Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 36 (13.9.1901)
- Date
- 1901-09-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 36. 'X sind." Als berühmte Aerzte verehrt man im Moroenlande neben Lokman dem Weisen, Hippokrates und Galenos, auch die Philosophen Pythagoras und Plato, Sokrates und Aristoteles. Als erster Arzt des Islams und als Patron der moslemischen Aerzte gilt der Kopte Sunun. An ihn knüpfte sich folgende Tradition: Sunun kam als Gesandter des griechischen Statthalters Mokatvkas — oder Apokaukos — zum Propheten und brachte ihm als Geschenke: einen Säbel, genannt Sulfakar, der mit gewirbeltem Rücken; einen Maulesel, namens Duldul; vier egyptische Sclavinen. Mohamed gab den Maulesel dem Ali; von den vier Sclavinen schenkte er eine dem Dichter Hassan, eine dem Ebubekr, eine dem Sobeir; nur die letzte behielt er für sich, sie hieß Marie und wurde die Mutter Jbrahim's. Als Sunun solche Freigebigkeit sah, bekehrte er sich zu Islam. Dieser erste Arzt des Islams lvar also kein geborener Moslem. Auch in den nächsten Jahrhunderten nach Mohamed gab es im Islam fast nur christliche und jüdische Aerzte von Bedeutung. Der arabische Historiker Ghasali Nagte deshalb: „Wie manches mohamedauische Dorf hat nur einen einzigen Arzt, und der ist ein Christ oder ein Jude; und dennoch soll nach den juridischen Grundsätzen das Zeugnis uon Christen und Juden selbst in ärztlichen Angelegenheiten nicht als rechtsgiltig betrachtet werden. Trotzdem sehen wir keinen Moslem sich mit der Arzneikunst befassen, sondern alle stürzen sich gierig auf das Rechtsstudium. Ist dies vielleicht aus dem Grunde so, weil man mit der Arzneikunst keine Verwaltung von Pfründen und Nachlassenschaften erreicht? weil man Waisengelder sich nicht aneignen, die Posten eines Kadi nder eines Statthalters nicht gewinnen kann? weil man mit. dieser Kunst sich nicht über Seinesgleichen erheben, weil man damit seine Feinde nicht niederwerfen kann? Wahrlich die Wissenschaft ist hin, seit Aftergelehrte damit prunken." Die Klage Ghasali's wirkte wohl insofern, als sich fortan auch die Moslems der Medicin zuwandten. Nichtsdestoweniger behaupteten namentlich die Juden ihre gewaltige Stellung im Reiche der Medicin des Islams durch die ganze Epoche des Mittelalters. Um das Jahr 767 lebte am Hofe Manßur's der jüdische Arzt Frat den Schachnasa. Hammer-Purgstall. nennt ihn, in der Litteraturgeschichte der Araber, „einen trefflichen Arzt für seine Zeit" und einen Liebling des großen Gelehrten und Lebrers Tabaduk. Frat ben Schachnasa diente dem Tyrannen El Hadfchadsch ben Jussuf und war Gesellschafter des zum Thronerben Manßur's bestimmten Abbassiden Jsa ben Musa, der ihn ob seines Verstandes bewunderte und ihn auch in allen politischen Angelegenheiten zu Rathe zog. Wenige Jahre später war in Baßra der syrische Jude Maserdscheweih als Arzt berühmt; in einem auf der Wiener Hofbibliothek befindlichen Manuskripte des arabischen Arztes und Historikers Jbn Qffaibije werden von Maserdscheweih köstliche Anekdoten erzählt. Einer der bekanntesten Augenärzte zu Anfang des X. Jahrhunderts war der Jude Jsak Jsraili ben Suleiman Ebu Jakub, kurzweg Jsraili genannt. Er glänzte nicht blos als Arzt, sondern auch als einer der vorzüglichsten medicinischen Schriftsteller seiner Zeit. Er lebte anfangs in Egypten. Der Khalif Siadel Allah schickte ihm eines Tages 500 Goldstücke und ließ ihn um das Jahr 904 nach Cairuan kommen. Durch seine Schlagfertigkeit gewann er noch mehr als durch seine ärztlichen Kenntniße des Khalifen Gunst. Im Jahre 909 trat er in die Dienste des Khalifen Abaid Allah, der die Fatimiden-Dynastie gründete; unter dem Schutze dieses Herrschers, eines begeisterten Freundes der Wissenschaften, entfaltete Jsraili eine epochemachende medicinische Thatigkeit. Er blieb unverheiratet und starb im Alter von 110 Jahren. Als man Jsraili einmal fragte, weshalb ersich nicht vermählt habe, ^ntgegnete er: »Ich habe vier Büchrr geschrieben, die mein Andenken besser erhalten werden als Kinder". Thatsachlich bezeichnete Professor Sprengel in seiner Geschichte der Arzneikund^ den Jsak Jsraili