Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 39 (11.10.1901)
- Date
- 1901-10-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Die Wahrheit Redaktion u. Administration Wien. IX/1, Novaragaffe 27. I Unabhängige Aeiischrifi für jüöifchr Lezagrßui»: Ganzjährig . . Jt. 12.— Halbjährig ... St. 6.— St. k österr. Postsparcafia Interessen. Check-Conto Nr. 846.251. Für Lultus beamte: Infitatc: Ganzjährig ... St. 10.— *'■'20 Heller per Noupareille-Zrilr. Erscheint jeden Freitag. Für Ausland: . Abonnementslutb Insertion-» Ganzjährig .... 8 Mark betrüge find in Wien zahlbar. Motto: .Das Lieget Gottes ist Wahrheit!" 6 Rubel oder 16 Frc». Nr. 39. Me», 11. Orlober IM. Anhaltr Eine programmatische Dankeskundgebung. — Zur Wiener Schächtfrage. — Die Landtagswahlen und die jüdischen Politiker. — Die Festfreude der Juden in früheren Zeiten. — Erinnerungsblätter. — Gemeinde- und Vereiysbote. — Zum allgemeinen Cantorentag. — An die Mitglieder des „Oesterr.-ung. Cantoren-Beerines. — Fünfundzwanzigjähriges Dienstiubiläum. Berschiiedene Nachrichten. Wir ersuchen die geehrten Herren Abonnenten um Einsendung dfr Aboiinementsgebühr für das am 1. Oktober begonnene IV. Quartal und Begleichung der Rückstände von den Sommermonaten. Gleichzeitig richten wir an alle unsere Freunde die Bitte, in ihren Kreisen für die Verbreitung unseres Rlattes und für die Förderung unserer Bestrebungen, die den Jnteresten des Jndenthumes dienen, thätig zu sein. Die Redaction. Eine programmatische Dankeskundgebung. In Erwiderung auf die zahlreichen Ehrungen, die dem I. Vicepräsidenten der Wiener Cultusgemeinde, Herrn Dr. Alfred Ster n, anlässlich feines vor kurzem stattgehabten siebzigsten Geburtstages zutheil wurden, hat derselbe an uns eine Zuschrift gerichtet, die nicht blos als landläufige Worte dankbarer Courtoisie erscheinen, sondern vielmehr als programmatische Kundgebung über seine Lebensanschauungen, über feine Auffassung des Pflichtenkreises eines in der jüdischen Oeffentlichkeit wirkenden Mannes und als Ueberblick über seine bisherige, der Allgemeinheit gewidmete Thätigkeit. Mit Rücksicht auf die hervorragende Stellung, die der Jubilar im österreichischen Judenthum einnimmt und in Erwägung des Umstandes, dass seine Ausführungen das persönliche Interesse weit überragen, da sie eine von hohen Gesichtspunkten geleitete, geschichtliche Darstellung aller das Judenthnm berührenden Ereigniße in den letzten Jahrzehnten bieten, verdienen dieselben an leitender Stelle wiedergegeben zu werden. Die Zuschrift hat folgenden Wortlaut: Geehrter Herr Redacteur! Es ist mir viel Liebes und Gutes gesagt worden von meinen Glaubeusbrüdern aus Nah und Fern. Anlässlich meines 70 Geburtstages sind von der Wiener Cultusgemeinde. sowie von allen bedeutenden und einer sehr großen Anzahl kleinerer Cultusgemeinden Oesterreichs, von sämmtlichen Wiener israelitischen Corporationen, Vereinigungen — mit Ausnahme der zionistischen, — von einer sehr großen Anzahl österreichischer Körperschaften, von unseren Glaubensbrüdern in und außer Oesterreich, von der Wiener jüdischen Presse: der „Neuzeit", der „Oesterr. Wochenschrift", der „Wahrheit", von österreichischen und außerösterreichischen jüdischen Zeitschriften an und über mich Telegramme Zuschriften, Adressen, Publikationen ergangen. Für all' die- Liebe und Güte, für all' die mir erwiesene Ehrung und Anerkennung spreche ich hiemit öffentlich meinen h e r; l i ch st e n Dank aus. Ich werde trachten, nach Möglichkeit im Laufe der Zeit die eingehende Beantwortung bedeutender Kundgebungen zu bewältigen. An der Seite meiner unterdrückten, gequälten, verfolgten Glaubensbrüder, der um ihres religiösen Glaubens, um ihrer Standhaftigkeit willen Verfolgten zu stehen, für sie nach meilren besten Kräften, mit Wort und Schrift, mit dem vollen Einsätze meiner Persönlichkeit einzuftehen, gebot mir mein Herz, mein Pflichtbewusstsein von Jugend auf. Sie, die ihr Gewissen nicht mit der eitlen Phrase betören: „Alles ist ja doch nur Redensart! Heilige Redensart, Dir dank' ich Ehren, Macht und Goldgewinn", sie, öte alle ihnen gebotenen reichen Güter nicht mit einem heuchlerischen Werthe erkaufen wollen, oder Jene, die in bescheidener Lebensstellung Druck und Qual und Kränkung wohlerworbener Rechte erdulden, sich beiseite schieben lassen, in Noch und Elens ansharren, oder gar jene Tausende und Abertausende, die, hinausgetrieben, blutenden Herzens Vaterland und Heimat verlassen, sich loßreißen von der Stätte, an der ihre Voreltern feit Jahrhunderten geweilt, sich losreißen von der geheiligten Grabstätte, in der ihre Theuersten ruhen, Besitzthum, Vermögen. Erwerb, das Stückchen Brot, woran sie zehren, hintangeben und einer dunklen, armseligen, dornenvollen Zukunft in fremdem Lande entgegen gehen, weil sie — auch nicht einmal zum Scheine — unserem mehrtausendjährigen Bruderbünde den Rücken kehren wollen; — an ihrer Seite, an der Seite meiner Glanbensbrüder, an der Seite dieser Märtyrer ist der Platz, den ich einznnehmen, hier liegt die Pflicht-Aufgabe, welche ich innerhalb des Glaubens¬ und Bruderbundes, dem ich angehöre, im Leben zu erfüllen habe. Wohl anerkenne ich, was die Humanität überhaupt, was auch das jüdisch - religiöse Sittengesetz in seinem allerersten Gebote: „Du sollst lieben deinen Nächnen wie Dich selbst" von mir fordert. Ich müsste mich für einen Barbaren, ich müsste mich für einen „Antisemiten" halten, wenn ich dort, wo des Lebens ganzer Jammer mir entgegentritt, nach conseffioneller Zugehörigkeit fragen und hievon meine Hilfeleistung abhängig machen würde. Wohl anerkenne ich, was der Patriotismus und was auch die altjüdische Vorschrift: „Du sollst das Wohl der Stadt, in der Du lebst, zu fördern trachten", von mir fordern und suche ich die mich erfüllende Liebe zur Heimat, zu Vaterland, und Vaterstadt, wo und wie ich es vermag, zu bethätigen.