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Die Wahrheit · 1901-08-30 · Heft 34 (30.8.1901) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 34 (30.8.1901)
Date
1901-08-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr 34. Die Wahrheit. Seite 5. bruders aus Russland: „Wir Missionare können allerdings! leichter zu solchen Juden, die Zionisten sind, Zutritt finden, j sonderlich dann, wenn wir mir ihnen von ihrem Lieblingsthema sprechen. Doch sind sie nur solange geneigt, uns anzuhören, so lange wir bei diesem Gegenstände bleiben. Kehren wir aber dann das Evangelium heraus, so werden sie ganz indifferent und wollen weiter nichts wissen davon. Für die Jndenmission ist die zionistische Bewegung nicht nur nicht förderlich, sondern sogar hindernd. Denn durch sie sind die Jud^n hochmüthig und selbstbewusst geworden und in der gewissen Zuversicht bestärkt, auch ohne Christ»»,» zu ihrem Ziel zu gelangen. Wirklich fromme Juden sind, wie ich persönlich vielfach erfahren, Gegner des Zionismus. Sie erwarten nicht Hilfe durch Leute wie Herzl und andere, sondern sie erwarten die Hilfe durch eine neue göttliche Offenbarung, durch die Sendung des Propheten Elias." Aehnlich schreibt ein Amtsbrnder, der in London gerade unter zionistisch gesinnten Juden wirkt: „Der Zionismus gestaltet sich immer mehr zu einem schroffen Nationalismus, der alles Christliche ablehnt und zum Christenthum, sofern es in Christo die Vollendung der Offenbarung Gottes und die Erfüllung der göltticheil Verheißungen an Israel behauptet, die alte feindselige Stellung erneuert. Die echten und wahren Zionisten aller Glaubens- und Unglaubens-Schattierungen sind von ihrem Zions-Ideal so berauscht, dass von einer Evangelisierung dieser Kreise zur Zeit wenig zu hoffen ist. Wenn man die ofsiciellen Protokolle der Zionistencougresfe aufmerksam durchliest, so muss man staunen über die Geschichtsauffassung der leiteiibeii Persönlichkeiten und über die vollständige Negierung der ganzen christlichen Gefchichtsentwickelung. Alle thun so, als ob es keinen Christus gegeben hätte und gehe sie das ganze Christenthum nichts an. Insofern sind zionistische Juden derzeit weniger geneigt, das Evangelium anzunehmen, als die assimilatori'.chen und andere Juden." Ich könnte diese Stimmen noch vermehren, doch es mag genug sein. Verschweigen will ich nicht, wie einige andere Amtsbrüder, etwas hoffnungsvoller airtworlend, sagen, dass sie bei den Zionisten eine größere Geneigtheit gefunden hätten, zu hören. Das kann ich selbst bestätigen. Aber hören ist noch lange nicht aitnehmeu, und das Hören bricht oft ab, wenn es zur Predigt von dem Sünderheiland kommt. Und so wird auch wohl die Erfahrung eiltes allgemeiner sein, dass die Zionisten gegen Jndenmifsion und Judenmissionäre nicht minder feindselig sind, als die orlhodox-chassldischen Juden. Die ablehnende Stellung gegen das Christenthum kommt eitdlich auch klar zum Ausdrucke in der Stellung zu den Judenchristen. " Dem Programm des Zionismus entsprechend, das Religion so zu sagen Privatsache sein lässt, sollte man meinen, dass die Zionisten sehr wohl Judenchristen in ihrer Mitte dulden könnten. Uitd in der That gibt es solche, die rein theoretisch zugesiehen, dass kein Grund vorliegt, weshalb man die ^udenchristen vor» dein neuen Judenstaat ausschließen sollte. Merkwürdig genug sind das häufig solche, die für ihre eigene Person mit aller Religion gebrochen haben. In der Praxis aber bleibt jedenfalls die Abneigung, ja Feindschaft »vider die Judenchristen bestehen. In Rumänien hat »nan die maßgebenden Kreise zwingen wollen, Farbe zu bekennen, und eine diesbezügliche Anfrage an sie gerichtet. Sie wichen einer klaren Antwort aus. Und das ist auch eine Antwort. Man will mit Zudenchristen nichts zu thun haben. Ein Mitarbeiter schrieb mir diesbezüglich, dass er das den Juden nicht verdenken könne. Ich sehe nicht ein, warum? Der Vorwurf, dass diese Leute Verräther am Volksthum feien, zieht nicht. Denn selbst wenn sie es wäret», was noch lange nicht ausgemacht ist, — wie viele der jetzigen Zionisten mögen ehedem Assimilanten gewesen sei»»/ das heißt Verräther am jüdischen Bolksthum! Jetzt haben sie unter dem Druck der Verhältniße ihrj jüdisches Herz wieder entdeckt und werden mitj offenen Armen wieder ausgenommen. Warum soll denn der'Judenchrist gerade durch die