen konnte, diese Denkschrift öffentlich zur Vertheilung zu bringen, so dass die Oeffentlichkeit hievon nur aus der durch ein clerical-antisemitisches Journal erfolgten Publication eines uncorrigierten und gefälschten Bürstenabzuges und aus einigen kleinen Auszügen in den Tagesblättern Kenntnis erlangte. Uno selbst in dieser verkümmerten Gestalt machte sie ungeheueres Aussehen. Einer kleinen, bisher nicht bekannten Episode sei Erwähnung gethan. Als der 80jährige Präsident der Gemeinde die Druckschrift einem damaligen Minister überreichte, meinte dieser, dass eine Abhilfe der Beschwerden wohl auch dadurch werde getroffen werden, dass in dem gegenwärtig dem Parlamente zur Berathung vorliegenden neuen Strafgesetzeutwurse den Religionsbekenntnißen gegen Verunglimpfungen ein wirksamerer Schutz geboten werde, auf welche Aeußerung der greise Präsident wörtlich erwiderte: „Aber Excellenz, wozu brauchen wir denn neue Gesetze? Würden doch nur die bestehenden gehandhabt werden!" — . " :'

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