Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 34 (30.8.1901)
- Date
- 1901-08-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 34. Dir galhischeu Laudtagswahleu. In der ersten Hälfte des kommenden Monats werden die Wahlen in den galizischen Landtag stattfinden. Derselbe ist aus 159 Abgeordneten zusammengesetzt, u. zw. wählen die Städtebezirke insgesammt 31, die Landgemeinden 74 und der Großgrundbesitz 44 Laudtagsabgeordnete. Nach der letzten Volks-. zählung besitzt Galizien 7,360.000 Einwohner, darunter 822.000 jüdische Seelen, also circa zwölf Procent der Gesammtbevölkerung. Wenn wir schon aus Opportunitätsgründen darüber hinwegsehen, dass den Juden in Galizien gemäß ihrer Steuerleistung als Groß- und Klein-Grundbesitzer, als Industrielle. Kausleute und sonstige Gewerbetreibende wenigstens dreißig Mandate für den Landtag gebühren, so können wir trotzdem von dem unerschütterlich gerechten Standpunkte nicht abgehen, dass wir Israeliten hierzulande bei den herannahenden Wahlen alle Hebel in Bewegung setzen müssen, um Mandate im Verhältniße unserer Kopfzahl zur gesummten Bevölkerung in den Landtag zu gewinnen, das ist neunzehn Abgeordnetenmandate an der Zahl. Die Erfahrung führte zur Erkenntnis, dass trotz der anerkannten Toleranz der herrschenden Partei im galizischen Landtage seit dem Bestände dieser höchsten autonomen Corporation > im Lande keine wie immer geartete jüdische Angelegenheit auf die Tagesordnuna des Landtages gekommen ist. Unsere Inter- Essen werden vom Landtage nicht einmal stiefmütterlich behandelt, sondern gänzlich ignorirt. Das besteht z. B. im Lande Galizien der Landesausschuss mit einem Riesenstabe von hohen und subordinierten Beamten, circa 200 an der Zahl; es besteht ferner Im Lande Galizien eine Landesbank mit Direktoren, Vicedirectoren, Controloren und diversen Beamten, und zur Schmach des -Gedankens der Gleichberechtigung aller Staatsbürger und der -angeblichen Tolerierung der Andersgläubigen sunctiouirt in diesen beiden Landesinstitutiouen kein einziger Jude als Beamter. Ein Jude würde es auch gar nicht versuchen, sich um einen Posten bei einer dieser Anstalten zu bewerben, nicht blos im Bewusstsein bestimmt zurückgewiesen zu werden, sondern in der Ueberzeugung, dass seine Bewerbung von Seiten der Machthaber im Landesausschusse als eine jüdische Arroganz angesehen werden würde, llebertreiben wir, oder phantasieren wir? Es ist leider eine Thatsache, die wir einmal aufs Tapet bringen wollen, um derselben nach Thunlichkeit entgegenzuwirkeu. Dass jüdische Beamte in den autonomen Laudeskörperschaften Eingang finden sollen, erschöpft aber noch bei Weitem nicht alle die Forderungen, welche die Juden an den Landtag zu stellen berechtigt sind. In den galizischen Städten besteht Line Anzahl jüdischer Spitäler, die alljährlich das Land mit hunderttausendeu Gulden an Heilungskosten entlasten, und der Landesausschuss müsste schon aus Gerechtigkeitsrücksichten die Subventionierung dieser jüdischen Spitäler dem Landtage empfehlen, wenn die jüdischen Abgeordneten im Landtage an Zahl Zenug stark wären, um den nöthige» Einstuss an maßgebender Landesstelle üben zu können. Es befinden sich tveiters in galizischen Städten alte Synagogen, die geradezu als Sehenswürdigkeiten archäologischer Baukunst betrachtet werden können; viele dieser jüdischen Alterthümlichkeiten sind baufällig und müssten der Demolierung anheimfallen, wenn nicht bei Zeiten zur Renovierung derselben geschritten würde. Warum sollte nun nicht der Landesausschuss sein Scherflein zur Auffrischung dieser alterthümlichen Baulichkeiten beitragen, welche Zeugen der culturellen Vergangenheit Polens sind, und dies um so mehr, als wir uns der Unterstützung der Kirchenrenovierungen seitens des Landesausschusses mit aller Ehrfurcht beugen? Der Landesausschuss subventioniert Industrie- und Gewerbeschulen, und genießt von all dem ein einziger Jude nur irgend etwas? Eine starke Gruppe jüdischer Abgeordneter könnte sich auch darum bewerben, dass der Wiener Hilfsverein, der doch