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Die Wahrheit · 1901-09-27 · Heft 38 (27.9.1901) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 38 (27.9.1901)
Date
1901-09-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Lvahryett. Nr. 38. zugeben, als die Interessenten nur wollen. Sollte also die autonome „Stadtbehörde" in ihrem Schlachthause das Schachten „einschräuken," so würden die jüdischen und die christlichen Metzger von dieser „gütigen Erlaubnis" einen Gebrauch zu machen, sich sammt und sonders bedanken. Es wäre also ein Schlag ins Wasser;, der Effect wäre der gleiche, wie in Sachsen und in der Schwei z. wo die Juden bekanntlich trotz Schächtverbot nicht weniger Koscherfleisch kausen als vordem. Aber darum handelt es sich auch gar nicht, nicht da liegt die Gefahr, sondern sie liegt wo anders. Der Wiener Magistrat will es, wie mau zu sagen pflegt, „gerichtsnotorisch machen", dass in der Art, und Weise wie das rituelle Schächten geübt wird, eine Thierquälerei euthallen ist. Dazu bedarf es irgend eines Verbotes oder einer Einschränkung. Und dazu sollen ihm die Herren von der Statthalterei behilflich sein. Verbot? — Gott bewahre! aber nur nicht mehr schachten, als absolut für die in Wien wohnenden Juden nöthig ist. Und nun kommt das Interessante an der ganzen Geschichte, und da erweist sich die ganze — Diplomatie des Herrn Magistratsdirectors. In dem Communique heißt cs: „Als schmerzloseste und daher beste Schlachtmethode muss jene erklärt werden, welche in erster Linie durch einen Schlag auf den Kopf vollständige Bewusstlosigkeit . . . herbeiführt." Kleiner Schäcker, der dem Herrn P r e y er diese Worte in die Feder dictierte. „Durch erneu Schlag vollständige Betäubung! Man darf ruhig jede Summe dafür aussetzen, ob es unter den bisherigen Vieh-Betäubungsmethoden auch nur eine einzige gibt, durch die selbst der geübteste Metzger jedes Stück Vieh auf den ersten Schlag bewusstlos hinstreckt. Das weiß auch Herr Preyer und darum versteckt er sich im Schlusssätze hinter die Worte „und während deren Dauer in zweiter Linie durch Verblutung". Wer das, was wir eben behauptet, nicht glauben will, der überzeuge sich im Wiener Schlachthause und er wird Wunderdinge erleben über besagte „schmerzloseste und beste Schlachtnngsmethod e". Den löblichen Cultnsvorstand aber fordern wir auf, in der allerenergischesten Weise unser Recht zu wahren. Der Kampf ist entbrannt, er ist uns ausgedrungen, führen wir ihn in der schonungslosesten Weise und ohne jede Rücksicht auf wen es auch sei! Zeige der Cultusvorstand, dass er versteht, die Cultusiuteressen der Gemeinde zu wahren. Das ist sein Recht und seine Pflicht. Die Persidie der ganzen Schächtaction muss vor aller Welt klar und offen zu Tage treten. Den Verdrehungskünsten der „Thierschützer neuesten Datums" wollen wir. die schon vor über 3000 Jahren Thierschutzgesetze hatten, mit den Waffen der A^a h r h e i t eutgegentreten als „Ritter ohne Furcht und Tadel!" Die Festfreude der Juden in früheren Zeiten. Von Dr. M. H. Friedländer. (Fortsetzung.) Solch edlen Grundsätzen und Priucipen hat auch der fromme Jude in vormärzlicher Zeit gehuldigt, wen» er aber bennoch so vielen Bedrückungen und Verfolgungen ausgesetzt war, so geschah es einzig und allein, aus religiösen Fanatismus. Reichen Ersatz und Entschädigung jedoch für all die Leiden, Qualen und Widerwärtigkeiten, die ihm draußen bereitet wurden, fand er am Sabbath, wie an den heiligen Festen in seinem Hause, in der Familie und in der Gemeinde. Hier freute er sich innigst, gab sich ganz der Freude hin, weil die Religion es ihm gebot: „Sechs Tage sollst du arbeiten, aber der siebente Tag ist ein Ruhetag dem Ewigen, deinem Gotte, da sollst du dir Ruhe gönnen und jeden Kummer und Schmerz und jede Sorge aus deinem Herzen bannen. Ebenso heißt es bei den Festen wesoruaelito du sollst dich freuen, wehojiso ach someach, Du sollst Dich der ungetrübten Freude ganz hiugcveu, kein Mißton soll Deine Festfreude stören. Und wie soll er sich freuen? Auch hierüber belehrt ihn die Religion, indem sie ihm zuruft: „freue Dich uni -«Deine«, und die Deinen