Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1901-09-13 · Heft 36 (13.9.1901) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 36 (13.9.1901)
Date
1901-09-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3063062-3063098--01537-3068136
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr 36. Die Wahrheit. Seite 5. lassen, und nun schlug ich es ihm aus und zeigte, dass er in den ersten Grundsätzen irre. Da war er vor der ganzen Versammlung beschämt und gieng betrübten Herzens, nachdem es bereits Abend geworden war, nach Hause. Ich aber fürchtete mich, mehr als vor ihm, vor der großen Anzahl der anwesenden Mohamedaner, die als die Herrscher über uns, Groll gegen mich hegen möchten; da ließ mich der erwähnte Vornehme durch mehrere Leute nach Hause begleiten, und so erlangte ich in Egypten großen Ruf. Ali aber war wahrlich kein unwissender ' Mann, vielmehr wirst Du aus seinen Fragen und geschickten; Auflösungen ersehen, dass er sehr gelehrt war. Ich gieng auch s später zu ihm, und demüthig sagte ich zu ihm, es sei bloß ein! Jrrthum von ihm gewesen, ich wüsste aber sehr wohl, dass er I großen Scharfsinn besitze, und er möge mich als einen seiner! Schüler betrachten; da wurde auch er mir freundlich gesinnt, ehrte mich öffentlich und machte mir ansehnliche Geschenke." (G. Delmedigo S. 10). Von Kairo reiste Delmedigo nach Constantinopel, wo er sich mit koraitischen Gelehrten befreundete und in ihre Schriften vertiefte. Von da wauderte er, anstatt nach Palästina, wie er \ anfangs beabsichtigte, über die Walachei und Moldau nach; Polen. Hier, wo die Menschheit noch auf sehr niedriger Stufe > der Cultnr und Bildung stand, sah er sich, um sich erhalten zu j können, genöthigt, von seiner Kenntnis der Arzueikunde Gebrauch! zu machen. Als rationeller Arzt erfreute er sich bald einer aus-! gebreiteten Praxis, und wurde später gar von dem Fürsten Radziwil bei Wilna zum Leibarzt eruaunt. Seinen Aufenthalt daselbst schilderte er in folgender Weife: „Ich habe Dir oft gesagt, dass ich Jahre hindurch, welche ich in Russland, Polen, und Lithaueu zubrachte, keine Woche ruhig verlebte, da ich von einem Orte zum anderen wandern musste, um Kranke zu heilen; die Fürsten und Edelleute wohnen dort nicht in großen Städten, sondern in Dörfern, wegen der großen Anzahl der Leibeigenen und Pferden die einen großen Aufwand erfordern würden. Wenn ich nun so im Wagen saß. auf dem Wege durch Wälder, allein mit meinen und der Edelleute Dienern, konnte ich mit Niemandem sprechen, da das gemeine Volk ohne jede gesellige Sitte ist, und unwissend in jeder Beziehung; da saß ich daun still und in mich gekehrt, über mancherlei nachdeukend, und so kam mir mancher gute Gedanke, den ich des Abends, sobald ich in die Herberge kam, kurz aufzeichnete, und wenn ich wieder zu Hause ankam, suchte ich in Büchern nach, um den Gegenstand zu läutern und durch Beweise zu vervollständigen, was ich mir dann auch nur kurz mit Verweisung auf andere Schriftsteller anmerkte, mit dem Vorsatze, diese Notizen später gehötig zu reinigen und zu ordnen." (Belinson S. 22, Geiger ibid.). Schaarenweise strömten wissbegierige Jünger sowohl Karaiten als Rabbaniten zu ihm, um in seinen Mußestunden in den verschiedenen Fächern der Wissenschaften von ihm belehn zu werden. Der am meisten von ihm begünstigte Schüler war Moses Metz. Dieser war unablässig bestrebt, für feinen Lehrer, den er hoch verehrte, überall Propaganda zu machen und ihn als einen der größten Männer seiner Zeit zu schildern. Alles war begierig den großen Gelehrten kennen zu lernen, und viele, denen es nicht gegönnt war ihn persönlich sprechen zu können, wandten sich brieflich an ihn, um von ihm, dem alle Pforten der Wissenschaften erschlossen waren, belehrt zu werden. Am interessantesten ist die Correspondenz, die er mit dem Karäer Serach b. Nathan aus Troki unterhielt. Diesem reich begüterteu aber wenig begabten Karäer gegenüber äußerte er sich in abfälliger Weise über die Kabbala und ihre Verehrer, obwohl er selber später sich genöthigt sah, für diese eine Schutzschrift auszuarbeiten. Trotz der nicht unbedeutenden ärztlichen Praxis, deren er sich in Polen erfreute, sah er sich denn doch genöthigt, nach