Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 34 (30.8.1901)
- Date
- 1901-08-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 34 Die Wahrheit. Seite 7. meinderath Zifferer und viele andere. Nachdem die üblichen Trauergesänge, die Obercantor Singer intoniert hatte, verklungen waren, widmete Oberrabbiner D.r. Güdemann dem segensreichen Wirken des Verstorbenen Worte wärmster Anerkennung. Er schilderte den Verblichenen als einen Mann von unermüdlichem Fleiße, von hervorragender kaufmännischer Begabung, als edlen, rechtschaffenen Menschen und zugleich als einen Mann von größter Einfachheit und Bescheidenheit. Arerau. Am 18. d. fand im hiesigen Tempel ein Festgottesdienst -statt, welchem ein zahlreiches Publikum, der Vorstand und Vertreter der Behörden beiwohnten. Unser überaus beliebter und tüchtiger Cantor, Herr S. Ehre, trug mit Chorbegleitung Psalmen vor und fand allgemeine Anerkennung. Herr Rabbiner Dr. Tauber hielt die Festrede. Arür. Am 8. September findet die Hochzeit des Herrn Cantor Albert Schlesinger mit Frl. Malvine Schnabl in Mislitz statt. Prag. Gerade vor fünfundfünfzig Jahren hat anlässlich eines Projectes zur Auflassung des altjüdischen Friedhofes der Erzbischof von Prag, Ritter v. Chlumezansky, seinen ganzen Einfluss für dessen Erhaltung eingesetzt, und der Erzbischof fand damals in dem.Oberst-Burggrafen und nachmaligen Lonferenzminister Grafen Franz Kolowrat einen energischen Helfer. Den vereinten Kräften dieser beiden Männer gelang es, den Friedhof zu 'retten. Auch damals handelte es sich, ebenso wie heute, darum, ob man einen Theil des Friedhofes cassieren sollte. Aber die genannten Würdenträger waren von der Ueberzeugung erfüllt, dass die Auflaffung auch nur eines kleinen Theiles des Friedhofes, „den mächtigen Eindruck, den der alte Gottesacker von seiner Gesammtheit übt, Abbruch thun würde," und diesen Standpunkt nahm auch der Kaiser Franz II. ein. Und nun, in einer Zeit, da die Czechen die historische Bedeutung ihrer. Landeshauptstadt bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit hervorheben, wird eines der alterthümlichsten und schönsten Denkmäler Prags, wie sie keine andere Stadt Europas aufzuweisen vermag und das den Stolz von Prag bildet, ökonomischen Rücksichten zum Opfer gebracht. Samöor. Anlässlich des Geburtsfestes Sr. Majestät des Kaisers veranstaltete die hiesige Gemeinde einen feierlichen Gottesdienst, dem die Spitzenjder Behörden undsein überaus zahlreiches Publikum beiwohnte. Se. Ehrwürden Dr. Rosenzweig, Rabbiner in Kojetein, der gegenwärtig hier zu Gast bei feinen Schwiegereltern weilt, hielt über Einladung des Vorstandes die Festrede. Der Redner hat es verstanden, mit einem tiesdurchdachten und formschönen Vortrage die Zuhörer Hinzureißen und zu begeistern. Er wurde allerseits zu dem Erfolge beglückwünscht und von der Gemeinde durch ein Ehrengeschenk ausgezeichnet. Merlin. Von tiefer Trauer ist unsere Gemeinde durch das Hinscheiden des Herrn Leonhard Sachs erfüllt. Seit einem Vierteljahrhundert im^Chrendienste der Gemeinde stehend, hat der nun Entschlafene eine hingebende Thatigkeit auf fast allen Gebieten unserer Verwaltung entfaltet und für Gottesdienst, für Unterricht und für die wohlthätigen Anstalten der Gemeinde in selbstlosem Eifer segensreich gewirkt. Er gehörte als Mitglied den Vorständen der alten und der Kaiserstraßen- Synagoge, der Commission für die Festgottesdienste, dem Schul- und Talmud-Thora-Vorstand, der Subventions-Commission, der Armen- Commission, sowie dem Vorstand des zweiten Waisenhauses an, und in jeder einzelnen dieser Verwaltungen diente er dem Gefammtwohl mit gleicher Rührigkeit und gleichem Verständnis. Durch das Vertrauen der Gemeindemitglieder ohne Unterschied der Parteirichtung seit Jahren stets aufs Neue zu ihrem Vertreter berufen, widmete er fämmtlichen Ausschüssen der Repräsentanten-Versammlung seine Thatkraft, und es wurde ihm die Anerkennung zu Theil, dass die Versammlung ihn einstimmig zu ihrem stellvertretenden Vorsitzenden erwählte. Dem treuen Mitarbeiter wird in unserer Gemeinde ein dankbares ehrendes Gedächtnis für alle Zeiten