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Die Wahrheit · 1901-09-13 · Heft 36 (13.9.1901) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 36 (13.9.1901)
Date
1901-09-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Nr. 36. Die Wahrheit. darauf, wie der Titel des Werkes besagt, eine Darlegung der Rechtsverhältniße zu geben und damit Beitrage zur Geschichte des Judenrechtes im Mittelalter zu liefern, sondern indem er Pets auch die Wirkung des Rechtszustandes auf die Geschicke der Juden darstellt, ist sein Werk mehr als das, es ist in gewissem Sinne eine Geschichte der Juden und der Judenniederlassungen in Oesterreich, genauer gesagt, eine grundlegende Arbeit für eine quellenmäßig bearbeitete Geschichte der Juden in Oesterreich, die noch aussteht. Scherer hat mit seiner wertvollen Arbeit das solide Fundament gelegt, auf dem sich diese aufbauen kann. Die Aufgabe, die der Verfasser sich gestellt hat, erfordert «ine Sumu'.e von Kenntnißen, die nicht leicht vereint zu finden sind: -aber in jeder Hinsicht, mag man nun die juristische, historische oder dipolomatische der Seil e Arbeit in Betracht ziehen, steht Dr. Scherer auf der Höhe seiner Aufgabe. Der Werth des Buches wird aber dadurch noch erhöht, dass hier zum ersteumale der Versuch unternommen wird, »eine Darstellung der Rechtsverhältniße der Schicksale und Drangsale der Juden in den Ländern der österreichisch-ungarischen Monarchie während des Mittelalters aus Grund der vorhandenen Litteratur sowie an der Hand ungedruckter Urkunden zu geben." Von den Schwierigkeiten, die einem solchen Unternehmen entgegenstehen, spricht der Verfasser selbst: es sind dies der Umfang des zu überwältigenden Materials, -das obendrein so zerstreut und so schwer zugänglich ist, Lass eine vollständige Verwerthung desselben ein für «inen Einzelnen kaum erreichbares Ziel ist, sowie das vollkommene Fehlen von Vorarbeiten bezüglich einzelner Länder und bezüglich der meisten bei der Erläuterung der Judengesetze in Betracht kommenden Rechtsinstitutionen, so dass Ler Verfasser sich erst die Grundlage schaffen und sein eigenes Urtheil bilden musste. Wie ernst und gewissenhaft Dr. Scherer dabei zu Werke ging, davon zeugt fast jede Seite seines Buches. Mit außerordentlichem Fleiß ist die weitschichtige Litteratur cherangezogen und benützt worden, u. z. nicht nur die leichter -zugängliche in den weltlichen Sprachen, sondern auch jene in Hebräischer. Hat er auch die letztere wohl zumeist iudirect benützt, so bewährt sich doch der Verfasser auch in der Verwerthung dieser Zeugniße als selbstständiger Forschers Bei der Schilderung der geschichtlichen. Ereigniße befolgt «r zumeist die synchronistische Methode; bei der Besprechung der -einzelnen Gesetze geht er vergleichend vor und gibt zu jedem «inen kurzen Eommentar unter steter Bedachtnahme auf die übrige österreichisch-ungarische und aus die außerösterreichische Gesetzgebung, sowie, wo es das Verständnis erforderte und soweit es der Raum zuließ, auch auf das mosaisch-talmudische, das römische und cauonische Recht. Bei den Citaten aus dem Talmud wurden die Werke von Fasset, Saalschütz, Hamburger u. A. benützt; wichtigere Stellen ließ sich der Verfasser — er ist Secretär der deutschen Universität in Prag — von in Prag lebenden Talmudisten übersetzen. Eingehende Sachkenntnis, vollste Beherrschung des Stoffes, klare und durchaus sachliche Darstellung, endlich unbefangene und streng methodische Kritik sind die Vorzüge des Werkes, die auch durch etwaige Einwendungen im Einzelnen, zu denen in strittigen Fragen der Fachmann sich veranlasst sehen könnte, nicht erschüttert werden können. Denn obwohl das Buch das Ergebnis gründlicher Studien ist — dass der Verfasser auf diesem Gebiete wohlbewandert ist, hat er schon vor Jahren durch seinen Artikel über die Verwaltung der Judengemeinden im Mischler'schen Handbuch bewiesen — ist es doch begreiflich, dass ein in allem Wesentlichen ohne Vorarbeiten unternommenes Werk nicht auf den ersten Wurf in allen Einzelheiten gelingen kann. Wo gäbe es übrigens ein umfangreiches, zum Theil aus unsicherem und mangelhaftem Urkundeumaterial ausgebautes Weik, das zu Einwendungen und Vorbehalten