Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 33 (18.8.1901)
- Date
- 1901-08-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 33. Ein Wort über Äbr. GZldfa-en gelegentlich der Aufführung seiner Werke im „Baierischen Hof" zu Wien. Die „Opferung Isaaks" bildet den Schlussstein in der jüdisch - dramatischen Litteratur Goldfaden's, und wenn eine Analogie gestattet ist, so möchte ich dieses Werk mit Lessing's „Nathan der Weise" vergleichen. Wenn Anglist Wilhelm von Schlegel in seinem. Buche „Ueber dramatische Kunst und Litte- . ratur" sagt, - Lessing habe den „Nathan" blos deshalb geschrieben, um den Theologen einen Possen zu spielen — viel« leicht dadurch, dass er seinem Herzensfreunde Moses Mendelssohn ein unvergängliches Denkmal setzte, oder mit seiner „Parabel"^ die Toleranz vom Standpunkte einer höheren Weltanschauung verkündete — so kann andererseits mit Recht behauptet werden, die Goldsaden'sche „Opferung" veranschaulicht jeueo feste Gottvertraueu, welches das jüdische Volk charakterisirt Das können auch diejenigen sehen und hören, welche der Ansicht sind: „Das Auge mutz sehen, was das Her; soll glauben." Zn der Welt des Scheins führt uns Goldfaden keine erdichteten Gestalten vor, sondern historische Personen mit dem ganzen Zauber ihrer Persönlichkeit und ihres unversiegbaren Gottvertrauens vor, die untrüglich ein specifisch jüdisch-nationales Gepräge haben. Von Zuda Makkabi, Simon bar Kochba, Judith, > Esther unv Mordechai bis hinaus zu unserem ersten Patriarchen j Abraham, sind es große, von göttlicher Glorie umstrahlte; Gestalten, die er uns und der ganzen civilisirten Menschheit, j die heute zum Bibelstudium keine Zeit hat, vor Augen führt. ' Und so durste denn Goldfaden nach Vollendung seiner „Opsernng; Isaaks" die Feder niederlegen. Er hat seiner Zeit, er hat j seiner in aller Welt zerstreuten jüdischen Heerde den schuldigen ' Tribut als Jargon-Dichter abgetragen. Als ich einige Tage vor der Aufführung des in Rede stehenden Stückes mit dem Hauptdarsteller Herrn Zuckerberg (Abraham) beisammen saß, sagte er zn mir: „Zn dem demnächst zur Aufführung gelangenden letzten Singspiel Goldfaden's, habe ich als Abraham eine dankbare Rolle, die ich in Berlin mit bestem Erfolg ereilte." Ich empfahl dem kaum 23jährigen Künstler, eifrig deutsche Classiker zu studiren, worauf er bemerkte : „Allerdings, aber mein ganzes Wesen geht in der jüdischen Kunst auf. Ich habe genug zu thnu, um die großen Gestalten des jüdischen Volkes, die ich darstellen soll, richtig und würdig zu erfassen." Diese Worte, sie erinnern so lebhaft an die Devise Sonnenthal's: „Was ich nicht mit der Seele erfassen kan», vermag ich auch nicht wirksam darzustellen." Am 13. d. wurde die „Opferung" vor ansverkauftem Hause und im Beisein einiger Vertreter der Tagespresse znm erstenmale aufgeführt, und Herr Zuckerberg zeigte uns einen Abraham, nicht nur, lvie man zu sagen pflegt, wie er leibt und lebt, nein, wie er jedem Kenner . der Bibel vorschwebt, einen ganzen, einen vollkommenen Abraham. Der Künstler, der während der ganzen Handlung fast ununterbrochen beschäftigt ist, hielt das Publikum durch volle zwei Stunden im Banne einer meisterhaften Darbietung. Jede Pointe, jede Bewegung und Geberde, war ebenso künstlerisch vollkommen, wie die Ausdrucksweise, kurz Herr Zuckerberg hat einen großen Erfolg zn verzeichnen. Frau Karlik spielte die Sara mit guter Empfindung und bei eifrigerem Studium dieser überaus dankbaren Rolle, die übrigens in das Fach der Darstellerin nicht recht hineinpasst, wird sie manches Fehlende wohl bald nachholen. Frl. Mahler als „Isaak" war köstlich und entzückend. Herr Streng (Eleazar) ist ein vorzüglicher Darsteller, und wenn wir noch unserem prächtigen Komiker Herrn Silber ein „Bravo" zurufen^ so dürfen wir die für die Raumverhältniße unseres Blattes allzulange Recension schließen. _ N. CH. Verschiedene Nachrichten. Wien. (Zur Koscher-Fleischfrage). Herr Rabbiner Kramer hat, wie wir vernehmen, als Vertreter des WienersRabbinates eine Reise nach den hervorragendsten jüdischen Gemeinden Deutschlands unternommen, nm über die daselbst bestehenden Koscher-Fleisch-Jnstitutionen eingehende Studien zu pflegen, die bei der bevorstehenden Regelung dieser Frage in Wien verwertet werden sollen. Wien. Sonntag, den 25. d., findet im Leopoldstädter