bewahrt bleiben. Merlin. Herr Professor Josef Sulzer in Wien hat Herrn Obercantor Friedmann das Bild seines Vaters als Zeichen der Dankbarkeit für die am Grabe des unvergesslichen Meisters geübte Pietät eingesendet. Vom Vorstande der Wiener Cultusgemeinde erhielt Obercantor Friedmann die Mittheilung, dass dessen cantorales Werk„Schir lisch'laumau" der Bibliothek der Cultusgemeinde „als ein wertvolles Stück" einverleibt wurde. Elberfeld Ueber Einladung des Herrn Obercantor Hermann Zivi findet. Samstag, den 31. August, hier im Hotel Central eine Versammlung statt, die im Anschluss an die in Wien ins Leben gerufene Organisation zwecks Gründung eines Provinzialverbandes rheinisch-westfälischer Cantoren das Programm einer constituierenden Versammlung berathen wird. Da« Kaddischgebet. Von Bernhard Soewenthal. (7. Fortsetzung.) Max lächelte. „Sagen Sie, bitte, meiner Frau nichts davon, Doetor, bitte!* „Aber Sie müssen sich schonen —" „O, das will ich thun^l* Und als die Thür sich hinter dem alten Arzt geschlossen hatte, nahm Max Pinsel und Palette, zog den Vorhang von der Staffelet und begann zu arbeiten. Cr war dies seine Mußestunde und da arbeitete er weiter an einem theuren Bildnis, es sollte dieses sein schönstens Porträt werden. Es waren die Züge der „schonen Rahel" von einst, die er aus die Leinwand oannte. Am selben Tage bekam Rahel die Nachricht vom Ableben ihres Baters. Sie war in die Residenz geeilt, um dem Tobten die letzte Ehre zu erweisen und nun kehrte sie, ohne das Elternhaus noch einmal wiedergesehen zu haben, zurück zu einem lieblichen munteren Knaben und einem todtkrank.n Manne. Ihre Heimat war nicht mehr in dem großen grauen Hause auf der Wasserstraße, die Träume ihrer Kindheit, die sie in dem großen Park geträumt, die Pläne ihrer Jugendjahre, sie mussten begraben sein. Ihre Pflicht rief sie zurück zu ihrem Gatten, zu ihrem Kind; dort war jetzt ihre Heimat, ihr. Leid und so Gott es ihr noch geben wollte, ihre Freude. Mit dem alten Mann musste auch alles Andere begraben sein. Von neuem wollte sie jetzt ihr Leben beginnen urld vielleicht — vielleicht ließ es sich gut machen, was sie an sich selbst verschuldet j hakte — vielleicht ließ es sich gut machen an dem Manne und dem Knaben.! Es war spät Abends, als sie nach der kleinen Stadt! zurückkehrte. Sie wusste, dass sie von Max heule nicht mehr i erwartet wurde und wunderte sich deshalb um so mehr, so j spät noch Licht durch die Fenster ihrer Wohnung schimmern zu i sehen. Ihr wurde so eigen ums Herz, als sie leise ins Zimmer trat. Ein traurigliebliches Bild bot sich ihr. Vor der Staffelei war Max auf einem Stuhl eingenickt, Pinsel und Palette waren seiner Hand entsunken und die Rechte ruhte wie segnend aus dem Lockenkops des zu seinen Füßen eingeschlummerten kleinen Leon. — — Rahel blickte lange, lange auf die beiden geliebten Menschen, dann sank sie überwältigt von den Gefühlen, die in diesem Augenblicke ihre Seele durchbrausten, nieder zu den Füßen ihres Mannes, um den sie alles ertragen hatte — und jetzt noch gern ertrug. Dann hob sie wie flehend und dort Erbarmen suchend ihre Augen zur Decke, leise betend bewegten sich ihre Lippen : „Elnziger Vater im Himmel, vergib einem armen gequälten Weibe, wenn ich so oft auch auf Deinem Pfade gefehlt habe, lass mich gut machen, was ich gesündigt, führe mich zurück zu Dir und gib ihm und mir — das Glück." „Das Glück! — das Glück!*-Max war von dem leiseir Geräusch erwacht und hatte die letzten Worte mit angehört, und leise wiederholte er nochmals, sehnend ins Leere starrend: „Das Glück!"-Dann küsste er Rahel auf die Stirn und ffüsterte mit vor Ueberraschung und Freude zitternder Stimme: „Mein süßes, liebes Weib, Du bist wieder bei mir, jetzt will ich gesund werden, ja ich möchte es, um Dir Deine Liebe vergelten zu können.* Rahel begann zu weinen: „Geht es Dir besser?* »Ich fühle mich wohl, jetzt sogar glücklich.* Ihr Blick fiel auf das Bilv, sanft machte sie ihm Vorwürfe. — „Du hast zu viel gearbeitet, Max, das Bild hast Du fertig gemacht!* „Es war meine Erholung," lächelte er, indem er ihre Stirn küsste. (Fortsetzung folgt.)