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Die Wahrheit · 1901-08-18 · Heft 33 (18.8.1901) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 33 (18.8.1901)
Date
1901-08-18
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Allgemeine Canloren-Zeilnng. Nr. 33. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 21. Ia>,rg. Rückblick auf Wien und den Cantorentag. Von Hermann Zivi-Elberfeld. „Wer zählt die Völker, wer kennt die Namen, die gastlich hier znsammenkommen" — das war mein Gedanke, als ich die Lokalitäten der israelitischen Religionsschule in der Seitensteltengosse zu Wien betrat, nm an der Vorversammluug des ersten internationalen Cantorencongrefses rheilznnehmen. Wie lag da aus allen Gesichtern der Typus des einander Fremden: Rumänen, Russen, Ungarn, Ober- und Niederösterreicher, Böhmen, Mährer, Polen und Deutsche waren herbeigeeilt, u n sich zu ernster Arbeit bereit zu stellen, tdwö ivrh in der Absicht, uni etwas Ersprießliches zustande zu bringen. Ein Gedanke aber erfüllte die Gemüter Aller, ausnahmslos Aller, wie sie gekommen waren; ein Jeder sagte sich: min xsrn p'xo nur von Wien aus kann Erlösung kommen, nur von Wien aus können die unhaltbaren Zuiiände geheilt werden, die dem Cantorenstande so hart auf dem Nacken liegen! —J Bevor ich nun dazu übergehe, den Cantorentag selbst Revue passieren zu lassen, sei es mir gestattet, diejenigen Eindrücke zu schildern, die ich in geradezu seelenerhebender Weise von den Gottesdiensten der israelitischen Cultusgemeinde Wien und auch von demjenigen der türkischen Gemeinde daselbst empfunden habe. Nachdem mir bereits am ersten Tage meiner Anwesenheit in Wien das Vergnügen zutheil geworden war, die Herren Collegen Singer, Bauer, Schiller und G u t t,m a n n kennen zu lernen, traf ich am Freitag Nachmittag zu meiner nicht geringen Freude mit Herrn Obercantor Fried mann aus Berlin zusammen, den ich während unseres mehrtägigen Verkehres sowohl als Mensche wie auch als College hochschätzen und verehren lernte. Abends besuchten wir zusammen den Gottesdienst im Seitenstetter - Tempel, wo Meister Singe r an der Stelle einstiger Wirksamkeit Prot. Sal. Sulzer's die eantorale Function versaht Beide betraten wir das verhältnismäßig kleine Gotteshaus mit großen Erwartungen; wir wurden indessen zum Staunen überrascht, als wir den idealsten Begriff eines Eantors mit einem auf das exacteste geschulten Chor zu einem wunderbar harmonischen Ganzen sich gestalten sahen. Der ganze Gottesdienst trug so recht den Charactcr eines jüdischen Gottesdienstes in vornehmster Gestalt; kein Wort der Störung war zu vernehmen, das zahlreich anwesende Publicum lauschte vielmehr andächtig den traditionellen Darbietungen des Herrn Obercantor Singer. Uns aber beste! ein Gefühl des Bedauerns, als der Gottesdieilst zu Ende war, des Bedauerns in Bezug aus uns selbst, weil es uns nicht noch einmal vergönnt war, .in Wien einem derartig vollendeten Freitag - Abend - Gottesdienst beizuwohnen, wie wir ihn soeben gehört hatten. — Am andern Morgen fanden wir uns Punkt 8 Uhr im Leopoldstätter-Tempel ein, wo an die Stelle des verewigten Goldstein den junge G u t t m a n n als Obercantor getreten ist. In der Schule des echt österreichisch-ungarischen nwn aufgewachsen, verfügt Herr Guttmann über einen Bariton von seltener Schönheit, und wenn nicht alle Zeicheil trügen, ist er ein Cantor, der in Zukunft noch viel Hervorragendes von sich reden machen wird. Im größten aller Wiener-Tempel fungierend, bietet Herr Guttmann heute schon einen Gottesdienst, der selbst verwöhnten Ansprüchen gerecht zu werden imstande ist, und er rechtfertigt somit vollständig' das nicht zu unterschätzende Vertrauen, welches ihm von der ersten Gemeinde Oesterreich - Ungarns entgegen gebracht wird. Zur Thora-Vorlesung hatte Herr College Friedmann wie auch ich die Ehre, mit einerbedacht zu werden. Auch in diesem Tempel waren Orbnung und Andacht