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Die Wahrheit · 1901-09-06 · Heft 35 (6.9.1901) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 35 (6.9.1901)
Date
1901-09-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr 35. Die Wahrheit. »Leite 5. Berge ausschickle, so dass mindestens zwei oder drei Zeugen! das Erscheinen des Neumonds und dessen entsprechende Form j bestätigen mussten. Das wurde dann den auswärtigen israelitij schen Gemeinden durch riesige Reisigflammen aus den höchsten i Bergen zu gleicher Zeit bekannt gegeben, so dass des Nachts j das ganze Land einem Flammenmeere zu gleich n schien, und 1 alle zur rechten Zeit den Tag des Neumondes ersehen und . darnach zugleich die Festtage richtig bestimmen konnten. So! konnten die Wallsahrtsseste aus je einen Tag sich beschränken, nur das Neujahrsfest dauerte zumeist zwei Tage, weil die Ankunft der Zeugen sich zuweilen bis nach der Zeit des Mussaf- Opsers verzögerte. Also hat man die Feier des Doppelneujahrssestes schon für alle Fälle beibehalten. Später aver haben die Samaritaner aus Bosheit zur unrechten Zeit diese optischen Feuer-Signale — die ersten Anfänge des Telegrafen — inscenirt, um dadurch die Juden irrezuführeu. weshalb man dann diese Art der ossiciellen Bekanntmachung des Neumonds ganz fallen liest und von Jerusalem aus nach allen Nichtnngeu des Landes Boten ausschickle, um den Brüdern den Neumondslag bekannt zu geben. Wohin aber bis zum 14. des Monates die Bolen nicht gelangten, dort wurden die Feste doppelt gefeiert, was ans Pietät bis aus den heutigen Tag beibehalten wurde. Bekaniltlich soll auch durch die vergoldeten Metollspitzen am Tempel;»t Jerusalem die Blitzgefahr abgeleitet worden sein. Als ein Beweis von weitgehender Toleranz der damaligen weltlichen Professoren möge noch das entgegenkommende Vorgehen des Professors der griechischen Sprache, des späteren Feldkircher Gymnasinldirectors Elsensohn sel. And. erwähnt werden, welcher auch der hebräischen Sprache theilweise kundig war. Derselbe ersuchte den obgenannten Direktor Gabriel, mit Rücksicht ans meine religiösen Bedenken, die schriftliche Matura ans dem Griechischen von Samstag auf Freitag zu verlegen, und sogar sämmtliche Co.legen freuten sich ob dieses Rechtssieges. —n. Leon Modena und Joses KaLomo DeLmedigo. Von Tr. M. Fried l ä nder-Pisek. Leon Modena (geb. 23. April 1571. gestorben als Rabbiner in Venedig am 24. Mürz 1648) entstammte einer hervor ragenden Gelehrtenfamilie, die bei der Vertreibung der Inden ans Frankreich sich nach Italien geflüchtet hatte. Sein Großvater, R. Mordechai Modena, zeichnete sich als rationeller Arzt, wie als biederer Charakter ans. Er wurde vom Kaiser- Karl Y., der ihn seiner hohen Gelehrsamkeit und hnmanilären Brslrebnngen wegen besonders begünstigte, zum Ritter des goldenen Vließes ernannt. Dass diese hohe Auszeichnung damals ungewöhnliche Sensation erregte, unterliegt wohl keinem Zweifel. — Der kleine Leon bekundete schon frühzeitig einen scharferr Geist, der ihn zu den schönsten Hoffnungen berechtigte. Schon in seinkm dritten Jahre soll er bereits einen Abschnitt aus den Propheten vorgelesen und in seinem dreizehnten Jahre ein Werkchen, untere dem Titel „8ur rnera^ „Eldad u. Medad“ verfasst haben. Dasselbe ist ein Dialog über Zulässigkeit und Schädlichkeit des Kartenspiels, dem der Verfasser selber ergeben war. Der allgemein bewunderte Knabe, der nicht blos eine ausgezeichnete Auffaffungskraft, sondern auch ein sehr glückliches Gedächtnis besaß, so dass ihm all' die unzähligen Schriften und Werke, die er gelesen und studirt halte, unvergesslich blieben, machte in den mannigfachen Fächern der Wissenschaften riesige Fortschritte. Kaum zum Manne herangereift, gehörte er . zu den bedeutendsten und angesehensten jüdischen Gelehrten Italiens. Wie auf dem Gebiete der biblischen und rabbinischen war er auch auf dem der lateinischeu und italienischen Literatur heimisch, er betrieb fleißig philosophische und naturwisseuschaftliche Studien, verstand treffliche hebräische und italienische Verse zu machen und zeichnete sich durch eine vortreffliche oratorische Begabung aus. Trotz seiner eminenten Gelehrsamkeit und hohen Geistesgaben verdiente er doch nicht