Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 37 (20.9.1901)
- Date
- 1901-09-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 37. trachten, dann wird das Paradies auf Erden bald erstehen, die Sonne des Lichtes und Rechtes bald aufgehen, das goldene Zeitalter einer fortgesetzten, immerwährenden „treuga Dei" ehestens anbrechen, und der als Ideal hingestellte gottvolle Zustand der socialen Völkerverbrüderung in der „eivitao Osi" im religiös-ethischen S t a a t e n b u n d e, als Abglanz und Abbild des himml ischen ewigen Lebens, zur Wahrheit und Wirklichkeit werden! S. G—n. Die Nechtsverhiiltniße der Juden''. ui. (Schluß.) Aber wie immer das Urtheil im Einzelnen ausfallen mag, als Gcsammtleiftung ist das Scherer'sche Werk eine achtunggebietende Arbeit von bleibendem Werth, die dem Verfasser zur Ehre gereicht und das weitgehendste Interesse verdient. Eines Vorzuges müssen wir jedoch noch besonders gedenken. Es sollte ja eigentlich bei einem Werke, das darauf Anspruch erhebt, als ernstes, wissenschaftliches zu gelten, und noch dazu bei einem solchen historischen Charakters, als selbstverständlich gelten, dass der Autor sich die Erforschung der Wahrheit, wie sie sich aus dem vorhandenen Quellenmaterial erkennen lässt, angelegen sein lasse und ohne Vorurtheil mit ungetrübter Objektivität sich seiner Ausgabe unterziehe. Aber diese jedem anderen Gegenstände und jedem anderen Volke gegenüber selbstverständliche, weil naturnothwendige Voraussetzung, lassen die Forscher, sowie es sich um Inden und Judeuthum handelt, leider nur allzu oft ver- „lissen. Deshalb muss besonders hervorgehobeu werden,- dass das Scherer'sche Buch diese unerlässliche Forderung unbestechlicher Gerechtigkeit und jenen echt historischen Sinn, der die Erscheinungen aus dem Geist der Zeit heraus erklären und würdigen lehrt, nie vermissen lässt. Darum wird gerade der jüdische Leser dem Verfasser Dank wissen, zumal diese unbefangene objective Betrachtungsweise ihn nicht nur zu einer gerechten Würdigung der handelnden Personen, sondern auch zu einem warm fühlenden Interesse für die Drangsale der Inden leitete, das sich auch im Tone der Darstellung wohlthuend äußert. Ohne im geringsten etwas zu beschönigen oder zu bemänteln, ist es doch dem Verfasser gelungen, ein Bild zu entwerfen, das auch in den Augen des strengsten Beurtheilers, mag er Jude oder Christ sein, sofern er nur von Gerechtigkeit und Wahrheitsliebe durchdrungen ist, die Juden keineswegs in dem Lichte erscheinen lässt, in dem sie gemeinhin dargestellt werden: als ob sie durch ihr Verschulden ihre Leidensgeschichte verdient hätten. Vielmehr erhält man von Staat und Kirche in den „guten alten Zeiten", was ihr Verhalten gegen die Juden betrifft, ein Bild, in welchem die Züge der Menschlichkeit und Gesittung, bis auf geringe Spuren, fehlen. Ein Trost mag es für den Menschenfreund sein, dass kein Volk die Scheußlichkeiten für sich allein reclamiren muss, und eine Befriedigung darf es dem Oesterreicher gewähren, dass verhältnismäßig in den österreichischen Landen die Juden noch glimpstich behandelt wurden, jedenfalls besser als anderwärts, so dass die größeren Freiheiten, die hier den Juden eiugeräumt wurden, vielfach den Juden zum Verderben gereichten, indem sie ihnen berechtigte und unberechtigte Vorwürfe und Beschuldigungen zuzogen. Es wäre verlockend, einen kurzen Ueberblick über die Entwicklung des Judenrechtes in Oesterreich, oder wenigstens einige Bilder aus der Leidenszeit der Juden und von der Stellung, die die Fürsten den Juden gegenüber einnahmen, aus Grund der Scherer'schen Darstellung hier zu geben. Allein wir müssen es uns in diesem Zusammenhang schon mit Rücksicht auf den Raum versagen; vielleicht findet sich dazu noch Gelegenheit. Für- Heute beschränken wir uns daraus, das treffliche Buch allen *) „Beiträge zur Geschichte des Judenrechtes im Mittelalter, mit besonderer Berücksichtigung auf die Länder der österreichisch-ungarischen Monarchie." Von De. I. E. Scherer. Erster Band: „Die Rechtsverhältruße der Juden in den deutsch-österreichischen Ländern." Leipzig. Duncker und Humblot. 