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Die Wahrheit · 1901-09-13 · Heft 36 (13.9.1901) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 36 (13.9.1901)
Date
1901-09-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Are Wahrheit Redartion Administration! Wien, II/l, Novaragaffe 27. 1 Unabhängige Seitschrist für Mische JfoftftgspnU: Ganzjährig . . *. 12.— Halbjährig . . . «. 8 Ä k österr. Postjparcafia Interessen. Lheck-Conto Nr. 840.251. Für Lultusbeamte: I nfidir Ganzjährig ... 9. 10.— 20 Heller per Nouvareillr-Zeile. Erscheint jeden Freitag. Für Ausland: Abonnementsnnd JnicrtionS» Ganzjährig .... 12 Mark betrüge find in Wien zahlbar. Motiv: .Dar Siegel Gottes ist Wahrheit!"! ü Rubel oder 16 Fre<- Nr. 36. Men, 13. September IM. Anhalt r Religion nnd Freiheit im Judenthume. — Die Rechtsverhältniße der Juden. —Leon Modena und Joses Salomo Delmedigo. — Jüdische Aerzte am Sultanshofe. — Verschiedene Nachrichten. — Allgemeiner Cantorenverein. — H. Weintraub und seine „Tempelgesänge." — Litteratur. — Feuilleton: Das Kaddischgebet. Selten geehrten üesern, freunden und <EfIÜi$arbeitern unseres J&tafäes im <Ün^ und Zustande wünschen wir zum Q^ahreswechset DlSt&n OT TW J^)r. <DIS. üöwtf. ©bercänfor <£I. J$auer. Religion und Freiheit im Judenthume. Von Dr. I. K a h a n-Znaim. Wenn man das Wesen des jüdischen Volkes kurz bestimmen will, so muss man es als das elastische Volk der Religion und der Freiheit bezeichnen. Mit der Religion ist es geboren und um die Religion dreht sich sozusagen seine ganze Geschichte. Aber auch die Freiheit durchdringt so sehr sein Wesen, dass nicht nur sein erstes Fest, das es feierte, ein Denkmal der Freiheit war, sondern auch jetzt noch der Grundcharakter des Juden die individuelle Freiheit ist, die es ihm so schwer macht, sich einem andern unterzuordnen. — Fasst man die Religion aus als Scheu vor der Gottheit, die den Menschen in seinen Handlungen beschränkt, die Freiheit dagegen als die unbeschrankte Möglichkeit zu thun und zu lasten, was man will, so müssen Religion und Freiheit als unvereinbare Gegensätze gelten. Da aber eine zügellose Freiheit das Bestehen einer menschlichen Gemeinschaft unmöglich machen würde, so hat das Judenthum stets die Freiheit nur als Gesetzmäßigkeit betrachtet und anerkannt: der Mensch ist nur dann frei, wenn er sich dem Gesetze unterordnet, das Gesetz aber ist auf Grund der Gleichheit und Brüderlichkeit aller Menschen aufgebaut — Das ist die jüdische Religion! Von hier aus ist das tiefe Wort zu verstehen: Gott habe in die Thora geschaut und nach ihr die Welt geschaffen, oder: Gott habe bei der Schöpfung die Bestimmung getroffen, wenn Israel die Thora nicht annimmt, dann solle Alles ins Chaos zurückkehreu. Ohne Religion, wie sie das Jndenthum versteht, ohne gesetzliche Ordnung, kann keine menschliche Gesellschaft, kann die Welt nicht bestehen! Ein sonderbarer Streit zweier talmudischer Weisen scheint hierher zu gehören. Der Eine sagt, die Welt sei im Monat Nissan geschaffen, der Andere — im Monat Tischri. Sollten diese. Weisen wirklich nur eine Ergänzung zur biblischen Schöpfunggeschichte haben liefern wollen? — Uns scheint der Streit um die ethischen Principien der Religion und der Freiheit zu gehen. Nissan ist der Monat der Freiheit, Tischri derjenige der Religion. Was ist zum Bestände der Schöpfung nothwendiger — Freiheit oder Religion? Der Ritus und die Geschichte haben sich für die Religion entschieden. Wir feiern den Rosch-Haschono als übiy mn dt* Tag der Schöpfung: aus der Religion ist die Welt entstanden, irr der Religion hat die Welt ihren Bestand? Und die Geschichte? Leider hat es ein großer Theil des jüdischen Volkes mit der Zeit verlernt, die Idee der Freiheit hochzuhalten. Sie feiern das Fest der Freiheit entweder gar nicht, oder doch nicht mit der Freudigkeit, wie es einst gefeiert wurde. Dagegen haben die hohen Feste, in denen das Judeuthum die Idee der Religion verkörpert hat, ihre Kraft auch bei den lockersten Gliedern des jüdischen Volkes bis jetzt beibehalten, alle eilen sie an diesen Tagen in das Gotteshaus, welches sie das ganze Jahr ängstlich meiden. Somit bilden die hohen Feste den Triumph der religiösen Idee bis auf den heutigen Tag! Wird die Idee der Freiheit auch einmal im Judenthum ihre Triumphe feiern? Jeder Jude ist im Westen wenigstens ein freier Bürger. Aber das jüdische Volk hat, wie es scheint, das Gefühl für die Freiheit verloren, es har nicht einmal das Verlangen, ein selbstständiges Leben zu führell. Beim Entstehen des jüdischen Stammes war es gerade umgekehrt. In dem einen Menschen Abraham ist die religiöse Idee verkörpert, während das ganze Volk Israel mit der Freiheit ins Leben tritt. Wird Israel sich seines Ursprunges erinnern? . . Die Rechtsverhältniße -er Inden''. ii. (Fortsetzung.) Schon aus der knappen Uebersicht ist der reiche Inhalt des Scherer'schen Buches ersichtlich; aber er ist damit bei weitem nicht erschöpft. Indem der Verfasser die Quellen selbst, unter denen sich nicht wenige bisher ganz unpublicierte, andere früher unzulänglich oder fehlerhaft veröffentlichte befinden, vorführt, gelingt es ihm, dem Leser einen unmittelbaren und darum umso werthvolleren Einblick in die Verhältniße längst vergangener Zeiten zu eröffnen. Der Verfasser beschränkt sich aber nicht etwa *) „Beiträge zur Geschichte des Judenrechtes im Mittelalter mit besonderer Berücksichtigung auf die Länder der österreichisch-ungarischen Monarchie." Bon Dr. I. E. Scherer. Erster Band: „Die Rechtsverhältnisse der Juden in den deutsch-österreichischen Ländern." Leipzig. Duncker und Humblot. 1901. 80. Preis 15 Mark.

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