als Musterbild anerkannt zu werden, weil ihm die wichtigste Tugend, die einen Bolkslehrer zieren soll, nämlich die Charakterfestigkeit, mangelte. Während er die Spielsucht in Wort und Schrift auf das entschiedenste verurtheilte, opferte er selbst einen großen Theil seiner Zeit und seines Vermögens dieser grässlichen Leidenschaft. Die Unbeständigkeit seines Charakters verleugnte sich auch in religiösen Dingen nicht. Er halte, so bemerkt Gräz, sowie keinen rechten Ernst, so auch keine rechte Ueberzeugung, oder vielmehr er hatte jeden Tag, je nach Laune, Stimmung eine! andere, ohne darum ein Heuchler zu sein. Er kounnte daher! von sich sagen: „Ich gehöre nicht zu den .Gefärbten', sondern i mein äußeres Verhalten entspricht stets meinem Innern." j Le.'n Modena war in jedem Augenblicke aufrichtig. Er konnte; an einem Tage für den Talmud und das rabbinische Judenlhum ■ eine Lanze einlegen und an einem anderen den Stad darüber » brechen. Er verdammte das Spiel und klagte über sein Miß-! geschick, dass die Sterne ihm diesen unglückseligen Hang zuge-! theilt haben — er glaubte nämlich auch an Astrologie — und arbeitete ein talmndisches Gutachten zu dessen Vertheidigung! aus. Als das Venetianer Rabbinatscollegium den Bann über , Karten und Würfel allssprach, wies er nach, dass das Spiel : talmudisch-rabbiuischeu Principien gestartet sei, und der Baun j dagegen keine Berechtigung habe. Einst fragte ihn sein Jünger Josef Chamiz, Arzt und Mystiker, was er von der kabbalistischen S e e l e n w a n d e r u n g halte, worauf Leon Modena erwiderte : „Einem andereil gegenüber würde er mir dem Munde die Frage bejahend beantworten, wenn er auch vom Gegentheil überzeugt wäre um nicht als Ketzer und Thor verichrieen zu werden; ihm gegenüber wolle er aber )ein aufrichtiges Bekenntnis anssprecheu. Darauf arbeitete Leon Modena eine Schrift ails, um das Lächerliche und Unjüdische an dem Seelenwanderuugsglaubeu hervorzuheben. (Gesch. 10. S. 144.). Leon Modena kam häufig iu christliche Kreise und unterhielt mit christlicheil Gelehrteil eine lebhafte Correspondeuz. Der französische Bischof Jakob Plantaricius und der christliche Kabbalist Jakob Gafforelli gehörte zu seinen Schülern. In christlichen Kreisen, die Levll Modena besuchte, wurden oft jüdische Gebrällche und Zeremonien in eiueu das Judenthum tief verletzenden Weise besprochen. Er gab sich alle erdenkliche Mühe, sein Bekenntnis zu vertheidigen, und entschloss sich am Ende dem Wunsche christlicher Freunde zu eulsprecheil rmd den Religiouscodex in italienischer Sprache dem großen Publicum ' mundgerecht zn machen. Bald darauf ist er als Apologet für den Talmud arnge- : treten. Ein Hamburger Skeptiker hatte nämlich versucht, gegen den Talmud, wie überhaupt gegen das traditionelle Judealhum ' zu polemisiren. Diesem Zweifler, der jeder gründlichen talmudischen Kenntnis entbehrte, trat Leon Modena eutschiedeil entgegen und suchte dessen Einwürfe in einer besoudereil Schrift „Magen Wezina" ad absurdum zu führen. _ Von besonderer Wichtigkeit ist seine von Reggio in Görz 1852 unter dem Titel Bechinath hakabbalali herausgegebene ■ Schrift, die er angeblich 1622 erhalte» hätte. Dieselbe soll seiner Angabe gemäß 120 Jahre vorher von Rabbi Amittai b. Jedajah abn Ras aus Mealdi verfasst ivordeil sein, daher * er sie abgeschriebeu have, um sie zu widerlegen. Ein Theil führt den Titel „Kol Saschal“ (Thoreuitimmeu). weil der Verfasser in derselben gegen das rabbinische Juoenthum zu Felde zieht, während der andere Theil, der die Widerlegung enthält, Lebaagat Arjeh (Löwengebrüll) genannt wird. Wenn man übrigens erwägt, dass Leon Modena fein Leben laug von harten Schicksalsfchlügen schwer geprüft wurde, und mit Mangel und 'Roth zu kämpseu hätte*), so wird man versucht die Jnconsequenz seines Charakters als eine natürliche J *] Seine geliebte Braut starb ihm, fein tüchtiger Sohn Mordechai! starb 16t7, der Raufbold Sebulon wurde 1622 ermordet, ein dritter ist verschollen, seine Töchter wurden Witwen und belasteten ihn mit Enkeln J endlich wurde seine Frau 1641 melancholisch und zuweilen tobsüchtig. Noth und Schulden quälten ihn, was auch aus seinen begleitenden

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