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Die Wahrheit · 1901-08-30 · Heft 34 (30.8.1901) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 34 (30.8.1901)
Date
1901-08-30
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Allgemeine Canloren-Zeitung. Ar. 34. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 21. Iahrg. Are geehrten «Herren Kantoren iw Innnd Anstande werden Höfüchst ersucht, die Avonnementsöeiträge emsenden zu wollen, da anch die Aedaction große Werpflichtungen hat. Religion und Kunst. Bei einem in jeder Beziehung, speciell aber wissenschaftlich unantastbaren Vordermann, der den glänzenden Namen Rabbiner Dr. Frank in Köln führt, könnte man ohne Bedenken darauf verzichten, ein Elaborat zu beantworten, das sich mit der Kritik einer unverstandenen Aeußerung befasst. Wenn ich mich trotzdem entschlossen habe, zu den Ausführungen des Herrn Obercantor Lamm in Brüx das Wort zn ergreifen, so ist es nur deshalb geschehen, weil ich mich der angenehmen Hoffnung hingede, in Jdeenkreise mittelalterlicher Anschauung einen Lichtstrahl gegenwärtiger Verhältniße zu tragen. Man werde sich deshalb zunächst klar über den Begriff des modernett Gottesdienstes nach seiner religiösen Färbung und frage sich, wer ihm den orthodoxen, conservativen oder liberalen Stempel aufdrückt, dann wird man unumwunden zugeben müssen, dass es der jeweilige Rabbiner der Gemeinde ist, welcher die religiöse Färbung desselben zu verantworten hat. In Bezug auf textliche Anordnungen ist außer ihm überhaupt kein Anderer maßgebend, uud ich habe noch nie gehört, dass ein Eantor es jemals mit Erfolg unternommen hätte, in die Befngniße des Rabbiners einzugreifen. Von diesem Gesichtspunkte aus dürste es somit begreiflich erscheinen, dass der Rabbiner thatiächlich der Vertreter des religiösen Theiles im jüdischen Gottesdienste ist; nur er und kein Anderer. Damit soll indessen keineswegs gesagt sein, dass sich der Cantor als Vertreter des anderen Theiles vom Religiösen entfernen dürfe. ^Nein, vom Cantor verlange ich dieselbe persönliche Religiosität wie vom Rabbiner, nur räume ich dem letzteren ein, dass er infolge seiner theologischen Studien und kraft der ihm von der Gemeinde verliehenen Autorität neben seiner persönlichen Religionsanschauung auch eine officiele zu vertreten hat. Sie allein ist sowohl für die Institutionen des Gottesdienstes als auch nach außen hin maßgebend, während die persönliche Stellungnahme des Cantors in Fragen religiöser Natur zur Beurtheilung einer Gemeinde oder ihres Gottesdienstes absolut belanglos ist. Die Bedeutung des Cautors muss demnach aus einem anderen Gebiete liegen, aus einem Gebiete, zu dem der Rabbiner in demselben Verhältnis steht, wie der Cantor zur Theologie. Jene reden, wir singen. Wenn wir nun unserer Aufgabe als Sänger, als Vertreter des musikalischen Theiles im Gottesdienste gerecht werden wollen, so haben wir eine doppelte Stellung innerhalb des Berufes: als Sänger stehen wir im Dienste der Kunst, als Gottessänger heben wir das religiöse Gefühl. Oder ist es vielleicht gar keine Kunst, Cantor'zu sein? — Nun, so frage ich, warum lassen den hervorragende Cultusgemeinden bei der Besetzung des Cantorates eine so gewaltige Concurrenz eintreten, warum ziehen sie es nicht vor, was doch viel einfacher wäre, einen X-beliebigen Cantor zu berufen, von dem sie im Voraus überzeugt sein können, dass er kein Künstler, dafür aber ein frommer Mann ist? Ich meine, solche Thatsachen sprechen; sie sind überdies des Cantorenstandes auch viel würdiger, als der ängstliche Schrei vor dem Begriff, den sich der Nichtjude von dem künstlerisch ausgestatteten jüdischen