Tempel die Trauung des Frl. Bertha Mensch, Tochter des im 2. Bezirke hochgeachteten Bezirksrathes Herrn Jacob Mensch, mit Herrn Jacob Braun stein statt. Wien. Der Altmeister Baruch Schorr hat Wien wieder verlassen, er ist in seine Heimat, der galizischen Hauptstadt Lemberg, welche mit ihm durch ein vier Decennien umfassendes „Singen und Sagen" eng verknüpft ist, zurückgekehrt und steht ihm seitens seiner dortigen zahlreichen Freunde und Verehrer ein solenner Empfang bevor. Noch in letzter Stunde, am Abend des 15. d. M., musste der alte Mann derir Drängen seiner hier lebenden und wirkenden Schüler nachgebend, ein Concert im Restaurant Guth abhalten. Ihr Berichterstatter, der früher keine Gelegenheit hatte, Cäntor Schorr hören zn können, fand sich zu diesem letzten Concert, bei welchem liturgische Compositionen, Kunstwerke des greisen Meisters, zum Vortrage gebracht worden sind, ebenfalls ein. Diese genussvolle Stunde wird allen Theilnehmern in unverwischbarer Erinnerung bleiben. Man kann es sich als ein Glück anrechnen, den alten Mann zu hören und zu sehen, wie Alles, seine charakteristischen Hände, die Augen, wie alle Fasern seines Körpers singen. In diesen Anblick versunken, wähnte ich ein farbenprächtiges Bild der scheidenden Sonne zu betrachten, wie sie ihre mächtigen, herrlichen Strahlen auf die Erde, zurückwirft und die Menschheit gleichsam zu fragen scheint: Habe ich mein Tagwerk gut vollbracht? Wenn wir aus dieser Betrachtung eine Nutzanwendung auf Meister Baruch Schorr ziehen sollen, kann ich nur mit denjenigen Worten meine ihm nachgesendeten Grüße schließen, in welchen sein letztes Wiener Concert ausgeklungen hat: „od jehallichu seloh.“ N. Ch. Maden öer Wien. Ein wahrhaft „ausgezeichneter" Sabbath war es, an dem des Kaisers Geburtstag gefeiert wurde, indem aus Anlass dieses patriotischen Festes der weltbekannte Chasan R. Baruch Schorr mit seinen" tüchtigen Meschorerim berufen wurde, und bewährte sich auch da die Richtigkeit des Satzes -p» nrrn a;? 212 da die Betheiligung an dem Festgottesdieuste eine große war. Schon beim Schacherith.Gebete erschienen viele^Bethaus-Besucher und Curgäste, und in der That war die Andacht eine besonders erhebende. Noch mehr gilt dies aber vom Mnssaph-Gottesdienste, bei dem Herr Rabbiner Reich durch seine glänzende, geistvolle Rede den Tag als einen Triumph der göttlichen Gnade an Sr. Majestät, dem trostbringenden Herold des Friedens. feierte. Mit Absingung des Psalm 113 und der Volkshymne durch den Chor endete der patriotische Theil der Feierlichkeit. — n. Mrossnitz. Dienstag, den 20. d. M. fand die Brith-Mila des erstgeborenen Sohnes des Herrn S. Heller, Schwiegersohnes des Herrn k. k. Landesschulrathes und Viceprästdenten der, Wiener Cultnsgemeinde, Dr. Gustav Kohn, statt. Letzterer fungierte als Gevatter, bei seinem ersten Enkelkinde. Der rühmlichst bekannte Operateur Dr. Herzseld aus Wien vollzog die rituelle Circumcision. Miesling. Samstag, den 17. d., fand anlässlich des Geburtssestes des Kaisers im hiesigen Tempel ein feierlicher Gottesdienst statt, wobei Herr Cantor Otto Friedländer die üblichen Gebete mit seiner jugendlich klangvollen Stimme vorgetragen hat. Sonntag, den 18. d., verunstalteten die hiesigen jungen Leute einen Unterhaltungsabend und eine Theatervorstellung, an welcher sich die Herren .jnr. cand. Morawetz, Wellinger, sowie Zahnarzt Bix und die Damen Schüller, Kopperl und Färber betheiligten und ihre Rollen glänzend d arstellten. Herr Cantor Otto Friedländer erweckte mit seinem ausgezeichneten Liedervortrag großen Beifall. Ein animirtes Tanzkränzchen folgte dieser strefflichen Unterhaltung. Dein Vergnügungs-Comitü wurde volle Anerkennung zugesprochen. Währ.-Auffee. .Im festlich geschmückten Tempel zu M.-Schönberg hielt Herr Rabbiner Dr. Proßnitz anlässlich des Geburtstages Sr. Maj. des Kaisers eine begeisternde Festrede, in welcher er der zahlreichen Versammlung das liebevolle und fürsorgliche Wirken unseres Kaisers trefflich vor Augen führte. Die Festgesänge, welche unser Herr Cantor Müller mit gemischtem Chore besorgte, fanden seitens aller Anwesenden den besten Beifall. HeWitfch. Der Capellmeister des neuen Stadttheaters in Meran. Herr Jules Gottlieb', hat ein Gedicht des russischen Großfürsten Konstantin, Präsident der Akademie der Wissenschaften, vertont irnd die