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Die Wahrheit · 1901-08-30 · Heft 34 (30.8.1901) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 34 (30.8.1901)
Date
1901-08-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 34. Vie Wahrheit. Seite % Tempelsänger so oft im Leben begegnet, erklärt sich aus dem Mangel der Selbstachtung und-der fehlenden Erkentnis des eigenen Werthes, und so kommt es, dass selbst in dem ersten und vornehmsten Tempel Wiens der kleinste Aushilssdiener und der letzte Leichenträger in der allgemeinen Werthschätzung höher steht, als der Sänger, der große Stimmmittel, entsprechende musikalische Kenntniße und Gesangstalent besitzen, einen religiös-moralischen Lebenswandel führen und jederzeit, bei den freudigsten und traurigsten Anlässen, seinen Vorgesetzten zur Verfügung stehen muss. Wird er aber krank, dann gibt es für ihm keine Krankencassc, keinen Arzt und keine Medicamente und hat er sich insbesondere in den kleinen Vereinstempeln durch irgend einen Anlass, der oft gar nicht mit dem Berufe zusammenhängt, das Wohlwollen irgend eines seiner sehr zahlreichen Vorgesetzten verscherzt, dann wird er ohne zwingenden Grund entlassen und ist dem bittersten Elend preisgegeben. Wir Angestellten der Cultusgemeinde sind ja ohnehin die Aristokraten unter den Tempelsängern und die Collegen der beidenHaupttempel mit ihrem Fixum von höchstens 120 K. zählen sogar zu den Plutokraten; aber unter unwürdigen und geradezu unmenschlichen Beihältnißen muss der Tempelsänger in den Vereins Bethänsern sein Dasein fristen. Diesen Uebelständen soll der zu gründende Verein entgegentreten. „Hilf Dir selbst, so hilft Dir Gott!" Den Manen des unsterblichen Gottessängers Professor Salomon S n l z e r zu Ehren, der in seinem Monumentalwerke „Loiiir Zion" den Tempelsänger vollauf gewürdigt hat, soll unser Verband den Namen „S u l z e r b n n d" führen. Da wir gutes, zum Theile vorzügliches Stimmmaterial besitzen, können wir uns nach außen hm auch an größere künstlerische Aufgaben heranwagen, im Schoße unserer Vereinigung aber sollen unsere Standes-Jnleressen ohne Leidenschaftlichkeit aber doch energisch vertreten, und erwerbsunfähig gewordene Collegen nach Thunlichkeit unterstützt werden. Wir wollen das allgemeine Bildungs-Niveau unserer Standes-Angehörigen durch allgemeine und fachliche Vorträge zu heben trachten, eine Bibliothek anlegen. aus der sich die Collegen Belehrung und Unterhaltung holen sollen, und in absehbarer Zeit ein eigenes Organ ins Leven rufen, das uns auch mit den Collegen im ganzen Lande und im Auslande in Verbindung setzen und die wirksamste Waffe gegen Unrecht und Benachtheiligung unserer Standesbrüder werden soll. Das Alles wollen wir und es liegt an Ihnen, diesem Wollen durch die Gründung des „S u l z e r b u n d e s" die T h a t folgen zu lassen. Die Ausführungen des Redners fanden allgemeine Zustimmung und als sich der begeisterte Applaus gelegt hatte, wurde der Vorschlag des Herrn Löwit, das aus den Herren Stricks, Lemberger, Schwager, Menthe, Lubetzky und Edelmann bestehende vorbereitende Comitö durch 5 Mitglieder aus der Versammeung zu ergänzen, einstimmig angenommen und die Herren Löwit, Zellnik, Heimann, Porth und Goldenberg" im Vereine mit den Vorgenannten mit der Abfassung der Statuten betraut. Der als Gast anwesende Herr Cantor Silbermann drückte dem zu gründenden Verbände seine Sympathien aus, erweckte aber mit seinen weiteren Ausführungen den Widerspruch der Versammlung und die heftige Entgegnung einzelner Redner. Die weitere Debatte über einzelne Fragen wurde über Vorschlag des Herrn Goldenberg als nicht zur Tagesordnung gehörend abgelehnt und hierauf in allgemein gehobener Stimmung und unter dem Jubel der Versammlung die Gründung des Tempelsänger-Verbaudes „Sulzerbund" mit Stimmen-Einhelligkeit beschlossen. Conferen) der jüd. Neligionslehrer Ostpreußens. Wie dem „Jüdischen Volksblatte" in Breslau berichtet wird, hielten am 15. v. M. die jüdischen Religionslehrer Ostpreußens ihre 12. Jahresversammlung in Bad Cranz bei Königsberg ab. Der Vorsitzende, Herr Prediger Sturmann- Osterode, begrüßte die zahlreich erschienenen Mitglieder und erstattete den Jahresbericht. Mit Genugthuung constatirte