Gottesdienste machen könnte. Es scheint also doch etwas Wahres daran zu sein, wenn der Cantor als Vertreter der Kunst -bezeichnet worden ist, namentlich, wenn man ergänzend hinzufügt, als Vertreter der religiösen Künste Sie ist einzig und allein das Gebiet des Cantors, und wenn Herr Dr. Frank in Köln in Bezug auf College Blumenthal humorvoll meinte: „er hat mich reden lassen, und ich habe ihn singen lassen," so ist das so zu verstehen, dass keiner von Beiden in das Gebiet des Anderen hinübergegriffen hat, Herr Blumenthäl nicht in das rabbinisch-religiöse, und Herr Dr. Frank nicht in das cantoral-künstlerische. Um aber auch der irrigen Behauptung entgegenzu treten, als ob die Zweitheilung des jüdischen Gottesdienstes nicht schon im frühesten biblischen Alterthum begründet wäre, verweise ich auf das zweite Buch Mose, Cap. 31, Vers 1 — 11. Dort ist von zwei Künstlern die Rede, von Bezalel.und Oholiab, die, wenn sie auch keine Cantoren waren, im Gegensatz zu Mose und Aron doch als Repräsentanten der religiösen Kunst erscheinen. Es geht daraus ohne jedes Mißverständnis hervor, dass die Kunst von jeher im Dienste der jüdischen Religion gestanden hat, und es dürfte nunmehr über jeden Zweifel erhaben sein, dass auch der modern jüdische Gottesdienst aller Schattirungen aus zwei Theilen besteht: aus Religion und Kunst. Der Vertreter der ersteren ist naturgemäß der Rabbiner, derjenige der letzteren der Cantor. Elberfeld, den 20. August. Hermann Zivi. Verband der Tempeisänger „Ächerbund." Unter großer Betheilrgung der Sänger aus allen Tempeln Wiens fand am 24. August im Saale des jüdischen Volks- Vereines eine vom vorbereitenden Comits veranstaltere Vorbesprechung behufs Gründung eines Verbandes der Synagogen - Sänger Wiens und ganz Oesterreich-Ungarns statt, welche einen durchaus würdigen und für alle Betheiligten erhebenden Verlauf nahm. Es waren mehr als 60 Collegen, vom jüngsten bis zu dem noch nach 40jähriger Dienstzeit im Amt thätigeu Veteranen erschienen und kein Misston störte die Versammlung. Der per Acclamation zum Vorsitzenden gewählte, nicht nur in, seinem Berufe, sondern auch in Vereins-Angelegenheiten so tüchtige und erfahrene Chordirigenl Herr Löwit setzte in klarer, allgemein verständlicher Weise beit Zweck der Versammlung auseinander und sorgte in mustergiltiger Weise für den parlamentarischen Fortgang derselben. Als erster Redner schilderte zunächst Herr Stricks in drastischer und oft sarkastischer Weise die unwürdige Behandlung und die Leiden eines Synagogen-Sängers in den kleineren Tempeln, die er alle aus eigener Anschauung kennen gelernt hatte und forderte energisch zur Abhilfe auf. Der Beifall, der seinen Worten gezollt wurde, bewies, dass er den zahlreichen Anwesenden aus den Vereinstempeln aus der Seele gesprochen hatte, und nun erhielt Herr Lemberger, Sänger im Stadttempel, das Wort zu einem Referate über Bedeutung und Zweck des zu gründenden Vereines „Sulzerbnnd." Er sagte unter Anderem: „Rach des alten Rabbi Akiba Ausspruch ist schon alles dagewesen. Eine Vereinigung von Wiener Tempelsängern ist aber noch niemals dagewesen. Ja, ich habe im Lehmann vergeblich nach der Adresse eines Tempelsängers gesucht. Man scheint sich offenbar, dieses schönen und heiligen Berufes zu schämen, und doch haben wir unter unseren Collegen einen Doctor derj Philosophie, einen hochgegeachteten Religionslehrer, einen Rabbinats-Candidaten, mehrere Cantoren, einen Techniker, einen absolvirteu Mediciner und viele Opernsänger, die mit Erfolg auf größeren Bühnen als erste Kräfte jahrelang gewirkt haben. Die Nichtachtnng, welcher der

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