lediglich die wirthschastliche Hebung der galizischen Juden zum Liele hat, vom Landesausschusse ansehnlich subventioniert wird. Im vergangenen Jahre hat der Landesausschuss 127 Schüler verschiedener höherer Schulen in Galizien mit Stipendien versehen, darunter waren 3, sage zusammen drei jüdische Schüler. Gemäß, dem Percentsatze der jüdischen Bevölkerung im Lande, müssten 17 Juden und 110 Christen mit Stipendien versehen werden. Auf der letzten Session des Landtages haben die Juden wie ein Hund von der reichen Tafel einen Knochen bekommen, nämlich eine Subvention von -2000 Kronen für das Seminar der jüdischen Religionslehrer, welches die Cultusgemeinde in Lemberg gründet. Dieser Knochen ist das ganze Resultat der Berücksichtigung jüdischer Interessen im galizischen Landtage, seitdem dieser zu Recht besteht. Wir haben blos einige jüdische Interessen berührt, welche der Landtag in Galizien zu fördern hätte, aber es sind deren unzählige vorhanden, die einer Befürwortung und fördernden Durchführung harren, und jeder vernünftige jüdische Wähler wird mit uns übereinstimmen, dass die Zahl der jüdischen Landtagsabgeordneten bei den heranrückenden Wahlen nach kräftiger Thunlichkeit vermehrt werden muss. Zu diesem Behufe sollten wir uns in allen Städten, in welchen jüdische Majoritäten vorhanden sind, energisch zum Wahlkampfe rüsten, um jüdische Candidateu durchzubringen. Sprawiedliwoäd. Ein christliches Allheit über den Zionismus. ii. Die Frage, welche Aussichten der Zionismus für die Christianisierung Israels stellt, beantwortet Pastor Bieling rein negativ. Der Zionismus macht die Herzen im jüdischen Volke nicht empfänglicher für die Taufe, eher verschließt er sie dagegen. Beweis dafür sind Aeußerungen seiner Führer, die Erfahrungen der Missionäre und die Stellung der Zionisten zu den Christen aus Israel. In verschiedenen Missionsblättern ist der sicher interessante Briefwechsel zwischen Max Nordau und dem Pater Hyazinth in Paris abgedruckt. Die Antwort Nordaus aus den ernst und würdig gehaltenen Brief des genannten Geistlichen verräth nicht nur jenes Mangel» des Verständnißes für die großen Wahrheiten des Christenthums, wie es bei den Gebildeten des 19. Jahrhunderts leider zur Modesache geworden zu sein scheint, sondern ist auch eine offene Absage an das Christenthum. Die Versicherung, dass Jesus ja von den Juden mit Begeisterung als der Ihrige anerkannt werde, und dass Petrus der einzige Jude bleiben werde, der zu dem Nachkommen Davids sagte: »Ich kenne den Menschen nicht," täuscht uns darüber nicht hinweg. Denn der Jesus, von dem er spricht, ist allein nur der große jüdische Weise, durch den das jüdische Volk der Welt seine religiösen Ideen in einem für ihr schwaches Verständnis zugefchnittenen Gewand übermittelt hat, nicht der Sohn Gottes, der Heiland der Welt. Von dem will der Verfasser ein für allemal nichts wissen, und das wird in einer so überlegen thuenden, ja süffisanten Weise dargelegt, dass man es nur mit herzlicher Betrübnis lesen kann. Das ist derselbe Ton der Verachtung gegen Jesum, den sich einst der selige Delitzsch von Abraham Geiger hat müssen gefallen lassen und den er nur schwer verwinden konnte. Was will es den gegenüber bedeuten, wenn ab und zu ein Zionist erklärt, dass nach der Begründung des neuen Judenstaates die Stellung zu Christus in allererster Linie zur Erörterung kommen werde. Die leitenden Persönlichkeiten und die große Menge, das sei hier mit aller Entschiedenheit betont, ist in keiner Weise gewillt, dem Christus des Johannes-Evangeliums, wie Nordau sich gelegentlich ausdrückt, zu folgen. Das bestätigt auch die Erfahrung der Mission. Ich habe eigens über diesen Pnukt bei einer Reihe von Amtsbrüdern Umfrage gehalten. Aus Russland und Rumänien, aus Galizien wie aus London ist mir in gleicher Weise die Antwort geworden: »der Zionismus bringt die Juden in keiner Weise dem Heiland näher." Weit eher noch muss man sagen, dass er die Herzen gegen die Predigt vom Kreuz verschließt und verstockt. So heißt es in dem Brief eines Amts-