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Die Wahrheit · 1901-09-06 · Heft 35 (6.9.1901) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 35 (6.9.1901)
Date
1901-09-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 35. Folge seiner unglücklichen Lage und höchst unglücklichen Verhältniße zu betrachten. In seinem von Fürst 1840 edirteu Ari noem kämpfte er mit Entschiedenheit gegen die Kabbalah und ihre Anhänger. Zn derselben bezeichnete er den „Sohar" die Bibel der Kabbalisten, als ein schädlichen Aberglanben und crasse Vorurtheile förderndes Buch. Seine diesbezüglichen Ansichten fanden jedoch bei den der Kabbala huldigenden Zeitgenossen wenig Beachtung. Trotz seiner freisinnigen Ansichten fariden einige von ihm verfasste Selichot Aufnahme in die Liturgie. So;. B. das „Jaum 88 jehi mischkal kaul matausai“, das heute noch in fast allen Synagogen am Rüsttag des Neumondes beim Jaum Kippur Kalon-Gebet vorgetragen wird. (Schluß folgt.) Israeliten Marokkos. Eine Tagreise von Fez entfernt, liegt die Scherif-Hauptfiadt Mequiuez, eine der bevölkertsten Gemeinden Marokkos. Mequinez hat drei sehr unterschiedene Theile: die Medina oder besser die arabische Stadt, den Mellah, von Israeliten bewohnt, und ein arabisches Dorf, Bernia-Bonakra, welches den israelitischen Theil von der Medina trennt. Die Generalansicht des Mellah ist znmeist angenehm. Die Straßen sind breit und fast schnurgerade. Kein Pflaster, wie in den meisten Städten des Innern von Marokko; bei.Regenwetter müflen sie also schwer gangbar sein. Indessen hat eine Reinhaltung derselben begonnen, deren Kosten durch das Einkommen einer Taxe beim Schlachten vom Kleinvieh gedeckt wird. Das Mellah gehört ganz den Israeliten zum Unterschied der meisten Mellahs, welche Eigenthum des Sultans sind; weder die Moschee noch der Sultan besitzen dorr einen Zoll-Terrain. Die Bevölkerung des Mellah beträgt ungefähr 6000 Seelen, eingetheilt in 1137 Familien, die in 250 Häusern wohnen, so dass vier Familien auf ein Haus kommet,. Bei der mittleren und ärmeren Classe bewohnt jede Familie nur ein Zimmer. Sie bereitet ihre Nahrung in einer Ecke des Hofes oder einer allen Nachbarn gemeinsamen Küche. Die Zsraeliten von Mequinez stammen größtentheils von den im Jahre 1492 aus Spanien vertriebenen Juden. Von 30 Familiennamen haben wenigstens 18 in der Gemeinde spanische Namen, wie: die Abb, die Gozlan, die Toledano, die Pariente und die Sasportas. Verschiedene Züge in den Sitten und in der Frauenkleidung besonders beweisen den Aufenthalt der Gründer der Gemeinde auf der iberischen Halbinsel. Eiire der Sachen, welche mir in den Sitten insbesonders ansfiel, ist der den Frauen bestimmte Raum in den Synagogen, die Asare; alle von mir besuchten Synagogen hatten eine solche; ^es ist wahr, dass die Frauen sehr selten hingehe,l, denn sie können nicht hebräisch lesen. In der Kleidung ist das überlieferte Frauenkostüm aus mit Gold verbrämten Tuch, die auf der Brust weit ausgeschnittene Jacke, die engen und kurzen Aermeln am Rocke, eine Erinnerung an den Aufenthalt in Spanien, denn so war die Mode im Mittelalter, im Westen Europas. Auch die Frisur des abgestumpften Kegels, wie sie von den jüdischen Frauen Marokkos getragen tvird, erinnert an die lächerlichen Frisuren des 10., 11. und 12. Jahrhunderts, wie wir solche in Geschichtswerken, die mit Kupferstichen illustriert sind, sehen können. In der Nahrung endlich finden sie das traditionelle Adafina, welche eine verschiedene Art des spanischen Poutchero ist. Wie alle Gemeinden Marokkos — Tanger ausgenommen — hat Mequinez keinen Berwaltungsrath. Die bestellten Notabeln erledigen die laufenden Geschäfte in den hauptsächlichsten Gemeindesachen; die wichtigen Geschäfte werden in der Generalversammlung der Notabeln oder Maamad. unter dem Vorsitz der Oberrabbiner, fünf au der Zahl, besprochen und erledigt. Unter den fünf Oberrabbinern haben drei den Titel und das Amt, welche ihnen etne große Autorität gewähren, die zwei übrigen haben nur Worten zu einem Gedichte erhellt: .Längst ist die Grabschrift abgeschickt. Doch hoch' ich kein Geld erblickt. Und dennoch ist's gerecht Verlangen. DenLohn der Arbeit zu