1901. 8". Preis 15 Mark. Interessenten, und dazu rechnen wir nicht nur Bibliotheken und Anstalten, sondern unsere Leser in weitesten Kreisen, aus das Wärmste zu empfehlen; denn gute Bücher wollen und sollen gelesen werden. Den Juden mag das zum.Troste gereichen, dass kein Grund vorhanden ist, der Altvorderen, die so vielfach mit ihrem Blute für ihren Glauben Zeugenschast abgelegt, sich zu schämen oder Veröffentlichungen aus den Archiven zu fürchten: wir haben nichts zu verhehlen. Insofern die Acten Unrühmliches künden, fällt auch dies dem unduldsamen Geist der Zeit zur Last, und insoweit Juden — es handelt sich da immer nur um einzelne — schuldig erscheinen, wird diese Schuld reichlich aufgewogeu durch die Ungerechtigkeit, Uumenschlichkeit und oft bestialische-Rohheit, die auf Grund erwiesen lügnerischer Beschuldigungen von den osficiellen Machtfactoren, Staat nud Kirche, oder wenigstens mit ihrer Duldung, begangen wurden. Der Christ mag aus der Lectüre des Buches die Ueberzeugung' schöpfen^ wie falsch die landläufigen Urtheile nud Vorstellungen von Juden und Judenthum seien. Den vornehmen Geist des Verfassers des vorliegenden Buches bekundet der schöne Schlusssatz seines Vorwortes: „Ich habe das vorliegende friedliche Werk, für dessen Vollendung ich Gott aus tiefster Seele danke, aus historischer Perspective, abseheud von den Strömungen und Wirren der Gegenwart, im Dienste der Humanität und der Wahrheit geschrieben: ich übergebe es der Oeffentlichkeit mit dem Wunsche, dass die fortschreitende Cultur des 20. Jahrhunderts, an dessen Schwelle wir stehen, dahin führen möge, dass über der von den Schlacken confessioneller, nationaler, socialer und wirthschaftlicher Voruriheile befreiten Menschheit in unvergänglichem Glanze die strahlende Sonne reinster, edelster Menschenliebe aufgehen und leuchten, und dass endlich die Zeit kommen möge, wo der „Mensch dem Menschen Bruder wird trotz alledem und alledem."' Das walte Gott!* Hoffest wir, dass diese schöne Tendenz, in der das Buch veröffentlicht wurde, nicht der gründlichen Arbeit das Naserümpfen der zünftigen Kritiker „über das tendenziöse Werk" eintrage. Es wäre traurig um die Wahrheit bestellt, wenn man aus ihr nicht die richtige Nutzanwendung für das frisch pulsirende Leben ziehen dürste. Die Festfreude der Inden in früheren Zeiten. Voir Dr. M. H. Friedlände a. Trotz des unsäglich schweren Druckes, unter dem die Juden Jahrhunderte lang seufzten, trotz der Ausnahmsgesetze, die sie tief zu Boden drückten, herrschte doch in den Gemeinden und besonders in den engeren Kreisen der Familie am Sabbathe wie an den hohen Festen innige, ungetrübte Freude, Frohsinn und Zufriedenheit. Liebe, Freundschaft, brüderliche Theilnahme, Gemächlichkeit und Geselligkeit bildeten die schönsten und herrlichsten Blumen in dem Kranze der Tugenden, der die Juden in vormärzlicher Zeit schmückte. Mit dem Momente aber, als die Mauern des Ghetto gefallen und die Strahlen der Sonne der Freiheit auch in die Wohnungen der Söhne Israels zu dringen vermochten, ist die wahre, innige, ungetrübte Freude, und somit auch die Zusriedenheit und das wahrhafte Glück aus Israels Gemeinden und Familien geschwunden. Wie! höre ich erstaunt ausrufen, unsere Väter waren glücklicher als wir? Bildeten sie nicht unausgesetzt den Gegenstand des Hasses und der Verachtung? War es ihnen überhaupt gestattet, ein menschenwürdiges Dasein zu fristen? Dursten sie in die große Gesellschaft kommen? Wurden sie nicht verfolgt und bedrückt, geächtet und geknechtet? — Wie kannst Du also es wagen zu behaupten, dass sie glücklicher gelebt haben als wir? Sollen wir uns etwa nach dem alten Ghetto sehnen und jede Freiheit perhorresciren - Du wirst doch hoffentlich nicht zur Förderung Reaction beitragen wollen? Gewiss nicht! Die Freiheit ist unstreitig das kostbarste Kleinod der, Menschheit im Allgemeinen, und Israels insbesondere. Ich bin für die persönliche Freiheit, für Gedanken-