Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 37 (20.9.1901)
- Date
- 1901-09-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 37. Oie Wahrheit. seile 5. freiheit, Redefreiheit und Glaubensfreiheit fo erglühlt wie jeder aufrichtige Sohn Israels. Die echten und rechten Vorkämpfer für Freiheit, sagen unsere Weisen, sind diejenigen, miseheoskin batauroh, die ihre Zeit und Kraft ausschließlich dem Studium der religiösen Wissenschaft widmen. Allein trotz meiner Freiheitsliebe kann ich es doch nicht unterlassen, die Wahrheit laut und vernehmlich zu verkünden, und wahr ist es, dass wir lange nicht die innige ungetrübte Herzensfreude empfinden, die unsere Väter, besonders am Sabbath und an den Festen im Kreise ihrer Angehörigen empfunden haben. Die Hand aufs Herz! Empfindet der moderne Jude, selbst der höchstgestellte und angesehenste draußen in der großen Gesellschaft die innige, wahre, ungetrübte Freude, die unsere Väter im Ghetto empfunden haben? Kommt man ihm nicht trotz aller Liebenswürdigkeit nnd Ehrerbietung kühl bis ans Herz hinan entgegen? Lässt man es ihn nicht oft fühlen, dass man ihn nur äußerlich achte? Muss es ihm, wenn er nur einigermaßen noch jüdisch fühlt, nicht die Schamröthe in die Wangen treiben, so man ihm sagt: Du bist eine Ausnahme, wären alle Deine Glaubens- und Stammesgenossen so wie Du, so würden wir sie nicht verachten. Und da will man behaupten, dass wir glücklicher sind, als unsere Väter es waren? Nein und abermals nein! Wir empfinden lange nicht die ungetrübte Herzensfreude, die unsere Väter an ihren Sabbathen und Festen empfunden haben. Und warum nicht? Ist denn das Judenthum nur im Drucke glücklich? Nun dieses Näthsel zu lösen, soll die Aufgabe dieser Zeilen sein. Die Freude, die der Jude früherer Zeit empfand, war mehr eine höhere, ideale, weniger eine materielle, sinnliche. Der alte Jude freute sich in Gott und mit Gott. Der Glaube an das Dasein Gottes hatte feste Wurzel in seinem Herzen gefasst. Wenn er täglich ausgerufen : Ich glaube fest und unerschütterlich, dass Gott der Schöpfer und Erhalter des Weltalls ist; ich glaube fest und unerschütterlich, dass die Thora kein Product des menschlichen, sondern des göttlichen Geistes ist; ich glaube fest und unerschütterlich an Gottes gerechte Weltregierung, dass er belohnt und bestraft nach Verdienst und Gebühr, so waren dies keine leeren Phrasen, sondern Worte der tiefsten und innersten Ueberzeugung. Und weil der alte Jude fest an Gott glaubte, so war er auch dem Glauben der Väter mit allen Fasern seines Lebens treuanhäaglich nnd bestrebt, das Wort Gottes, das ihm heilig war, die Thorll, die religiösen Satzungen und Vorschriften streng zu beobachten. Seine ganze Lebensweise war eine religiöse, und daher zeichnete er sich durch Fleiß, Arbeitsamkeit, Mäßigkeit, Nüchternheit, Bescheidenheit, Anspruchslosigkeit, Ehrlichkeit, Redlichkeit, Herzensgüte und sonstige Tugenden aus. Vor Allem war er arbeitssam, weil nach der Lehre des Judenthums die Arbeit der höchste Beruf des Menschen ist. „Sechs Tage sollst Du arbeiten", heißt es im Dekalog. Der Mensch ist nicht berufen, einen beschaulichen Lebenswandel zu führen, dem Müßigang zu fröhnen, sondern im Schweiße seines Angesichtes sich sein Brod zu verdienen. Ueberdies wurde dem Juden der Kampf um das Dasein um so mehr erschwert, als er in Folge der für ihn erlassenen Ausnahmsgesetze, die ihm alle zur Erreichung eines anständigen Erwerbes führenden Wege unzugänglich machten, blos auf den Handel angewiesen war. Allerdings war es den Juden schon im Vormärz gestattet, Fabriken zu errichten, allein von dieser Begünstigung konnten nur die reichbegüterten Leute Gebrauch machen, während die Masse zum Handel ihre Zuflucht zu nehmen genöthigt war. Außer einigen Wolle-, Getreide- und Lederhändlern — an Professionisten gab es nur Schneider und Schuhmacher — ernährten sich die meisten Juden in der „Gasse" vom Schnittwaarenhaudel. Und von diesem Schnittwaarenhändlern waren die meisten Hausirer, die man gewöhnlich „Dorfgeher" nannte. Jeder Dorfgeher hatte iu der Regel sein bestimmtes Dorf, in welchem er die ganze Woche hindurch hausirte und sich aus religiösen Gründen