er vor allem die wohlthuende Wirkung der in Gemeinschaft mit dem ostpreußischen Synagogenverbande begrüudete» Pensionscasse für jüdische Religionslehrer und Cultusbeamte Ostpreußens, die sich auch in der größeren Seßhaftigkeit der jüdischen Beamten der Provinz bemerkbar mache. Dann gedachte der Borsitzeude der warme» und thatkräftigen Unterstützung, welche die Kgl. Regierung zu Ostpreußen den Bestrebungen der jüdischen Lehrerschaft zwecks Gewinnung einer gesicherten Versorgung zutheil werden lasse, undschloss mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf Se. Majestät den Kaiser, den Schützer und Förderer aller kulturfreundlichen und social wohlthuende» Bestrebungen im deutschen Reiche. Nach Constituirung des Bureaus, wobei Herr Prediger Sturmanu-Osterode als Vorsitzender, Waisenhaus-Inspektor Peritz-Königsberg als Schriftführer, Rabbiner Dr. Perles- Königsberg und Cantor Caro-Allenstein als Beisitzer snngirten, hielt Herr Gymnasial-Oberlehrer Levy-Allenfteiu seinen Vortrag über „Die Thätigkeit des Lehrers für culturelle Bestrebungen innerhalb der Jndenheit, insbesondere für Erweckung des Interesses für Handwerk und Bodencultur." Darnach erstattete Herr Waisenhaus-Jnfpector Peritz, in Vertretung des plötzlich behinderten Cassiers, Herrn Obercantor Birnbaum-Königsberg, den Cassenbericht und Herr Prediger Sturmanu-Osterode hielt das vom Verbände zur allgemeinen Erörterung aufgegebeue Referat über das Thema. „Soll die systematische Religionslehre in der Volks- und Religionsschule als besonderer Unterrichtsgegenstand behandelt werden?• Den würdigen Schluss der Tagesordnung bildete der Vortrag des Herrn Obersecretär Klein-Königsberg, eines alten. Freundes der jüdischen Lehrerschaft Ostpreußens, über das Thema „Gedanken zu einem Normalcontract für Cultusbeamte." In selten trefflicher Weise wusste der Vortragende gerade von seinem unparteiischen Standpunkte aus, die Nothwendigkeit einer geordneten Grundlage für die Stellung der jüdischen Religionslehrer und Cultusbeamten im Interesse der jüdischen Beamten, wie im allgemeinen Interesse nachzuweisen und werthvolle Anhaltspunkte für einen zu erstrebenden Normalcontraet zu geben. Der Referent brachte dabei die Anftellungs- Besoldungs-, Versorgungsbestimmungen und die allgemeinen Bestimmungen eines solchen Contractes in Erörterung^ durch welche die amtlichen Funcitonen und die gegenseitigen Rechte und Pflichten der Vertragsparteien sestgestellt werden. In der Anstellungssrage fordert alles — nach einer gewissen Probezeit — die lebenslängliche Anstellung des Beamten, nur machen mancherlei Eventualitäten in der wirtschaftlichen Entwickelung unserer Gemeinden zugleich die Einrichtung von Maßnahmen nothwendig. durch welche bei wesentlichen Veränderungen iu der Leistungsfähigkeit derselben dem definitiv angestellten Beamten gegenüber leicht Rechnung getragen werden könne. Bezüglich der Besoldung der Cultusbeamten sei unbedingt die Festsetzung eines Minimalgehaltes, unter dem keine Anstellung erfolgen dürfe, nothwendig. Bor allem sei es wichtig, dass das feste Einkommen des Beamten erhöht werde, weil das die sociale Stellung desselben wesentlich zu besseren vermöchte. Diese Erhöhung sei ohne eigentliche Mehrbelastung der Gemeinden einfach durch Ablösung der Schechitagebühren zu erreichen, die aus anderen Gründen vom Beamten besser in dieser Form bezogen würden. Nur die Kasualgebühren sollten als freie Rebeneinnahmen bestehen bleiben. — In Sache der Versorgung ihrer Beamten seien die oftreußischen Gemeinde» bereits zu gemeinsamen Maßnahmen gelangt, die ihnen alle Ehre machen und den bescheidenen Ansprüchen der Beamten zunächst genügen dürften. Der Borsitzeude dankte dem Vortragenden unter dem Beifall der Versammlung für seine vortrefflichen Ausführungen. Die Versammlung nahm darauf folgende Resolution an: „Der Verein jüdischer Religionslehrer Ostpreußens bittet den Ausschuss des ostpreußischen Synagogen-Verbandes, die zur Verbesserung der Verhältnisse der jüdischen Religionslehrer und Cultusbeamten eingesetzte gemischte Commission um beschleunigte Abfassung eines Normaleontractes für die Beamten und Verbandsgemeinden anzugehen.

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