als den vorzüglichsten diätetischen Schriffsteller unter den Arabern und sagt von seiner Schrift „de diaetica“: sie sei die ausführlichste und gründlichste, die über diesen Gegenstand bei den Arabern erschien, und sie könne noch für unsere Zeit einen bedeutendes Werth beanspruchen. In einer anderen Schrift „Ueber den Puls der Blutgefäße" unternahm Jsraili einen Versuche Probleme zu lösen, die erst in der neuern Zeit befriedigend enthüllt wurden. Jsraili erzog zahlreiche Schüler; unter ihnen war der Hervorrageneste Dunasch ben Tamim, der seinem Lehrer als Leibarzt beim Khalifen folgte. Wie Jsraili, blieb auch Dunasch seiner Religion bis zum Ende seines Lebens treu. Eine andere Berühmtheit war der Arzt und Schriftsteller Afranim, der eine Bibliothek von 30.000 Manuscripten besaß. Der Dichter Juda Charisi fand auf seiner Reise im Orient in Damaskus einen Arzt, den er enthusiastisch besang: „Der Vorzüglichste der Großen, das Haupt der Edlen, die Krone der Gemeinden ist der große Arzt Mose ben Zadaka, die Säule der Frommen, eine feste Burg der Inden, der sich in den Riss stellte für sein Volk. Seinesgleichen ist nicht im Lande, und schweige ich von seinem Lobe, so würden seine Thaten ihn rühmen, seine Werke für ihn zeugen. Wie vielen Unglücklichen hat er Hilfe verliehen, wie viele Nothleidende gesättigt, wie viele Kranke, die dem Tode sonst anheimgesallen wären." Nach Ansicht Steinschneider's ist Mose ben Zadaka identisch mit dem berühmten Jmram ben Zadaka, dem Lehrer des arabischen Geschichtsschreibers Jbn Ossaibije; wie Letzerer erzählt, bedienten sich viele Könige und Fürsten der Heilmittel Zadaka's. Das Wirken des großen Maimouides oder Rambam ist genugsam bekannt; in Beruf und Amt eines Leibarztes des egyptischen Sultans folgte ihm sein Sohn Abraham. Von dem jüdischen Arzte Abur Manßur Samuel, in dessen Hause der Dichter Juda Halewi bei seiner Reise nach dem heiligen Lande drei Monate verweilte, erzählt eine Ankedote: Einer der letzten fatimidische Khalifen von Egypten wollte sich seines nngerathenen Sohnes Hassan entledigen; er berief seinen jüdischen Leibarzt Abu Manßur Samuel und befahl ihm den Prinzen aus der Welt zu schaffen. Abu Manßur Samuel aber sagte: „Ich verstehe mich nur auf unschädliche Mittel, Kornwasser und ähnliche Dinge." Darauf rief der Khalife einen arabischen Arzt und der vollführte sofort den Befehl. Kaum war die That geschehen, so reute sie den Khalifen. Und der arabische Arzt, der so schnell zum Prinzenmord bereit gewesen, wurde verjagt, der jüdische hingegen für seine Standhaftigkeit belohnt. Als Arzt des Sultans Ssalaeddins fungirte zn Ende des XII. Jahrhunderts der Jude Jbn Dschenin Nathaniel, mit seinem langen arabischen Namen genannt Ebul Aaschair Jbn Hebethallah ben Sein ben- Hassan ben Efraim' Der letzte Name ist der seines Ururgroßvaters, der gleichfalls als Arzt berühmt gewesen. Jbn Dschenin war ein großer Gelehrter und Schriftsteller, der sich besonders der reinsten Sprache befleißigte. Seinen Ruhm begründete die Rettung eines Scheintodien, den er als solchen erkannte, als er auf der Bahre vorbeigetragen wurde; er erhielt den Beinamen „der Fürst." En anderer Nathaniel, mit dem vollen arabischen Namen: Ebulberekat Hebetallah ben Ali ben Melka el Beldi, und mit den Beinamen „der einzige seiner Zeit", lebte um die Mitte des XII. Jahrhunderts. Er schrieb einen Kommentar zu dem Buche Kohelet, welcher noch jetzt als ein Meisterstück der hebräischen Sprache und Philosophie ist. Er verfasste ferner ein Werk betitelt: Motebier, das Geachtetete, worin er Mathematisches, Logisches und Naturhistorisches zusammentrug; Hammer-Purgstall nennt dieses Werk eines der schönsten Bücher, dass die ganze Philosophie umfasst. So oft ein Seldschuken-Sultan krank wurde, berief man zu ihm den „Einzigen seiner Zeit" aus Bagdad, und er heilte immer und kehrte reich beschenkt heim. Seine Kollegen neideten ihm sein Glück, und Jbn Eflah machte auf ihn eine Satire: Unser jüdischer Doctor ist so dumm, Beffer wäre es, er wäre stumm. Doch er bellet, wie der Hund am Miste, Hätt' er, ach, verlassen nie die Wüste. (Schluss folgt.)