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Die Wahrheit · 1901-08-30 · Heft 34 (30.8.1901) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 34 (30.8.1901)
Date
1901-08-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Die Wahichsit Redaktion u. Administration Wien, 11/1. Novaragaffe 27. St. {. Ssterr. Postsparcajsa Unabhängige Keilschrift für jüöische fiqttgspcttft: «an,jährig . . ». 12.— Halbjährig ... St. 6.— «hrS.Eontv Nr. 846.251. Interessen. Für Lultus beamte: > « serate: «anzjührig ... St. 10.— 20 Heller per RoapareilleZellr. Abonnement«- nnd Insertion«, betrüge sind in Wien zahlbar. Erscheint jeden Freitag. Für Ausland: j «anzjührig .... 12 Mark j 6 Rubel oder 16 Frc«. Molt« : »Das Siegel Gottes ist Wahrheit»" 1 Ar. 34. Vien, 30. August IM. Anhalt r Dr. Alfred Stern. — Die galizischen Landtagswahlen. — Ein christliches Urtheil über den Zionismus. — Verschiedene Rachrichten. — Feuilleton: Das Kaddischgebet. — Religion nnd Kunst. — Verband der Tempelsänger „Sulzerbund." — Conferenz der jüdischen ReligionS» lehrer Ostpreußens. Dr. Alfred Zier«. Zu seinem 70. Geburtstage. Es ist eine der schönsten und dankbarsten Aufgaben der Presse, die führenden Geister der Zeit der großen Masse des Volkes näher zu bringen, ihr Denken und Trachten in den breiten Strom der allgemeinen Bildung zu leiten, und besonders bieten die bemerkenswerten Lebensabschnitte hervorragender Männer eine willkommene 'Gelegenheit, um an der übersichtlichen Zusammenstellung ihres Strebens und Wirkens die Wandlungen und Erscheinungen einer gewissen Epoche zu beleuchten und den Antheil festzusetzen, den jenes Volk oder jene Bevölkerungsgeschichte, aus welchen diese Männer hervorgegangen sind, an der allgemeinen Culturarbeit der Menschheit genommen haben. Von diesem Gesichtspllnkte aus betrachtet, erscheint auch die Feier eines Jubiläums niemals als persönliche Liebedienerei sondern als ein Act pflichtschuldiger Dankbarkeit, den die Allgemeinheit auf dem Wege der öffentlichen Publicistik dem Einzelnen gegenüber abstattet. Bei dem ersten Vicepräsidenten der Wiener israelitischen Cultusgemeinde, Dr. Alfred .Ster n, der am 29. August in Auffee in geradezu jugendlicher körperlicher und geistiger Frische sein 70. Geburtssest begieng, wird uns diese schöne publicistische Aufgabe besonders leicht gemacht. Sein Name ist im österreichischen Judenthum und weit über die Gemarkungen unseres Vaterlandes hinaus wohl bekannt und mit allen wichtigen Momenten im jüdischen Leben der letzten Jahrzehnte eng verknüpft. Eineralten Wiener jüdischen Patrizierfamilie entstammend, etablirte Dr. Alfred Stern nach Absolvierung der juridischen Facultät in Wien eine Advokaturskanzlei, die sich eines sehr guten Rufes erfreute. Allein dem Manne von seltener Arbeitskraft genügte die berufliche Thätigkeit allein nicht, daher widmete er sich auch dem öffentlichen Leben nnd trat in zahlreiche politische und humanitäre Vereine ein, in denen er bald eine führende Rolle innehatte. Als in den Achtziger Jahren der confessionelle Kampf schärfere Formen annahm und in den öffentlichen Vertretungskörperschaften sich das Bedürfnis nach Männern von Schneidigkeit und zielbewusster That geltend machte, wurde Dr. Stern in den Vorstand der Wiener Cultusgemeinde gewählt. Hier öffnete sich besonders für seine ausgezeichneten juristischen Fähigkeiten ein weites Arbeitsfeld und als Obmann der Rechtsseetion wie späterhin auch als Vicepräsident der Cultusgemeinde entwickelte er eine vielseitige ersprießliche Thätigkeit. Die administrative Organisation der durch die Vereinigung mit den Vorj orten zu großer Ausdehnung gelangten Gemeinde und die Ausj arbeitung eines neuen, den geänderten Verhältnißen entsprechenden Gemeindestatutes waren zum großen Theile sein Werk. Dieses Werk vertheidigte er gegen die Majorität des Cultusvorstandes, als ihm im Vorjahre durch Schaffung der Wahlcurie der Höherbesteuerten die Einheit der Gemeinde gefährdet und und die neue Wahlordnung als ein Schritt nach rückwärts erschien. Obgleich damals der Erfolg nicht auf seiner Seite war, so blieb dennoch die zähe Energie, mit welcher er für seine fortschrittlichen Ideale und für dasjenige, was er als gut und zweckmäßig anerkannte, eintrat, nicht ohne Eindruck. Man müsste eine ausführliche Geschichte der Wiener Cultusgemeinde in den letzten Jahren uiederschreiben, wollte man ein umfassendes Bild der Thätigkeit Dr. Sterns entwerfen, die wohl oft angefeindet und missdeutet wurde, aber immer nur seiner glühenden Begeisterung für das Judenthum und dem aufrichtigen Willen, das Wohl seiner Glaubensgenoffen zu fördern, entsprang. Von den gleichen edlen Motiven war auch sein Wirken innerhalb der „Israelitischen Allianz in Wien" und die von ihm ausgegangene Gründung des „Allgemeinen österreichisch-israelij tischen Bundes" geleitet. > Die Theilnahme am öffentlichen Leben beschränkte sich I jedoch bei Dr. Stern nicht nur auf das confessionelle Gebiet, sondern er entwickelte auch im Wiener Gemeinderathe, wohin ihn im Jahre 1888 die freisinnigen Wähler des ersten Wahlkörpers im 2. Bezirke entsendeten, eine in der fortschrittlichen Partei allgemein anerkannte Thätigkeit. Bis zum Vorjahre gehörte er der Wiener Stadtvertretung an und galt in Fragen öffentlich rechtlicher und budgetärer Natur als eine Autorität ersten Ranges, die sich auch bei den Gegnern durch gründliche Sachkenntnis und schlagfertige Rede Respekt zu verschaffen wusste. In der gegenwärtigen Zeit, da die schroffen nationalen, confessionellen und sozialen Gegensätze bei wirklich bedeutenden Männern das Interesse am öffentlichen Leben nur allzuleicht abstumpfen, betrachten wir mit um so größerer Freude das Lebensbild eines Mannes, der ungebrochen durch die Last der Jahre auf seinem Platze ausharrt und unbekümmert um die mannigfachen Widerwärtigkeiten des politischen Kampfes an den hohen Idealen der Menschheit festhalt. Darum möge Herrn Dr. Alfred Stern noch eine lange .Reihe von arbeitsreichen Jahren beschieden sein, zum Wähle der Allgemeinheit und zur Ehre des Judenthums, als dessen treuer Sohn er sich stets bewiesen hat.

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