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Die Wahrheit · 1901-09-27 · Heft 38 (27.9.1901) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 38 (27.9.1901)
Date
1901-09-27
Page
– (sequence 8)
Language
German
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CiI Nr. 38. rr. ung. Cantoren-Zeilnng Mcilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 21. Jatzrg. Die Abodah. Wenn nach den Worten unserer Weisen als einer der Grundpfeiler der Welt und des Judenthums der Gotte s- - i enst angeseben wird, so kann man wohl mit Recht die A b o d a h am Jom Kippur als den Höhepunkt der ganzen religiösen Liturgie an diesen Festtagen betrachten und namentlich gilt das dann, wenn der Cantor vermöge seiner wahrhaft religiösen Gesinnung im Geiste sich an die heilige Stätte der Andacht ins alte Jerusalem zu versetzen imstande ist/ Dies ist durchaus nicht als Unbescheidenheit aufzufassen, denn nur ein 2121c ivbtP, der eine recht hohe Meinung von seiner Sendung an den hohen Feiertagen hat, der aber auch die erforderlichen Kenntniße in der Literatur und Liturgie ins Gotteshaus mitbringt, kann erwarten, dass bei ihm als bnpb nmöi pKH }:n sich bewahrt das Wort, das da vom Hohenprieirer gesagt wurde, tmpn b& 1822 iblp Seine innere Stimme muss gewissermaßen gehört und als Gottesruf erkannt werden, denn wer selbst nicht brennt, kann auch in Anderen nicht das religiöse Gefühl der Gottesstimme entzünden oder entfachen. Aber auch beim Ausgange ans dem (Kotteshause wirkt und vibrirt noch nach der mächtige Eindruck dieser altehrwürdigen Reminiscenz, an die sich selbst die Himmelsstürmer und Reformer nicht herangewagt haben, und wenn der so begeisternde und begeisterte Chasan sich eins wissend mit Gott und seiner Gemeinde, von ihrer Liebe und Wertschätzung gehoben und getragen, die Stätte seines Wirkens dereinst verlässt, man vergisst ihn sicherlich nicht — er lebt fort und sein Andenken bleibt bei Mit- und Nachwelt gesegnet! —n. Zur Einberufung eines Rabbinertages. Der Cantorentag ist nun vorüber und es bleibt abzutvarten, ob die von demselben einmüthig gefasste Resolution sich praktisch bewähren wird. Da drängt sich aber unwillkürlich die Frage aus, warum denn die ehrwürdigen Herrn Rabbiner nicht ebenfalls zusammenkommen, um Standesfragen zu besprechen und religiöse Angelegenheiten zu beralhen. Oder ist es mit diesen Dingen so wohlbestellt, dass darüber weiter nichts zn sagen ist? Warum fanden die Synoden von Braunschweig, Augsburg rc. keine Wiederholung? Warum konnte vor Jahren aus Jngerenz der Regierung in Budapest ein Congress abgehalten werden, dem das Zustandekommen der ungarischen Laudesrabbinerschnle und die Regelung der Rechtsverhältniße der drei Parteien im Lande, der Orthodoxen, der 3tatnt8-gno- oder Mittelpartei und der Resormrichtung zn danken war? Könnte nicht auch in Cisleithanieu eine solche Versammlung von g e i st l i ch e u und weltlichen Notabilitäten, eventuell durch die Leitung des Gemeindebundes zustande kommen? An Stoff zur Besprechung wäre wahrlich durchaus kein Mangel. In einer Zeit, die so viel Katholikentage, wenn auch mit entsprechenden Protest-Versammlungen, zustande kommen flehte sollte den Seelsorgern nicht der Gedanke nahe gelegen sein, dass es auch in unserer Mitte so manches in religiöser Beziehung zu besprechen, zu ordnen, eventuell zu verbessern gibt? Das Princip: Hnietia. non movere, wenn es zu sehr auf die Spitze getrieben wird, bedeutet unstreitig den Stillstand und Rückschritt nach jeder Richtung, und wer nicht zunimmt, sagt der Talmud, wer nicht vorschreitet in religiöser Erkenntnis, der nimmt ab. Selbstverständlich wäre der erste Und wichtigste Gegenstand der Behandlung das Gebiet des Religionsunterrichtes,, wo es wahrlich viel Faules gibt im Staate Juda