Tause so verdorben worden fein, dass er kein jüdisches Herz mehr haben kann? Worin besteht überhaupt die Jüdifchkeit? In Peies und. Kaftan, in Koscher und Treife und Schabbes? Biele Zionisten sind längst darüber hinaus und gelten doch für gute Inden. Nein, der Grund, weshalb man die Judenschriften nichk will »nitrathen und thaten lassen, liegt tiefer: Es ist die alte, noch längst nicht überwundene Feindschaft »vider Jesnm, den Gekreuzigten. Die Entwickelung des jüdischen Volkes ist seil 1800 Jahren bewusst antichristlich, und der Zionismus ist! nicht gewillt, diese Bahn zu verlassen. Das hindert ihn freilich! nicht, nach der Hilfe auch der christlichen Kreise auszufchauen, j und einer der Gründe, »veshalb man den letzten Zionistencongress! nach London verlegte, »var ausgesprochenermaßen der, das Jnter-! esse der „bibelgläubigen" Engländer für die Sache zu getvinnen.! Daraus aber eine Hoffnung für die Annäherung dieser Bewe-! gung zu schöpfen oder gar daran zu denken, dass die Christen 1 durch Darbieten ihrer Hilfe einen Einsiuss auf die Belvegung - getvinnen könnten, scheint mir verfehlt. Gewiss werden sich die Zionisten die Hilfe der Christen gefallen lassen und auch dank- > dar dafür sein, — aber dem Christenthum werden ste sich darum i noch keinen Schritt nähern. Und Bemühungen. Einfluß auf die Bewegung zu getvinnen, : könnten eine ähnliche Antwort finden, wie sie ein zionistisches! Blatt in Krakau der Großherzigkeit Englands gegen russische! und rumänische jüdische Flüchtlinge zu geben für angemessen > fand. Es heißt dort (Krakauer jüdische Zeitung 13. Jannar 1898): „Das Verhältnis Englands zu den Juden ist ein brüderliches. Aber es steckt etwas darin, was uns an Jakob und Efau erinnert . . . Als Gladstone die türkischen Greuel entdeckte und den weißen Engel aus dem Norden begrüßte, der die Bulgaren befreite, da hatte er kein Wort des Tadels für die Greuel, welche die Befreier an den Juden von Eski Sagra und Kazanlik verübten. Er halle kein Ohr für die unglücklichen Opfer von Balta im Jahre 1887 . . . Dafür mochte England den Jllden den Besitz ihres unantastbaren, i einzigen Gutes streitig machen, den Besitz der Bibel, und die! hässlichste aller Judenverfolgungen züchten, die Mission, einen! ebenso widerlich aufdringlichen als, zur Ehre der Jndenheit j fei es gesagt, erfolglosen Seelenfang, trotzdem der lumpigste Renegat mit Tonnen Goldes ausgewogen wird. Es erinnert an Esaus (heuchlerische) Frömmigkeit, den Zehnten vom Stroh, mit dem er seinen Vater täuschte" So jene Stimme. Und > wohlgemerkt! Das ist geschrieben nicht unter dem Eindruck! jener Greuel, sondern 1898, als England schon Tausenden nnj glücklicher Juden eine Freistatt aufgethan hatte. So quittiert; man über die Bemühungen von christlicher Seite, Einfluß aus i die Juden zu gewinnen. Geben wir uns keinen Täuschungen! hin! Ter Zionismus macht die Herzen nicht empfänglicher für 1 den Heiland. Eher noch verfchließr er sie dagegen. Und doch plaidiert Bieling dafür, dass die Judenmission; ihr Interesse am Zionismus nicht auf gebe, weil, wie er meint, i mit ihm ein neuer Abschnitt in der Geschichte Israels feinen! Anfang nehmen wird. Obgleich nur erst wenige Jahre alt, hat! sich die Bewegung doch schon als lebensfähig erwiesen. Der j Widerstand gegen sie gerade im jüdischen Lager ist nicht gering ' gewesen nnd dauert noch an. Rabbiner haben Protesterklärungen erlassen^ viele Zeitungen, und neu-gläubige, befehden ste. 1 trotzdem wächst sie von Tag zu Tag. Die letzten Congresse waren von etwa 400 wirklich Abgeordneten besucht. Die Zahl der erklärten Zionisten beträgt rach mehrfachen Schätzungen eine halbe Million; in Rumänien "llen 75 Percent der jüdischen Bevölkerung zionistisch sein.?er sogenannte Schekel, die Beiträge zu den Berwaltnngsnno Agitationskosten belaufen sich bis jetzt auf 120,000 Mark. Bei der jüdischen Kolonial-»! bank sind, wie es heißt, auf 100,000 Zeichnungen 5—6 Millionen Mark bereits eingezahlt. Die Summe ist freilich bedeutend hinter den Erwartungen zurückgeblieben, muss aber gleichwohl bedeutend genannt werden, da es überwiegend arme jüdische Kreise sind, aus denen sie zusammengekommen ist. Es spricht sich doch in diesen Zahlen eine große Begeisterung und Opserfreudigke.r aus, die eine Zukunft haben wird. Dazu kommt.

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