freuen sich unk Dir." Und da es außer deinen Angehörigen noch Leute gibt, die sich freuen sollen, aber nicht können, weil ihnen die Mittel hiezu fehlen, so ist es deine Pflicht, sie die Sabbath- und Festfreude mitgenießen zu lassen. Die ganze Gemeinde bildete gleichsam eine große Familie. „Einer für Alle, Alle für Einen", war das Losungswort der damaligen Zeit. Wenn der Eine oder der Andere in der Gemeinde durch Unglücksfälle seines Vermögens verlustig geworden, wie war man da bestrebt und bemüht., ihm hilfreich zur Seite zu sein, damit er sich wieder aufraffe. Ja, man sah sich nicht nur aus moralischen Gründen, sondern geradezu durch das biblische Gebot genöthigt, einem solch Herabgekommeneu beizustehen, weil es in der Thora heißt: Wenn dein Bruder neben Dir abkömmt und seine Hand sinken lässt, so sollst Du ihn nicht noch mehr unterdrücken, damit er nicht erlebt aufzustehen, sondern unterstütze ihn kräftigst wehechsakto bau, aus dass auch der Fremde und Geduldete bei Dir leben möge. Du sollst weder Zins noch Ueberschüfs von ihm nehmen, sondern dich vor Deinem Gotte fürchten, und Deinen Bruder neben Dir leben lassen. (3 N. 25.35) Ferner: „Kräftigst unterstützen sollst Du den Dürftigen und Dich es nicht verdrießen lassen, wenn Du ihm gibst, denn nur deshalb wird der Ewige Dein Gott Dich in allen Deinen Unternehmungen segnen." (5 Ll. 15.10). Ist nicht das ein Fasten, das ich liebe; öffne die Schlingen der Bosheit, löse die Bande des Joches, frei entlasse Unterdrückte und jegliches Joch zerbreche! Nicht so? Brich dem Hungrigen Dein Brot, unglücklich Verfolgte bringe ins Hans, so Du einen euren Nackten siehst, bekleide ihn, und Deinem Fleische entziehe Drch nicht; dann wird wie Morgenröthe Dein Licht anbrechen und Deine Heilung gedeihen und vor Dir zieht Dein Heil daher, des Ewigen Herrlichkeit schließt Deinen Zng. Dann rufst Du den Ewigen an, und der Ewige erhört, flehest und er spricht: „Hier bin ich." (Jes. 58.6—9) „Heil dem, der sich der Armen liebevoll annimmt, am Tage des Unglückes rettet ihn der Ewige". (Psalm 41. 2.) „Die Wohlhtätigkeit rettet vom Tode" (Spr. 10). Aber nicht blos für humanitäre Zwecke, Gremilus Chsa- Loäiw, sondern auch für die religiösen Institutionen des Judenthums, fürLhora und4.hoäa, Gotteslehre und Gottesdienst, wurden stets bereitwilligst mit freudigem Herzen die größten Opfer gebracht. Eine jede Gemeinde, mochte sie noch so klein gewesen sein, erachtete es als ihre erste und heiligste Pflicht, dafür---zu sorgen, dass in ihrer Mitte eine Stätte sich befinde, in derber Jugend frühzeitig schon die Pforten der religiösen Wissenschaften erschlossen werden, eine Stätte in der die Jugend frühzeitig schon mit den Grundlehren der Thora, mit der Ethik der Religion vertraut gemacht wurde. Kein Opfer war den Gemeindemitgliedern zu groß, so es galt, die religiöse Erziehung und Belehrung der Jugeud zu fördern. Selbst der von Dorf zu Dorf mit alter und neuer Waare wandernde und hausierende, unter der Wucht der schweren Last ächzende Jude, der, um sich und die Seinen nothdürstig erhalten zu können, des Winters Frost und des Sommers Sonnengluth sich preisgeben musste, fühlte sich vor Allem verpflichtet, insofern von seiner väterlichen Fürsorge entsprechende Proben zil liefern, als er die ersten im Schweiße seines Angesichtes erworbenen Sparpfennige zum Nutzen und Frommen der Erziehung seiner Kinder verwendete. In größeren Gemeinden gab es auch „Jeschiboth", talmudische Hochschulen (theologische Hochschulen), wohin die wissbegierige Jugend zahlreich strömte, um ihren Geist zu schärfen und mit Kenntnißhn zu bereichern. „Dein Haus sei ein Sammelplatz der Weisen", war der Wahlspruch jener Zeit, jedes Haus war gleichsam ein Tempel der Wissenschaft erhaben und materiell kräftigst unterstützt wurden. Selbst unbemittelte Gcmeindemitglieder luden sich Talmudjünger zu Tische, um auch ihrerseits zur Förderung und Verbreitung die Kenntnis der Thora beitragen und somit eine gottgefällige Handlung begehen zu können Ja, das Wort kowaud ha-thauro> Verherrlichung her Thora, galt in jener

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