wenigen Jahren seines dortigen Aufeuthaltes dieses Land zu verlassen und nach Deutschland auszuwandern. Anfangs wählte er Hamburg zu seinem Domicil, wo er einige Zeit als Prediger wirkte. Um die von Polen aus über ihn verbreiteten Gerüchte, als hätte er sich dort als Ketzer manifestiert, Lügen strafen zu können, fand er es für angemessen, eine Apologie der Kabbala unter dem Titel »Nerarek lachachina14 zu schreiben. Als jedoch bald darauf in der Elbestadt die Pest furchtbar grassierte, verließ er dieselbe und verfügte sich vorläufig nach Glückstadt. Hier wo er, wie er sich selber ausdrückte — weder eine Stadt noch Glück gesunden — konnte er trotz seiner vielseitigen Bildung sich keine Existenz gründen, daher er auch bald diese verlassen und sich nach Amsterdam begeben hatte. In dieser Gemeinde, wo Uriel da Costa und Spinoza ihrer destruktiven, das Judenthum in seinen Grundfesten gewaltig erschütternden Ansichten wegen verketzert wurden, fand er trotz seiner philosophischen und medieinischen Kenutniße als Rabbiner und Prediger Anstellung. Seine unbeschreibliche Wanderlust ließ ihn aber auch hier nicht lange ruhen, und er verfügte sich nach einiger Zeit von da nach Frankfurt a. M. In dieser Stadt wirkte er segensreich einige Jahre als Gemeindearzt, bis er endlich nach Prag übersiedelte, wo er bis zu seinem am 16. October 1665 erfolgten Tode verblieb Von feinen zahlreichen Schriften find bloß „Elim", „Magon Gannim", „Mezaref lachachma", „Nobloth chachma", „Jgerot achus" durch den Druck veröffentlicht worden. Zu den hervorragendsten Zeitgenossen Delmedigos gehörte der edle und biedere Simon Luzatto, der gleichzeitig mit Leon Modena Mitglied des Rabbinatscollegiums zu Venedig war. Ein nicht zu unterschätzeudes Verdienst erwarb sich Simon Luzatto durch seine Verteidigungsschrift für das Judeuthum, die er unter dem Titel „Abhandlung über den Stand der Hebräer" (Diseorsa circa il srato degli Hebirei, Venedig 1638) veröffentlicht hatte. Jüdische Äerzte am Sultanshofe.^ Ein rundes Hundert beträgt die Zahl der berühmten osmauischen Hofärzte seit dem fünfhundertjährigen Bestände des Türkenreiches in Europa. Unter diesen Hundert nennt die Geschichte zahlreiche Juden. Dass die türkischen Sultane sich sc^ häufig jüdische Leibärzte erwählten, ist nicht verwunderlich, wenn mau sich in Erinnerung ruft, welche bedeutende Rolle jüdische Aerzte schon an den Höfen der arabischen und egyptischen Khalifen und im moslemischen Spanien gespielt haben. Die Lehrmeister der Wissenschaften waren im Orient bekanntlich die Griechen. Sie brachten den Arabern über Egypten und Persien die Kenntniße der gelehrten Heilkunde; sie vermittelten den Völkern des Islams die Bekanntschaft mit den Werken der Aerzte des Alterthums; sie übersetzten in die Sprachen des Morgenlandes die Bücher des Asklepiaden Hippokrates von Kos, des Vaters der Heilkunde, die fünf Bücher äs niateria mediea des Pedanios Dioskorides aus Anazarbos in Kilikien, sowie einen Theil der 250 Schriften des Claudius Galeuos aus Pergamon, welcher durch ein Jahrtausend und mehr der Musterarzt und Meisterlehrer für Abendland und Morgenland blieb. Unter dem Sasfanidenherrscher Chosrew Anoscharwan wurde im V. Jahrhundert »in Gondeschapur oder Dschondesabur in Chustistan eine Akademie für griechische Philosophie und Heilkunde gegründet; die letztere erhielt in großen Krankenanstalten durch praktische Ucbungen Unterstützung. Die Aerzte dieser Akademie waren im Sassanidenreich weit und breit berühmt ob ihrer Geschicklichkeit und ihres Wissens. Mitten im persischen Gebiete, fern allen abendländischen, römischen und byzantinischen Zentren, haben die Lehrer und Schüler der Akademie von Gondeschapur durch Jahrhunderte die Schätze ihrer Wissenschaft gehütet und gemehrt. Die Mohamedaner wollten anfangs von der Heilkunde gar nichts wissen. Sadi erzählt im Gülistan: Ein Perserkönig sandte dem Propheten einen Arzt, der fand aber keine Praxis, weil ihm Mohamed sagte: „Die Araber brauchen keine Aerzte, denn sie sind mäßig und essen nur, wenn sie hungrig *) „Jüdische Aerzte am Sultanshofe'* von Dr. Bernhard Stern. S. „Pest. Lloyd" vom 26. August.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.