Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 37 (20.9.1901)
- Date
- 1901-09-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Dte Wahrheit. Nr. 37. genheit raubt, sich ehrlichen Verdienst zu verschaffen, nicht tadelnswerth? »Ein solcher Mensch verdient ein Frevler genannt zu werden," war die Antwort. „Wie aber hat der fromme Rabbi den armen R. Giddel um ein Geschäft bringen können?" riesen sie ihm erstaunt zu. Feierlichst erklärte R. Abba, dass er von der Unterhandlung, die R. Giddel init dem Eigenthümer dieses Grundstückes geführt, keine Ahnung hatte, dass es ihm herzlich leid thue, dem Collegen so viel Unannehmlichkeit, wenn auch unbewusst, bereitet zu haben, und dass er endlich gern bereit wäre, das Grundstück ihm zu überlasten, wenn es nicht ein trauriges Omen wäre, das erste Grundstück, das er käuflich erworben, zu verkaufen. R. Giddel, der sich durchaus nicht beschenken lasten wollte, lehnte das Anerbieten ab. Nun wollte weder R. Abba noch R. Giddel einen Genuss von dem Acker haben und derselbe wurde „das Feld der Weisen" genannt. (Kid. 59.) _ (Schluss folgt.) Krise im Limmeringer Lethaus-Verein. Der Bethausverein im 11. Wiener Gemeindebezirke (Simmering), der seit einer langen Reihe von Jahren besteht und anlässlich des 50. Regierungs-Jubiläums Sr. Majestät des Kaisers mit Unterstützung der Wiener Cultusgemeinde einen neuen Tempel erbaut hat, ist für Mittwoch den 25. d. zu einer General-Versammlung einberufen, in welcher vom gegenwärtigen Vereinsvorstande und der,. Majorität der Mitglieder die Auflösung des Vereines beantragt und wahrscheinlich auch beschlossen werden wird. Den Anlass zu diesem bedauerlichen Entschlüsse haben Zwistigkeiten gegeben, die durch die von den Herren Sigmund Kauders und Leopold Weiß geführte Minorität in den Verein hineingetragen wurden und den weiteren Bestand desselben unmöglich machen. Der Vorstand der Wiener Cultusgemeinde hatte im heurigen Frühjahr versucht, den Streit der beiden Parteien zu schlichten, und bei der größtmöglichen Nachgiebigkeit der Majorität schien es auch in letzter Zeit, dass der Friede wieder hergestellt sei, aber durch ein ärgerliches, vom religiösen Standpunkte aus unbedingt zu verurtheilendes Vorkommnis, das von den Herren Kauders und Weiß beim Gottesdienste am ersten Rosch-haschono-Tage provociert wurde, ist der Zwiespalt neuerdings hervorgerufen worden. Hierüber wird uns Folgendes mitgetheilt: Das Gotteshaus war am ersten Neujahrstage besser besucht als in den Vorjahren, da auch Herr Kauders mit seinem Anhänge, der bisher ein eigenes Minjan veranstaltete, am Gottesdienste theilnahm, was allgemein mit Befriedigung begrüßt wurde. Die Herren Weiß und Kauders wurden zur Thora gerufen und ließen sich einen Mischeberach machen. Als jedoch der Cantor bei der Nennung des Spendenbetrages und des Widmungszweckes angelangt war, wurde ihm von den Aufgerufenen ein Zettel überreicht, von welchem er herunterlas, dass die Spende nur dann auszubezahlen ist, wenn die von der Cultusgemeiude in Aussicht gestellten Aenderungen im Tempelvereine Platz gegriffen haben werden. Alles war verblüfft über diese höchst unziemliche Form einer Spende an heiligem Orte, doch glücklicher Weise kam es trotz der allgemeinen Erregung der Anhänger des gegenwärtigen Vorstandes, gegen welchen die Spendenclausel gerichtet war, zu keiner Störung des Gottesdienstes. Nach Beendigung desselben hielt aber der Vorstand eine Sitzung ab, in welcher beschlossen wurde, „dass derart bedingte Spenden, wie sie die Herren Leopold Weiß und Sigmund Kauders zugesagt haben, vom Vorstande zurückgewiesen und auch fernerhin nicht angenommen werden, da solche Spenden bis heute noch im Aus stände und unbeglichen sind." Da ein friedliches Zusammengehen mit der Gegenpartei nach diesem Vorfälle unmöglich ist, die Cultusgemeinde aber die vom Vereine angesuchte Und für seine Existenz nothwendige Subvention nur unter der Bedingung? der Einigung beider Parteien bewilligt hat, sieht sich der gegenwärtige Vereinsvorstand zur Auflöung des Bethausvereines gezwungen. Die Schuld trifft in erster Reihe die Herren Kauders und