mustergültig, namentlich wenn man bedenkt, dass tausende von Menschen hier versammelt waren. Noch vor Beendigung des Gottesdienstes giengen wir von der Tempelgasse nach dem nahegelegenen türkischen Tempel in der Zirknsgasse. Dort waltet schon seit einer respektablen Reihe von Jahren der immer noch jugendliche Obercantor Bauer in unverblasster Frische seines künstlerischen Bernfes. Sein herrlicher Tenor und seine unumschränkten Fähige keiten als Cantor fanden zu allen Zeiten die bedingungslose Anerkennung Aller, Lie jemals Gelegenheit hatten, ihn zu Horen, und keine geringere Corporation als der Vorstand der Wiener Cultusgemeinde'war es, die vor zwei Jahren Herrn Bauer in der ehrenvollsten Weise einlud, als Candidat für die Nachfolge Goldsteins aufzutreten. Herr Bauer indessen zog es vor, seinem sephardischen Ritus treu zu bleiben. Der türkische Tempel selbst ist außerordentlich reich ausgestattet, miö es dürfte wahrscheinlich kein jüdisches Gotteshaus weit und breit zu finden sein, da^ ihm an luxuriöser Schönheit und baulicher Bequemlichkeit gleich zustellen wäre. Im Laufe desselllen Vormittags besuchten wir dann noch die polnische Synngoge in der Leopoldsgaffe, wn wir leider den auf Urlaub befindlichen'Obercantür Schorr, von dem uns schon viel Rühmliches erzählt wurde,' nicht hören konnten, und zum Schluste kamen wir in die „Schiffschüle", wo wir vom Obercantor W i t t m a n n einige polnische Bravour-- stückchen zu hören bekamen. Den übrigen Theil des Sabbaths verbrachten wir in Collegenkreisen, denen sich in liebenswürdigster Weise auch der verdienstvolle und unermüdliche Secretär des österreichisch-ungarischen Cantorenvereines, Herr Chefredacteur Dr. L ö w y, anschloß. Am Sonntag Mittag wohnten wir je einer Trauung im Seitenstetter- und im Leopoldstätter-Tempel bei, um nachmittags mit dem inzwischen eingetrofsenen Obercantor Davidsohn aus Gleiwitz unter Führung des Herrn Collegen Guttmann einen Ausstug nach Baden bei Wien zu machen. Am Montag, den 29. Juli vormittags 10 Uhr begann nun der allgemeine Cantorentag mit einer zwanglosen Vorversammlung unter dem Präsidium des Herrn Ooercantor Bauer. Es war bemerkenswert, wie da die Gegensätze schon aufeinander platzten, und man brauchte kein Prophet und auch keines Propheten Sohn zu sein, um im Voraus zu wissen, dass die Debatten der Hauptsitznngen heftige sein würden. Um 3 Uhr nachmittags versammelte man sich im großen Berathuazssaale des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde. Es war in der That ein vornehmes Local, das man uns zur Verfügung gestellt hatte, vornehm durch den Zweck, dem es sonst zu dienen hat, aber auch vornehm durch seine sorgfältige Ausstattung. Von den Wänden blickten die verklärten Züge der Heroen vergangener Zeiten der Gemeinde auf uns herab, und auch das prachtvolle Bild Salomon Sulzers schien wie durchgeistigt an den Berathungen segnend theilzttnehmen. Dem Ganzen aber ward: durch das Erscheinen einer dreigliedrigen Deputation des Gemeindevorstandes die Krone aufgesetzt, und als gar der Vicepräsisent der Cultusgemeinde, Herr Landesschulrath Dr. Gustav Koh n, zu einer Ansprache das Wort ergriff, da war es jedermann klar, dass unsere Verhandlungen nicht würdiger hätten eingeleitet werden können. Nach Bildung des Bureaus, aus dem Herr Obercantor S i n g e r als Präsident hervorgieng, und nach dem darauffolgenden Kaiserhoch begann sofort eine heiße Schlacht der Meinungen; die Athmosßhäre brannte dazu in tropischer Glut, sodass es von vornherein den Anschein hatte, dass man sich an demselben Tage über die wesentlichen Punkte nicht werde einigen können. So wurde denn die Debatte nach mehrstündiger Dauer gegen Abend geschlossen. Für den ruhigen Beobachter unterlag es indessen keinem Zweifel, dass dem Gewitter der fast unüberbrückbaren Gegensätze ein Sonnenaufgang der Ruhe und Einigung folgen müsste

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