nicht Anlass gäbe! (Schluss folgt.) - Leon Modena und Loses Salomo Delmedigo. Von Dr. M. Friedl änder-Pisek. (Schluß.) Eine in vieler Beziehung dem Modena ähnliche Gestalt war Josef Salomo Delmedigo (geb. 1591 gest. 1665). Auf der Insel Candia oder Kreta hatte Josef Salomo Delmedigo am 16. Juni 1591 das Licht der Welt erblickt. Sein Vater Eliah, der in Candia das Amt einers Rabbiners bekleidete, war frühzeitig bemüht, ihm, dem hochbegabten Sohne, eine treffliche Erziehung angedeihen zu lassen. Er selbst legte Hand ans Werk und unterrichtete ihn in der talmudisch-rabbinischen Literatur, während er ihn von gediegenen Fachmännern in der griechischen, lateinischen, italienischen und spanischeil Sprache Unterricht ertheilen ließ. Nachdem Josef in diesen Sprachen, wie in den mannigfachen Fächern der Wissenschaften riesige Fortschritte gemacht, bezog er in seinem fünfzehnten Lebensjahre die Hochschule zu Padua, wo er mit Fleiß und Eifer das Studium der Logik, der Philosophie, Mathematik, Astronomie und Medicin betrieb. Der berühmte Astronom und Mathematiker Galilei war sein Lehrer. In Padua fand er oft Gelegenheit, einen Ausflug nach Venedig zu machen, wo er mit Leon Modena, der ihn lieb gewann, dem Antikabbalisten Joses Samijah und dem gründlichen Kenner der Philosophie Aron b. Abraham b. Samuel ibn Chajim fleißig in Berührung kam. Nach Beendigung seiner Universitätsstudien kehrte er 1613 in die Heimath zurück, wo er sich bald verheiratete. Sein Wiffeudurst war so groß, dass er weder Mühe noch Opfer scheute, um sich recht viele Bücher anschaffen zu können. Seine Bibliothek, die mehr als ^zehntausend Gulden gekostet hatte, soll über 7000 Werke enthalten haben. Da ihm die Frau frühzeitig starb und überdies seine philosophischen Ansichten in Candia verketzert wurden, sah er sich veranlasst seine Heimat zu verlassen. Ungefähr 1616 griff er zum Wanderstabe und gieng nach Egypten. In Kairo haben seine mathematischen Kenntniße ungewöhnliche Sensation erregt. Er hatte nämlich dort Gelegenheit gefunden, mit einem berühmten arabischen Mathematiker Namens Ali Ibn Rachmadan, der daselbst als öffentlicher Lehrer fungierte, in Berührung jzu kommen, der ihn herausforderte, mit ihm öffentlich Disputationen zu halten. „Als ich hin kam", so erzählt Delmedigo, »wollte er mich mit verwickelten und schwierigen mathematischen Fragen prüfen; ich aber wich ihm aus, denn während er in seinem Hause bei seinen Studien saß, war ich umhergeworfen und von Büchern entblößt. Allein er drang in mich fehr, so dass ich an einem Tage mit ihm zusammen kommen musste, wo ein Jeder dem Anderen je zehn Fragen übergab, deren Auflösung nach Vvlauf von vier Wochen in einer zweiten Zusammenkunft vorgetragen werden sollte. An dem bestimmten Tage fand ich eine zahlreiche Versammlung von vornehmen Mohamedanern, auch Rabbiniten, Karäer und Samaritaner, welche alle begierig waren, den Ausgang dieses gelehrten Streites zu erfahren. Die Streitrichter nun bestimmten, ich solle zuerst seine Fragen schriftlich beantworten und sie ihnen vorlegen, und er soll daun folgen; dies machte mich sehr bange, da ich noch sehr jung war, er aber bereits alt. Aber was ich für schlimm hielt, wandte Gott für mich zum großen Heile. Die erste Frage nämlich, welche er mir aufgegeben hatte, war eine durchaus falsche, wie nicht nur aus dem 32. Lehrsätze im 1. Buche des Euklid hervor, geht, sondern auch aus dem 20. Lehrsätze im 1. Buch des Menelaus, dessen Werk arabisch und hebräisch in Egypten jedem zugänglich ist. Nun glaubte ich anfangs, er habe, eben um mich zu prüfen, mir mit Willen eine falsche Frage gestellt, allein er hatte in der That das Falsche nicht erkannt nnd bekannte dies auch nicht nach meiner Auseinandersetzung, sondern lachte spöttisch und behauptete, die Frage sei vollkommen richtig, ich aber bediene mich blos dieser Ausrede, weil ich sie nicht zu lösen wüsste. Als ich ihn nun nach der Auflösung fragte, erbüt er sich mit Stolz und versuchte sie in einem dreistündigen Vorträge zu erörtern.- Unterdessen hatte ich aber einen der anwesenden Vornehmen heimlich ersucht, das Buch des Menelaus holen zu

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