Weiß, die abgesehen von allem anderen in den Gotltesdienst am heiligen Neujahrsfeste die Khillestreitigkeiten hineingezerrt haben, was jeder aufrichtige Jude unbedingt verurtheilen wird. Vielleicht wird dieser Vorfall den Cultusvorstand veranlassen, dem gegenwärtigen Vereinsvorstand ein größeres Entgegenkommen zu beweisen. Orthodoren-Organisation in Wien. Bei dem allseitigen Bestreben nach Organisation und Vereinigung zusammengehöriger Elemente vermisst man bis nun eiue Organisation der strenggläubigen Inden. Die Zahl jener Juden in Wien, die in ihrer Lebensweise das jüdische Leben beobachten, ist groß, noch größer die Zahl derer, die in ihrem Hause und in den cuktuellen Einrichtungen, die sie benützen, die althergebrachte Weise geübt sehen wollen. Seil 50 Jahren sind wiederholt Versuche gemacht worden, die über ganz Wien zerstreuten Anhänger der orthodoxen Richtung zu sammeln, was aber stets nur für den Rahmen eines kleinen Bethauses gelang. Der große Zuwachs der jüdischen Bevölkerung, der auch die Orthodoxen zu einer Zahl erhöhte, die die Seelenzahl jeder deutsch-österr. Judengemeinde weit überragt, zwingt die O r t h o d o xe n, die zersplitterten Kräfte z u s a m m e l n, um vereint die Religiosität zu erhalten, zu fördern und die Möglichkeit zu schaffen, dass alle Jene, die streng nach jüdischem Gesetze leben wollen, die entsprechenden Anstalten vorsinden. Dieses Ziel ist nur zu erreichen, wenn jeder strenggläubige I u d e d e m „VereinezurWahruugder Interessen des orthodoxen Judenthums in Wien und Nied er-Oe sie r reich" beit ritt. Dieser Verein will die für das streng jüdische Leben erforderlichen Institutionen in der S e l b st Verwaltung d e r Orthodoxen, die allein Sinn und Verständnis dafür haben, errichten und überhaupt die orthodoxen Interessen vertreten. Seine hervorragendsten Zwecke sind: Errichtung von Religionsschulen, Fleischbänken, Mikwaus, Stellenvermittlung für Jene, die Samstag nicht arbeiten wollen, Herausgabe von Schriften, die das echte Judenthum in seiner Hoheit bekannt machen und dessen Angreifer widerlegen, Abhaltung von Vorträgen, in denen der Geist des Judenthums gelehrt wird. Zur Erreichung dieser Zwecke ist die geistige und materielle Mitwirkung aller Jener nöthig, die diese Ziele würdigen, und sollte jeder orthodoxe Jude diesem Vereine beitreten. Ein Orthodoxer. verschiedene Nachrichten. Wien. Der erste Gottesdienst des Vereines „Tefilas-Hanorim", welcher den löblichen Zweck verfolgt, Schulkindern und Lehrlingen armer Eltern am Rosch-Haschonoh uud Jomkippur einen unentgeltlichen Gottesdienst zu bieten, ist brillant ausgefallen. Ordnung, Ruhe und Andacht waren so musterhaft, dass manche Erwachsene, die ein Gotteshaus besuchen, nach dieser Richtung von der hier versammelten Jugend etwas hätten lernen können. Jeder Einzelne hatte sein Machsor vor sich uud betete andächtig und von J/28 Uhr Früh bis 2/412 Uhr harrten die jungen Leute ununterbrochen aus.ßDas Schacharisgebet wurde von Herrn Religionslehrer Rindskopf vorgetragen. Beim Ausheben der Thora sang ein kleiner wohlgeschulter Chor das Adonai-Adonai, und Cantor L. Münz, ein Schüler des Obercantor Bauer, wirkte mit seiner wohlkingenden Stimme erhebend aus die jugendlichen Herzen. Nachdem Herr Dr. Huß, der | aus dem Stadttempel bekannte Jugendprediger beim Sabbathg ottesdienste für Mittelschüler, das Festgebet vor der Bundeslade vorgetragen hatte, wurden zwei Thorarollen ausgehoben und an zwei Schulknaben übergeben, welche sie unter Vorantritt eines Ordners durch die Reihen der Betenden trugen, während der Chor das Lecho Adonai hagdulo sang. Alles drängte sich zur Thora, um sie zu berühren und zu küsien. Besonders erwähnenswerth 'ist, dass ein 14jähriger Knabe, der Sohn des Schammes von der Schönlatern-Schule, Herrn Löwy, die Vorlesung auS der Thora zum Entzücken s aller Zuhörer besorgte. Auch wurden drei Schüler zur Thora aufgerufen. Nach dem Einheben hielt Herr Dr. Huß eine ausgezeichnete Predigt, in welcher er die Jugend ermahnte, die Jugendzeit mit nützlichen Dingen, vor allem mit der Bereicherung ihres Wissens auszusüllen. Nach dem schönen Verlaufe