sowohl bezüglich des Lehrzieles, als auch hinsichtlich der Methode, ferner über die Heranbildung der Religionslehrer und der hiezu erforderlichen Allstalten, in welcher Beziehung uns Deutschlandbereits weit überflügelt hat. Das Kind und der Studierende sollen sich wohl in der Schule die hebräische Sprache möglichst aneigneu, jedoch die Hauptsache bleibt, dass sie aus Grund der jüdischen Geschichte und^ gründlichen Religionslehre die richtige, fürs praktische Leben unbedingt erforderliche religiöse Lebensanschanung gewinnen, von gläubiger Gesinnung erfüllt und beseelt seien, selbst wenn die hiezu nöthige Grundlage des Elternhanses fehlt, wie man. auch Kindern armer Eltern eine kräftigere Kost verabreichen muss, um das von anderer Seite Versäumte thunlichst zu. ersetzen. Dies und andere actuelle Anträge, wie beispielsweise Kürzung, bezw. Abrogirung des „Mi-scheberach-, und als Ersatz hiesür freiwillige Spenden durch Sammlung oder reguläre Beiträge, ferner Reform einzelner Gebete, so bezüglich deA Opfercnltns und dgl., sind Fragen, die auf einem Rabbirrertage oder einer Synode eingehende Besprechung und Berathung verdienen. S. G—ii. Verschiedene Nachrichten. Wien. (D r. Alfred Ster n.) Die Ansprache, welche der- Herr Rector Prof. Dr. Schwarz anlässlich des 70. Geburtstages des Herr»! Dr. Alfred Stern im Namen der in Aussee zum Sommeraufenthalte weilenden Mitglieder der Wiener Cultusgemeinde an den Jubilar hielt, hatte folgenden Wortlaut: »Hochgeehrter Herr Doctor! Als begeisterter Naturfreund wissen Sie es nur zu gut, dass die reizendsten Punkte Gottes herrlicher Schöpfung zugleich auch die anziehendsten Sammelpunkte der Touristen sind. Eine majestätische Klamm, ein großartiger Wasserfall, ein weite Strecken beherrschender Aussichtspunkt können äußerst selten in stiller Einsamkeit genossen werden, denn immer wieder finden sich der Bewunderer gar viele ein, damit ihr trunkenes Auge an den Naturschönheiten sich labe und ergötze. — Und wie die Natur, so hat auch das Leben gottbegnadeter Menschen seine bewunderungswürdigen Anziehungs- und Sammelpunkte. Sie, hochgeehrter Herr Doctor, stehen heute auf einem große und weite Strecken erfolgreicher Thätigkeit beherrschenden Aussichtspunkte und dürfen demnach nicht erstaunt sein, wenn Sie auf der Höhe des heutigen Tages von Freunden und Verehrern ausgesucht werden, damit diese die Schönseit der großen Fernsicht genießen und bewundern. Die hier in Aussee zur Erholung weilenden Wiener empfinden es als ein unabweisbares Bedürfnis, Ihnen ihre Huldigung darzubieten und im eigenen und im Namen der Mitglieder der Wiener Cultusgemeinde ihre Huldigung und Dankbarkeit zu bekunden, und mir ist die Ehre zutheil geworden. Sie, hochverehrter Herr Doctor, zu Ihre m 70. Geburtstage aufs herzlich st e zu begrüßen und z u b e g l ü ck w ü n s ch e n. Ich kann mich dieser auszeichnenden Aufgabe nicht besser entledigen als, indem ich Sie an eine Begegnung erinnere, welche wir vor drei Wochen gehabt. An dem Tage, welchem uns die Kunde brachte, dass Sie Ihren 70. Geburtstag in Aussee feiern werden, traf ich Sie auf dem Wege nach Altauffee und bat Sie, mit mir zum See zurückzukehren. Sie erfüllten meine Bitte in liebenswürdiger Weise, und dort auf der Brücke an der Seeklause sah ich Ihr bisheriges Lebensbild in der denkbar großartigsten Naturtreue. Ein großer, tiefer See, in welchem sich, ein klarer, blauer Himmel abspiegelt und aus welchem ein in immer mächtigeren Wogen sich fortwälzender Strom ins Thal hinabeilt. Ein solcher See, hochgeehrter Herr Jubilar, ist Ihre durch eine selten« Tiefe den Himmel klar wiederspiegelnde Seele und ein solcher Strom ist Ihre gottgesegnete Wirksamkeit während eines ganzen Menschenalters.

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