empfangen." [(Seiger, Nachgel. Schriften. II. S. 194.] den Titel durch Sezara und ererbt. Alle Oberrabbiner zeigen sich der Schulanstalt günstig und schätzen sehr das Werk der Allianz. An Wohlthätigkeitsanstalten hat Mequinez die Chewra Kadischa im Dienste der Todtenbestattung, die Uuterstützungscasse der israelitischen armen Passanten, denen man die Mittel zur Weiterreise gewährt und den Chiluk oder den Verein zu wöchentlicher Unterstützung in Geld oder Naturalien. Die Hilfsquellen der Gemeinde für ihre verschiedenen Lasten: Leichenbegängnisse, Unterstützungen, Kopfsteuer, Geschenke für den Hof und die Localbeamten bei Gelegenheit der großen arabischen Feste und für den Reinlichkeitsdienst bestehen: in dreimaligen jährlichen Geschenken, welche an den Rüsttagen der großen religiösen Feste eingesammelt werden und endlich in dem Einkommen einer Taxe beim Schlachten des großen und kleinen Viehes; diese Steuer beträgt beim Großvieh ein Douro 3 fr. 50 und beim Kleinvieh 0.50 Pesetas per Stück. Dieses Einkommen beträgt ungefähr 1500 Douros das Jahr. Die politische und materielle Lage der Israeliten von Mequiuez ist viel besser, als diejenige unserer Glaubensgenossen in Fez und Marrakesch. Mit Ausnahme einiger Rabbiner tragen die Israeliten von Mequinez auf dem Haupte nicht das famose blaue, weißgetnpselte Tuch, welches denjenigen, die sich damit bedecken, einen Anschein von Demuth geben. Sie gehen erhobenen Hauptes und sehen die Leute an. Sie spazieren beschuht in den Straßen der Medina, sie treiben dort ohne Belästigung ihre Geschäfte und viele von Ihnen haben dort ihre Läden. Hier folgt eine Ausstellung der von ihnen betriebenen Gewerbe und Handwerke und der Zahl der Personen, welche sich damit beschäftigen: Wollkämmer 6, Beleger von Gold und Silber auf Waffen 4, Scheidenmacher 3, Destillierer 10, Färber 5, Wachszieher 15, Sammet- und Lehersticker 11, Wechsler 8, rabbinischc Lehrer 18, Uhrmacher 3, Blasebalgmacher 4, Bäcker 6, Schnupflabaksabrikanten 2, Mauleieltrcibeu 6, Schuhflicker 17, Schuhflickerarbeiter 42, Schuster 22, Schusterarbeiter 59, Fellhändler 19, Pächter 5, Gärtner Io, Bandmacher 150, Schneiderinnen 62, Weber 13, Gel8verleiher 18. Maurer 2, Seidensädenverkäufer '7, Mehl- Händler 22, Specereihändler 14, Friseure 7, Eisenhändler 42, Kattunhändler 50, Schächter '27, Schreiber 7, Schreiner 14, Blechschmiede 14, Blecharbeiter 38, Buchbinder 3, Goldarbeiter 48, Schneidermeister 34, Schneiderarbeiter 102 und öffentliche Ausrufer 5. Es gibt auch unter anderen eine große Zahl Exporteure, welche ihre Waaren auf den Märkten der Umgebungen verkaufen und einige Ackerbauern, welche die an den Thoren des Mellah gelegenen Ländereien bearbeiten; sie betreiben dort die Gemüsecultur, deren Elträgnisse im Mellah verkauft werden. Es kann keine Rede davon sein, dass unsere Glaubensgenossen die große Cultur betreiben; denn der vollständige Mangel an Sicherheit in den zu weit von den Städten entfernten Ländereien verhindert es. Jedenfalls halten wir fest, dass im Innern Marokkos die Israeliten vor der Landarbeit nicht zurückschrecken. Die moralische Lage der Israeliten von Mequinez wird durch den dauernden Umging mit einer groben, fanatischen, unwissenden und eiteln Bevölkerung beeinflusst. Unsere Glaubensgenossen haben sich durch diese Berührung viele Fehler und Laster angeeiguet, welche nur die Schule allmählich bezwingen kann. In der Familie lässt die Moralität oft sehr zu wünschen übrig. Ich halte mich dabei auf, ihnen von den frühreifen Heiraten zu schreiben; diese Sachen sind bekannt. Ich muss jedoch bemerken, dass man bei den Arabern wenig dergleichen Fälle antrifft; diese verurtheilen auch das Verfahren. Trotz der Leichtigkeit, mit welcher die Ehescheidung durch die rabbinischen Gerichtshöfe ausgesprochen werden, ist die von der Frau im Hause eingenommene Stellung weniger demüthigend, als!zu Marrakesch. Sie hat das Recht, den Besuch von Personen der beiden Geschlechter zu empfangen; sie sitzt zu Tische mit ihrem Manne und ihren Kindern und selbst mit Gästen, wenn diese Hausfreunde sind. Nur an Festen geschieht es, dass die Frauen

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