blos von Brod, Käse, Butter, Eiern und Bier erhielt. Und welchen Leiden und Widerwärtigkeiten war er da draußen jo oft preisgegeben, welche Demüthigungen musste er sich gefallen lassen I Und warum'? Etwa seiner Unredlichkeit wegen, wie von den Gegnern des Judeuthums behauptet wird? Ach, diese Behauptung ist ebenso falsch, wie all die hämischen Behauptungen und boshaften Vorwürfe unserer Feinde. Es mag wohl hie und da vorgekommen sein, dass einzelne Dorfgeher sich durch unredliches Gebühren den Hass der Bevölkerung zugezogen haben, dies waren aber keine religiösen, sondern gottlose Juden, die zu den Ausnahmen gehörten, und Ausnahmen hat es ja überall und zu allen Zeiten gegeben. Im Allgemeinen aber waren die Juden fromm und religiös, nnd als solche mussten sie sich durch Ehrlichkeit und Redlichkeil auszeichnen. Jeder religiöse Jude war gewissenhaft und redlich, weil sowohl in der Thora als im Talmud jede Art Uebervortheilung im Kaufe und Verkaufe auf das entschiedenste verpönt und als strafbare Handlung verurtheilt wird. „So ihr einer dem anderen etwas verkaufet oder einer von dem anderen etwas kaufet, so dürft ihr einander nickt übervortheilen." (3. B. M. 25.) Dieses biblische Verbot wird im Talmud dahin erklärt, dass das Verkaufen eines Gegenstandes um einen unmächtlg hohen Preis schon eine Uebervortheilung sei. (B. Me;. 51.) Selbst durch Worte soll man es nicht wagen, im Geschäfte einen Juden oder Nichtjnden zu täuschen. (Chul. 94.) Wer einem zum Verkaufe bestimmten Gegenstände einen täuschenden Glanz gibt, um ihn dadurch leichter an den Mann bringen zu können, verdient als Betrüger gebrandmarkt zn werden. (B. Mez. 60.) Ter Käufer darf überhaupt nicht durch Verheimlichung irgend eines an dem zu verkaufenden Gegenstände haftenden Fehler getäuscht werden. (Maim., H. Mech. 18.) Maimonides lehrt ferner»: Es ist strengstens verboten. Jemanden, sei er Jude oder Nichtjude, zu täuschen, zu belügen, oder ihn durch falsche Verrechnung zu übervortheilen, denn es heißt in der Thora: wechischew im konehu, man muss mit dem Käufer streng, gewissenhaft und redlich abrechnen. (Hilch. Genewa 17. 8.) Von den zahlreichen Beispielen der Redlichkeit und Gewissenhaftigkeit, die sich im Talmud finden, mögen einige hier angeführt werden. R. Safra, ein hervorragender Lehrer der talmudischen Zeit, besaß einen Edelstein, den er zu veräußern beabsichtigte- Da kamen einige Kaufleute und boten ihm fünf Münzen für denselben an. Da er jedoch zehn Münzen verlangte, so unter» blieb vorläufig das Geschäft. Bald nach ihrem Weggehen fasste R. Safra den Entschluss, den Edelstein jenen Kaufleuten für fünf Münzen zu überlassen. Am anderen Morgen besuchten die Kaufleute abermals den frommen Rabbi, als er gerade sein - Gebet andachtsvoll verrichtete. „Nun, wie habt Ihr Euch ent- } schlossen, seid Ihr geneigt, das Geschäft zu machen?" war die! erste Frage der Kaufleute. R. Safra schwieg. „Gut", riesen! sie ihm zu, „Ihr braucht uns nicht zu grollen, wir geben Euch noch zwei Münzen zu." R. Safra aber schwieg noch immer. „Wenn Ihr nicht wollt, so geben wir Euch die verlangten zehn." Kaum aber hatte der fromme Rabbi sein Gebet beendet, als er seine Gäste freundlichst begrüßte und ihnen zurief: „Meine Herren, ich war, wie Ihr gesehen habet, im Gebete vertieft, daher wollte ich mich nicht unterbrechen. Was nun das Geschäft betrifft, so habe ich mich bereits gestern, bald nach Euerem Fortgehen, entschlossen, Euren mir gebotenen Preis anzunehmen,! weshalb ich nicht mehr als fünf Münzen für den Edelstein i nehmen darf." (Macc. 24. B. B. 88.) R. Giddel hatte seit langer Zeit mit einem Grundbesitzer wegen Ankaufes eines Grundstückes unterhandelt. Allein bevor es zum Abschluss des Geschäftes kam, hatte R. Abba dieses Grundstück käuflich an sich gebracht. R. Giddel, darüber tief gekränkt, klagte sein Leid seinen Freunden. Diese riethen ihm zu schweigen bis zum nächsten Feste, da sie alle bei den religiösen Vorträgen versammelt sein würden. Bald nach der Eröffnung der ersten Sitzung wurde dem großen und allgemein verehrten Lehrer Rabbi Abba folgende Frage zur Entscheidung vorgelegt: Ist derjenige, der einem armen Menschen die Gele-